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Geheimnisvolle Knolle

Kategorie: Essen
 Ausgabe 05 - 2011 - 01.05.2011

Text:  Vera Sohmer

Die Süsskartoffel ist vielseitig: Nicht nur Salziges, sogar Pudding und Glace gelingen damit. Zudem ist das Windengewächs auch ein hübscher Schmuck für Fassaden und Mauern.

In unseren Läden findet man die Süsskartoffel erst seit ein paar Jahren – laut Coop allmählich bekannt gemacht durch Kochsendungen und Rezeptbücher. Doch wer die Knolle zum ersten Mal in der Hand hält, denkt zunächst: welch seltsames Gewächs. Mit seiner rötlichen Farbe und der schrundigen Schale sieht es aus, als ob sich eine Kartoffel einen Sonnenbrand geholt hätte. Und der meist spindelförmige Körper lässt einen an ein Wesen denken, das unterirdisch im Dunklen haust – etwas zwischen Grottenolm und Maulwurf. Ein appetitan regendes Lebensmittel sieht anders aus. Doch Kenner raten, sich vom Erscheinungsbild nicht abschrecken zu lassen.

Die Knolle mag es warm

Auch Sara Dobolyi ist ein Süsskartoffel-Fan. Die Einkaufsleiterin beim Gemüseproduzenten Rathgeb-Bio in Unterstammheim hat diverse Kontinente bereist, um alles über den professionellen Anbau zu lernen. Mehrfach war sie in Neuseeland, wo die Süsskartoffel seit Urzeiten angebaut wird und heute zum Standardangebot in den Supermärkten gehört. So wie bei uns das Rüebli oder die herkömmliche Kartoffel. In China sah sie Süsskartoffel-Felder, soweit das Auge reicht. Effektiv ist China heute einer der Hauptproduzenten. Und weil sich dort die Landbevölkerung selbst mit Lebensmitteln versorgt, sind Süsskartoffeln in fast allen Hausgärten zu finden.

«Sie gedeihen auch bei uns», ist Sara Dobolyi überzeugt. Mehrere Versuche hat sie bereits unternommen. Für den professionellen Anbau der wärmebedürftigen und frostempfindlichen Pflanze wird es jedoch noch eine Reihe weiterer Feldversuche brauchen, schätzt die Gemüseexpertin. Was sie an der Süsskartoffel besonders faszinierend findet: Dass sie zum einen so nahrhaft und ergiebig ist – sie habe Menschen in vielen Kulturen vor Hungersnot bewahrt, ihnen Gesundheit und Kraft beschert; den Maori-Stämmen beispielsweise, der Urbevölkerung Neuseelands. Zum anderen lässt sich die Süsskartoffel sehr vielseitig zubereiten und ist der herkömmlichen Kartoffel in dieser Hinsicht haushoch überlegen. Ob Herzhaftes, Exotisches, Leichtes, Süsses, es gibt kaum etwas, das sich nicht mit ihr kochen lässt. Sogar für Crème brûlée, Pudding, Glace oder Konfekt gibt es Rezepte.

Wissenswertes über die Süsskartoffel
Wo sie herkommt: Darüber sind sich die Experten uneins. Mittelamerika wird oft als Ursprung genannt. Gesichert scheint, dass schon lateinamerikanische Hochkulturen Süsskartoffeln anpflanzten. Möglich ist auch, dass die Wildform aus Polynesien stammt, der Heimat der Maori. Sie nahmen die Süsskartoffel mit, als sie Neuseeland besiedelten. Oder stammt sie doch aus China? Das Land zählt heute jedenfalls zu den Hauptproduzenten, laut Wikipedia mit einem Jahresertrag von rund 102 Millionen Tonnen. Angebaut wird die Süsskartoffel darüber hinaus in den Tropen und Subtropen. Europäische Anbauländer sind Italien, Portugal und Spanien. Die Schweiz importiert hauptsächlich aus den USA und Israel. Man bekommt Süsskartoffeln das ganze Jahr. Zwischen September und Januar gibt es biologisch angebaute aus Spanien.
Was sie mit der Kartoffel gemeinsam hat: Sie bildet unterirdische Speicherwurzeln in Knollenform – das, was wir essen. Ansonsten besteht keine direkte Verwandtschaft. Süsskartoffeln gehören zu einer anderen Pflanzenfamilie, zu den Windengewächsen.
Welche Sorten es gibt: Dutzende. Sie haben weisses, orangefarbenes, violettes oder rotes Fleisch. In Europa werden die Sorten Covington (USA), Beauregard (Honduras) und Georgia Jet (Israel) angeboten. Letztere ist die beliebteste, obwohl die Lagerung heikel ist. Ihr Fleisch hat die Farbe einer Karotte. Es ist feucht und zerfällt kürbisartig. Die weisse Süsskartoffel hingegen ist eher mehlig.
Wie man sie zubereitet: Backen, dämpfen, kochen, fritieren, pürieren – alles, was man mit einer normalen Kartoffel machen kann, ist auch mit der Süsskartoffel möglich. Wesentlicher Unterschied zur Kartoffel: Süsskartoffeln kann man auch roh verzehren, beispielsweise geraffelt im Salat.

Sarah Dobolyi mag die Kartoffel am liebsten aus der Pfanne, und zwar solo. Einfach schälen oder, wenn es Bio-Ware ist, ungeschält in Würfelchen schneiden, in Öl oder Butter anbraten, mit Salz abschmecken, fertig. Zur Abwechslung gibt es die Variante mit fein geschnittenen Zwiebeln und ein bisschen Knoblauch. Oder man mischt sie mit anderen Gemüsesorten. Auch Süsskartoffelbrot sei etwas Schmackhaftes, findet die Gemüseeinkäuferin. Es bekomme eine spezielle Note, weil der Zucker in den Kartoffeln beim Backen kandiere.

Buchtipp
Sonja Schubert, Barbara Lutterbeck, «Süsskartoffel» Edition Styria, Fr. 24.90

Fotos: Westend 61/Creativ Studio Heinemann, fotolia.com

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