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Personalisiertes Essen

Kategorie: Essen, Ernaehrung
 Ausgabe_12_19 - 06.08.2019

Text:  Monika Neidhart

Unsere Gene bestimmen, was wir essen sollen, meinen Nutrigenetiker: DNA-Analysen sollen dabei helfen, die richtige, individuelle Diät zu finden. Die Speicheltests dafür gibt es überall zu kaufen. Doch die Nutrigenetik steht noch am Anfang – und birgt Gefahren.

@ Lina Hodel

Warum nehme ich an Gewicht zu, während mein Bruder, der tafelweise Schokolade isst, gertenschlank bleibt?» Maria, 54, hat sich diese Frage schon in ihrer Jugend gestellt. Heute bereiten ihr Linsen und Sojamilch, die dank des hochwertigen Eiweisses im Moment hoch gelobt werden, Bauchweh. Maria ist verunsichert. Wie soll sie sich ernähren, um gesund und leistungsfähig zu bleiben und auch in den Wechseljahren ihr Gewicht zu halten? 

«Der Mensch ist einzigartig geschaffen», sagt Gerold Honegger, Allgemeinmediziner FMH im Hotel Hof Weissbad in Weissbad (AI). Entsprechend gibt es für ihn und sein Team nicht eine Lösung, nicht DIE Antwort, die für alle passt. Die individuelle Lösung heisst hier «MeD-TeN». Das ist eine Kombination aus Schulmedizin, traditioneller Heilkunde und einer Ernährung basierend auf «SWAMI GenoTyping», einem hoch entwickelten Computer-Software-System des amerikanischen Naturheilkundlers Peter J. D‘Adamo (Erfinder der «Blutgruppendiäten»). Grundlage des GenoTypings ist die Epigenetik. Es geht um die Frage, welche Faktoren die Aktivität eines Gens und damit die Entwicklung der Zelle festlegen? Diese Mechanismen entfalten sich bereits im Mutterleib und entwickeln sich von Mensch zu Mensch verschieden. Dank angepasster Ernährung und Bewegung können gemäss D‘Adamo positive Gene gefördert werden, während schädlichere weniger bestimmend ausgeprägt werden. Dabei spielt gemäss seiner Theorie die Ernährung eine entscheidende Rolle.

Es ist ein Privileg unserer Gesellschaft, dass wir jeden Tag wählen können, was wir essen und trinken. Das macht indes nicht nur glücklich, es irritiert auch: Wir stehen einer riesigen Fülle von Nahrungsmitteln aus aller Welt gegenüber. Gleichzeitig sind wir einer Flut von sich widersprechenden Informationen über eine gesunde Ernährung ausgesetzt. Und so wächst die Unsicherheit: Was ist wissenschaftlich belegt, was ist einem Interesse geschuldet? Vor allem aber: Was stimmt für mich?

Sicherheit und Selbstoptimierung
«Megatrends» im jährlich erscheinenden Foodreport des Zukunftsinstituts von Matthias Horx in Frankfurt und Wien oder «Trends im Bedürfnisfeld Ernährung» einer Expertengruppe an der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaft zeigen, dass die Suche nach Sicherheit, Selbstoptimierung und Gesundheit uns in den nächsten Jahrzehnten stark beschäftigen werden. Aus diesen Bedürfnissen heraus werden wir auch unsere Ernährung individueller gestalten. Neben der klassischen Ernährungsberatung und bereits bekannten Formen wie Blutgruppendiät, Rohner-Diät oder der Metabolic-Balance entstehen weitere Angebote wie eben zum Beispiel SWAMI GenoTyping. Ab rund 300 Franken bis zu mehreren Tausend Franken gibt es entsprechende Gentests, zu finden auch im Internet. «Der Tatsache, dass diese Untersuchungen auf den Ergebnissen einer qualitativ hochwertigen Forschung beruhen, stehen deren fehlende Validierung und insbesondere ein Mangel an klinischer Relevanz gegenüber», gibt jedoch Epidemiologin Murielle Bochud zu bedenken (siehe Interview unten).

In der Schweiz wird das SWAMI GenoTyping zum Beispiel vom Institut für Integrative Naturheilkunde in Zürich angewandt. Laura Koch ist mitverantwortlich für die Ausbildung von angehenden Beratern. Sie sagt: «SWAMI GenoTyping ist ein Softwareprogramm, das die persönlichen Daten anhand von knapp 13 Millionen Algorhythmen berechnet. So ist es möglich, eine massgeschneiderte Ernährung für jede und jeden einzelnen zu definieren.»

Grundsätzlich unterscheidet D‘Adamo sechs Genotypen: Jäger, Sammler, Lehrer, Forscher, Krieger und Nomaden. Rund 800 Lebensmittel werden mit seinem Computerprogramm mit den eingegebenen Werten der Person überprüft und in «Supernahrungsmittel», «neutral» und «zu meiden» eingeteilt. Einige Nahrungsmittel sind mit Diamanten markiert – sie sollen die Gesundheit des Betreffenden besonders fördern und das Abnehmen erleichtern.

Sammler? Nein, Forscher!
Hauptverantwortliche für MeD-TeN im Hof Weissbad ist Francine Jakob, Naturärztin SPAK und Ernährungsberaterin. Fast eineinhalb Stunden befragt sie Maria über ihre Gesundheitsgeschichte und die ihrer Familie, über Essgewohnheiten, ihre Blutgruppe und vieles mehr aus. Oft ist es still im Raum. Nur die Tastatur ist zu hören. Biometrische Messungen von Kopfumfang, Kopflänge oder Rumpf tippt Jakob in den Computer. Derweil steigt bei Maria die Spannung. Sie kann sich keinen Reim darauf machen, warum die Naturärztin auch noch die Länge der beiden Ringfinger ausmisst. «Je regelmässiger die Mutter während der Schwangerschaft gegessen hat, desto symmetrischer sind die Finger», erklärt Jakob. «Wenn die Mutter hingegen Hunger litt, könnte es sein, dass der Embryo daraus folgerte, dass er sich auf Hungerzeiten einrichten muss. Daraus kann der GenoTyp Sammler entstehen.» Dieser sei anfällig dafür, Kalorien als Fettreserve zu speichern.

Und welcher der sechs Genotypen ist nun wohl Maria? Francine Jakob studiert ihre Zähne, die Körperform, die Fingerabdrücke. Rund 90 Variablen erfasst die Naturärztin im Programm. Das Resultat ist ein mehrseitiges Dokument mit einer Liste von Nahrungsmitteln, die sie auch online abrufen kann. Maria entspricht dem Genotyp «Forscher». Dass sie Kaffee, Linsen, Sprossen oder Blauschimmelkäse in der Kategorie «zu meiden» findet, bestätigt ihre Wahrnehmungen. Erleichtert ist sie, dass sie Milchprodukte gut verträgt – eine ihrer Haupteiweissquellen. Die Nahrungsmittel soll sie in Bio-Qualität wählen, denn Genotypen, die als Forscher bezeichnet werden, entgiften schlecht. Medizinisch sind solche Menschen manchmal ein Rätsel. Ihre Krankheiten sind nicht immer einfach zu diagnostizieren. «Viel wichtiger, als zu wissen, welche Risiken dein genetisches Potenzial mit sich bringt, ist zu erkennen, was du tun kannst, um deiner Genetik den Raum zu geben, sich in eine gesunde Richtung zu entwickeln», fast Jakob das Hauptziel für Maria zusammen.

Freude am Essen
Im Verlaufe der Woche im Hotel Weissbad hat Maria nun die Gelegenheit, die Empfehlungen gemäss SWAMI Geno Typing und den Fachleuten vor Ort umzusetzen. Im Umgang mit ihrer Nahrungsmittelliste übt sie sich selbstständig im Restaurant. Entsprechend ihrer Liste wählt sie aus der Abendkarte als Vorspeise das konfierte Filet vom Alpensaibling statt Roggenbrotbruschetta mit Tomaten. Als Hauptspeise das Duett vom Emmentaler Limousin-Rind. Noch ist es ein Suchen in der umfangreichen Liste, was sie wählen darf, resp. meiden soll. Dennoch ist Maria erleichtert: Auf den Genuss muss sie nicht verzichten.

Gerade der Genuss steht für Ernährungsberaterin Laura Koch an erster Stelle: «Der Mensch soll Freude am Essen haben. Wenn Essen in Kontrollwahn und Stress ausartet, schadet auch ein sogenannt gutes Lebensmittel dem Körper», ist sie überzeugt. Es reicht, meint sie, wenn die Empfehlungen zu 80 Prozent umgesetzt werden. Wichtig im Alltag sei einfach, möglichst vielseitig zu essen. So bleibe man trotz Diät gesellschaftstauglich und könne eine Einladung entspannt geniessen, auch wenn die Speisen nicht der eigenen Liste entsprechen.

Koch empfiehlt die SWAMI GenoTyp-Beratung nicht allen Menschen. «Besonders Ratsuchenden nicht, die sich fast schon zwanghaft gesund ernähren möchten.» Zudem könnten manche mit der umfangreichen Dokumentation überfordert sein; zumal Ergebnisse zum Teil noch auf schweizerische Verhältnisse angepasst werden müssen. Das findet auch Maria. Sie werde in Zukunft noch mehr Nahrungsmittel mit hohem Anteil an Antioxidantien essen, um dem Körper bei der Entgiftung zu unterstützen, versichert sie. Die entsprechende Liste hat sie auf ihrem Handy abgespeichert. «Eichhörnchen oder Bären werde ich aber auch in Zukunft nicht essen», fügt sie schmunzelnd an.

Gefragt: Murielle Bochud*

«Jeder ist sein eigener Experte»

Frau Bochud, was bedeutet für Sie «personalisierte Ernährung»?
Jeder Mensch ist zuerst einmal Experte seiner selbst. Das Individuum spürt, welche Nahrungsmittel ihm bekommen und welche Unwohlsein auslösen. Zudem ist Essen immer auch durch den kulturellen und sozialen Kontext geprägt. Daraus entsteht eine individuelle Gestaltung der Ernährung. Personalisierte Ernährung heisst für mich aber auch, dass das Individuum fähig ist, die allgemeinen Ernährungsempfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE umzusetzen.

Welche Gefahren sehen Sie im Hype rund um die personalisierte Ernährung?
Kurzfristig kann man mit vielen Diäten Erfolge erzielen, sei es ein anderes Wohlbefinden oder Verlust an Gewicht. Was der Gesundheit längerfristig dient, kann meist nur durch medizinische Untersuchungen bekräftigt werden. Ist der Bedarf an Mikronährstoffen (wie Vit. B12, Eisen usw.) gedeckt? Ist ein Verzicht auf Gluten wirklich zielführend? Viele Fakten, die für die langfristige Gesundheit von hoher Relevanz sind, können nur von Fachleuten beantwortet werden.

Welche weiteren Tipps geben Sie für die Wahl einer personalisierten Methode?
Im Moment gibt es viele Scharlatane, die das Geschäft mit dem Geld wittern. Oft basieren Ratschläge auf Glauben, nicht auf wissenschaftlichen Fakten. Fragen Sie nach wissenschaftlichen Studien. Bleiben Sie kritisch. Sie selbst sind ihr eigener Experte! Grundsätzlich ist die Diversität beim Essen wichtig. Sie gewährleistet die Versorgung mit allen Nährstoffen. Bei gesundheitlichen Problemen wie Diabetes braucht es eine professionelle, anerkannte Ernährungsberatung.



* Murielle Bochud
ist Chefärztin der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitssysteme am Universitätszentrum für Allgemeinmedizin und Gesundheitswesen an der Unisanté Lausanne sowie Ärztin für öffentliche Gesundheit mit Doktortitel in genetischer Epidemiologie.

Fotos: zvg | Lina Hodel

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