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Beeren stark

Kategorie: Essen, Natur

Text:  Erna Jonsdottir

Schwarz, blau, violett, rot – bunte Beeren sind wahre Vitaminbomben, die uns bis in den Herbst hinein an fast jeder Ecke der Natur zum Naschen verführen. Ihre Heilkraft, die nicht nur im Fruchtfleisch steckt, wird seit Jahrhunderten in der Naturheilkunde geschätzt.

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Sie haben eine magische Anziehungskraft, diese kleinen Wunderwerke der Natur: «Iss mich», scheinen die knallig farbigen Beeren verführerisch zu rufen. Damit verfolgen sie einen eigennützigen Zweck: Sie wollen sich ausbreiten, was nicht jede Pflanze auf eigene Faust kann. Während sich zum Beispiel die Brombeere auch vegetativ vermehrt, indem sie Ausläufer bildet, sind Kirschbäume auf Mensch und Tier angewiesen, damit sie sich verbreiten können.

Dabei geht die Liebe bekanntlich durch den Magen. Eine Liebe allerdings, die für den Menschen gefährlich werden kann. Gut, dass wir bereits im Schulalter auf Pflanzenwanderungen lernen, die Finger vom prächtigen Aronstab, dem unschuldigen Schneeglöckchen und der mystischen Tollkirsche zu lassen. Der Verzehr dieser und anderer wildwachsenden Beeren kann nämlich mitunter tödlich enden. Wer in der Natur erntet, sollte sich also auskennen und wissen, welche der verführerischen Beeren toxisch sind und welche roh oder aber nur gekocht oder erst nach dem ersten Frost geniessbar sind.

Wichtig!



Hinweise zu den dunkel markierten Beeren


Blutroter Hartriegel
Die schwarzen Früchte sind roh ungeniessbar. Das gelbe Fruchtfleisch unter der schwarzen Haut verursacht Bauchschmerzen. Die Beeren eignen sich gekocht für Konfitüren gemischt mit anderen Wildfrüchten.

Eberesche, Vogelbeere
Frisch vom Baum können die Beeren Durchfall verursachen. Nur in kleinen Mengen roh essen.

Eingriffliger Weissdorn
Frucht vom Kern lösen und roh essen.

Eiben-Frucht
Der Kern ist toxisch. Deshalb nur das entkernte Fruchtfleisch essen. Den Kern nicht zerbeissen und ausspucken!

Wacholder
Beeren nur in sehr kleinen Mengen (als Gewürz) konsumieren, es können ansonsten Magenreizungen auftreten. Schwangere sollten auf Wacholderbeeren verzichten. Sie haben eine abortive Wirkung.

Hundsrose, Hagebutte
Roh essbar, aber nur ohne Kerne! Schmeckt am besten als Mark, Marmelade oder im Tee.

Mahonie

Ähnlich wie die Berberitzen werden die Früchte der Gewöhnlichen Mahonie zusammen mit anderen Früchten zu Konfitüren verarbeitet. Die sauren Beeren sollten nicht in rauen Mengen verschlungen werden.

Schwarzer Holunder
Reife Beeren nicht roh essen; nur gekocht verwenden.


Hagebutte

Wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe
Hierzulande am beliebtesten sind die vitamin- und mineralstoffreichen Himbeeren, Erdbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren und Heidelbeeren. Sie werden zwar auch in verschiedenen Sorten gezüchtet und in Gärten kultiviert; Wildpflanzen enthalten in der Regel jedoch grössere Mengen an Sekundärstoffen als Kulturpflanzen. Die sekundären Pflanzenstoffe wie zum Beispiel Gerb- und Schleimstoffe, ätherische Öle, Bitterstoffe und Flavonoide werden von den Pflanzen aus den Bausteinen des Primärstoffwechsels gebildet. Während die Primärstoffe (Kohlenhydrate, Proteine, Eiweisse, Vitamine und Spurenelemente) Pflanzen für die Wachstums- und Entwicklungsprozesse dienen, nutzen sie die Sekundärstoffe als chemische Abwehrstoffe gegen Schädlinge, Krankheiten und Mikroorganismen; oder als Lockmittel für Insekten und Tiere. Damit nicht genug: Ätherische Öle sorgen zum Beispiel dafür, dass die Pflanzenzellen nicht überhitzen. Flavonoide, die gelblich-orangen Farbstoffe, wiederum schützen die Pflanze vor UV-Licht.

Flavonoide sind in der Phytotherapie sehr geschätzt, weil sie eine antioxidative und teilweise auch hormonähnliche Wirkung haben. Sie kommen in grossen Mengen in Lebensmitteln wie Brokkoli, Grünkohl, Tomaten, Zwiebeln, Grüntee oder Preiselbeeren vor. Je nach Literatur sind über 6500 verschiedene Flavonoide beschrieben.


Stachelbeere

Beeren als Krebsprophylaxe
In enger Verbindung zu den Flavonoiden stehen die Anthocyane. Das Wort kommt aus dem Griechischen und ist aus «Anthos» (Blüte) und «kyanos» (blau) zusammengesetzt. Will heissen: Es sind die Anthocyane, die für den natürlichen Farbstoff aller roten, blauen und blauschwarzen sowie violetten Beeren zuständig sind. Die Wirkung ist laut Ursel Bühring, Autorin und Dozentin für Heilpflanzenkunde in Deutschland, zwar noch nicht ausreichend erforscht. Dennoch gelten sie als Zell- und Leberschutzmittel sowie als krebsverhütend; als Radikalfänger sind Anthocyane auch den Vitaminen C, E und Betacarotin überlegen, schreibt Bühring in ihrem Lehrbuch «Praxis Heilpflanzenkunde». Sie empfiehlt Anthocyane innerlich zur Krebsprophylaxe, bei Netzhauterkrankungen des Auges sowie zur Förderung der Epithelregeneration bei Magen-Darm-Geschwüren. Des Weiteren haben Anthocyane eine 
schützende und verbessernde Wirkung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Echte oder falsche Beere?



Die Erdbeere ist keine echte Beere. Sie ist eine Scheinfrucht beziehungsweise eine Sammelnussfrucht, weil der rote und fleischige Teil bei der Umwandlung des Fruchtbodens entsteht. Die Früchte, die Archänen (Nüsschen), sind die kleinen Körnchen auf der Oberfläche der Erdbeere. Die Himbeere und die Brombeere hingegen sind tatsächlich Sammelfrüchte und die Holunderbeere ist eine Steinfrucht. Zu den echten Beeren zählen unter anderem die Heidelbeere, Preiselbeere, Stachelbeere und die Johannisbeere. Botanische Beeren müssen indes nicht zwangsläufig süss, klein und rund sein: Auberginen, Zucchini, Peperoni, Avocado, Datteln und Bananen gehören auch zu den echten Beeren.

Interessant: Gemäss einer amerikanischen Studie verfügen Kirschen über schmerz- und entzündungshemmende Wirkstoffe. Etwas bekannter sind die antibakteriellen Eigenschaften der Preiselbeere, die in der Frauenheilkunde bei Harnwegsinfektionen eingesetzt werden. Bei Gedächtnis- und Lernschwierigkeiten soll die Heidelbeere helfen. Doch aufgepasst: Aufgrund ihres Saftgehalts mit den Fruchtsäuren wirken Heidelbeeren in grossen Mengen abführend. Getrocknet hingegen bewirken sie wegen der enthaltenen Gerbstoffe genau das Gegenteil: Sie helfen bei unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen.



Spitzenreiterin in Sachen Anthocyane ist die aus Nordamerika stammende Apfelbeere (Aronia), die seit einigen Jahren zunehmend öfter auch in der Schweiz angebaut wird. Doch auch unsere einheimischen Heidelbeeren, Schwarzen Johannisbeeren, Preiselbeeren, Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren und Holunderbeeren können mithalten in Sachen gesunder und schmackhafter Snack. Die reifen Beeren des Holunders sollten indes nicht roh gegessen werden. Denn roh können sie auch in kleinen Mengen Übelkeit, Bauchschmerzen und Brechen hervorrufen. Gekocht sind sie hingegen unproblematisch. Wer das Risiko einer Fuchsbandwurm-Infektion ausschliessen will, sollte auch die bodennah wachsenden Wald-Erdbeeren vor dem Genuss erhitzen. Keine Sorge, Flavonoide sind hitzestabil und gehen beim Kochen nur geringfügig verloren.

Sammelzeit der wilden und kostenlosen Beeren und Früchte

 

Früchtelateinischer NameJuni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez.
Alpen-JohannisbeereRibes alpinum L.Juli
Blutroter HartriegelCornus sanguinea L.Juli, Aug., Sept., Okt.
Eberesche (Vogelbeere)Sorbus aucuparia L.Aug. bis Sept., jedoch nach dem ersten Frost
Echte Brombeere Rubus fruticosus agg. Aug., Sept.
Eingriffliger WeissdornCrataegus monogyna L.Aug., Sept.
ElsbeereSorbus torminalis L.Sept. bis Okt., nach dem ersten Frost  
Europäische Eibe Taxus baccata L.Sept.
Felsen-KirschePrunus mahaleb L.Juli, Aug.
Gewöhnliche BerberitzeBerberis vulgaris L.Aug., Sept.
Gewöhnliche MehlbeereSorbus aria agg.Aug. bis Nov., nach dem ersten Frost
Gewöhnlicher WacholderJuniperus communis L.  Aug.
Heidelbeere, BlaubeereVaccinium myrtyllus L. Juli, Aug.
HimbeereRubus idaeus L.Aug., Sept.
Hundsrose, HagebutteRosa canina agg. Sept. 
Kornelkirsche Cornus mas L.Juli, Aug., Sept., Okt.
MahonieMahoniaSept., Okt.
Mispel (Asperl)Mespilus germanicaNov. bis Dez., nach dem ersten Frost
PreiselbeereVaccinium vitis-idaea L.Juli, Aug., Sept.
Sanddorn Hippophae rhamnoides Sept., Okt.
Schwarzdorn, SchlehePrunus spinosa agg.Sept. bis Dez., nach dem ersten Frost
Schwarzer HolunderSambucus nigra L.Aug., Sept.
StachelbeereRibes uva-crispa L. Aug.
Traubenkirsche Prunus padus L.Juni, Juli, Aug., Sept.
Vogel-KirschePrunus avium L. Juni, Juli
Wald-Erdbeere Fragaria vesca L.Juni, Juli
Wilde BlasenkirschePhysalis alkekengi L. Sept., Okt.


Die Kraft der Blätter 
Eine wichtige Rolle in der Phytotherapie spielen unter anderem die gerbstoffhaltigen Blätter der Rosengewächse Brombeere, Himbeere und Wald-Erdbeere. Früher wurden Tierhäute durch Gerben mit Eichenrinde, Blutwurz oder Baumnussschalen konserviert, denn Gerbstoffe fällen Eiweisse der oberen Haut- und Schleimhautschichten aus. Auf unseren Körper wirken sie adstringierend (zusammenziehend), austrocknend, antiseptisch, antiphlogistisch (entzündungshemmend), blutstillend und juckreizlindernd. Deshalb helfen Teeaufgüsse von den oben erwähnten Blättern nicht nur bei unspezifischem, akutem Durchfall, sondern auch bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum. Zudem können die frischen, zerriebenen Blätter als «Wiesenpflaster» oder bei Insektenstichen angewendet werden. Als koffeinfreier Ersatz für Schwarztee kommen fermentierte Brombeerblätter in viele Teemischungen.

Himbeerblätter haben darüber hinaus eine blutungs- und hormonausgleichende Wirkung; Erdbeerblätter wiederum sind bei jungen Mädchen zyklusregulierend; und die Blätter der Schwarzen Johannisbeere werden der «schwarzen» Phase einer Frau zugeordnet: Sie sollen Frauen in den Wechseljahren helfen, «eine neue Identität als älter werdende Frau jenseits vom Jugendlichkeitswahn zu finden», schreibt Heide Fischer, Ärztin und Spezialistin für Naturheilkunde in der Gynäkologie in ihrem heuer erschienenen Buch «Frauenheilpflanzen». Stark in kalten Zeiten Licht ins Dunkle bringt auch der orange leuchtende Sanddorn, der mit seinem orangen, dichten Beerenschmuck als «Multivitaminkapsel» schlechthin gilt. Ein einziger Teelöffel des frisch gepressten Safts enthält die benötigte Tagesdosis an Vitamin C! Der Sanddorn ist ausserdem die einzige Obstfrucht, die nebst dem Kern auch im Fruchtfleisch ölhaltig ist und daher die fettlöslichen Vitamine A, E und K bereitstellt. Zudem gibt es in der Natur keine bessere Vitamin-B12-Quelle. Es wundert nicht, ist der Sanddorn ein altbewährtes Mittel bei Anfälligkeit gegen Erkältungskrankheiten und bei Erschöpfungszuständen. Das Sanddornöl fördert die Heilung von Wunden und hilft bei Sonnenbrand. Vorsicht: Der giftige Europäische Feuerdorn sieht dem Sanddorn sehr ähnlich! Der Sauerdorn (Berberitze) ist zwar nicht mit dem Sanddorn verwandt – seine getrockneten Früchte eignen sich aber ebenso perfekt als vitamin- und mineralstoffreicher Snack für das Immunsystem. In der Küche geben die Früchte Suppen und Saucen ein wunderbares Aroma. Eine alte, heimische, vergessene Wildfrucht ist die Mispel. Sie wird am besten nach dem ersten Frost gepflückt. Die Konsistenz ist zwar etwas holzig, dafür erinnert der liebliche Geschmack an Aprikosen. Ebenso nach dem ersten Frost gepflückt werden die Früchte des Schwarzdorns. Dann verlieren sie etwas von ihrem herb-sauren Geschmack. Das gilt auch für die Eberesche: Hat sich Herr Frost über die Vogelbeeren gelegt, schmecken sie milder. Sie sollten jedoch roh nur in kleinen Mengen gegessen werden. Gekocht sind sie unproblematisch und schmecken wunderbar als Konfitüre oder Gelee. Zudem geben sie Desserts und Wildgerichten einen herben Touch.

Buchtipps

Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann, Roland Spiegelberger:
«Essbare Wildpflanzen – 200 Arten bestimmen und verwenden»,
AT Verlag 2015, ca. Fr. 24.–

Christine Schneider, Rudi Beiser, Maurice Gliem:
«Wild- und Heilkräuter, Beeren & Pilze finden.
Der Blitzkurs für Einsteiger»,
Eugen Ulmer 2019, ca. Fr. 24.–

Fotos: iStock.com | http://unsplash.com/anita-austvika
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