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Wääh, istt das süss!

Kategorie: Essen
 Ausgabe_01_02_18 - 01.02.2018

Text:  Veronica Bonilla

Ein leben frei von Haushaltszucker – macht das überhaupt noch Spass? Unsere Autorin hats ausprobiert – und ist auf den Geschmack gekommen.

@ istockphoto.com

Viele Jahre lang gehörte ein Stück schwarze Schokolade oder lieber noch ein Walkers Shortbread zu meinem Nachmittagskaffee wie der weisse Palmenstrand zur Karibik. Die Schokolade bekam mir gut, die Guetzli deutlich weniger. Selten blieb es nämlich bei einer einzigen dieser weltbesten Butter-Zucker-Mehl-Rondellen, öfter wurden es zwei oder gar drei. Doch was meinem Mund überaus schmeckte, goutierte der Magen nicht und tat sein Missfallen mit Übelkeit kund. Das war lästig, doch ohne Süsses schien mir etwas zu fehlen.

Bis ich vor etwas mehr als einem Jahr im Internet die Familie «Zuckerfrei» entdeckte. Mehrere Wochen verzichtete die vierköpfige Familie nicht nur auf sämtliche Süssgetränke und Süssspeisen. Mit detektivischer Akuratesse hatte Mama Angela auch alle Produkte mit verstecktem Zucker aufgespürt und von ihrer Einkaufsliste gestrichen. Dass Ketchup jede Menge Zucker enthält, weiss heute jedes Kind. Doch was, bitteschön, hat Zucker in Wienerli, Bündnerfleisch, Bouillon, Dar-Vida oder Fertigpizza verloren? Ich war entsetzt! Und wurde wütend, als ich erfuhr, dass etwa drei Viertel aller Nahrungsmittel, die heutzutage in Supermärkten verkauft werden, Zucker enthalten. Bloss dass dieser meist gar nicht mehr so heisst.

Zucker hat sehr viel Namen

Lebensmitteltechnologen haben in den letzten Jahren zahlreiche Süssmacher entwickelt, die zum Beispiel Maltodextrin, Glukose, Malzextrakt, Saccharose oder Magermilchpulver genannt werden – laut K-Tipp hat Zucker heute 70 (sie!) verschiedene Namen. Auch wenn wir also glauben, uns den ganzen Tag nichts Süsses gegönnt zu haben, ist die Chance gross, dass sich über das Frühstücksmüesli, das Mittagssandwich oder eine Fertigsauce im Znacht doch noch eine beachtliche Menge Zucker in unsere Mägen gemogelt hat. Kein Wunder also ist unser Zuckerkonsum hoch: 46 Kilo nimmt der Durchschnittsschweizer jährlich zu sich, das sind 126 Gramm pro Tag. Die WHO empfiehlt maximal 50 Gramm pro Tag; besser seien 25 Gramm. Es braucht kein medizinisches Staatsexamen, um zu ahnen, dass dies der Gesundheit nicht förderlich ist.

Es gibt Menschen, die glauben, dass die Lebensmittelindustrie uns zu Zuckerjunkies macht, damit sie – auf Kosten unserer Gesundheit – fette Gewinne einfahren kann. Wie dem auch sei, Tatsache ist, dass unser Blutzuckerspiegel raketenmässig ansteigt, wenn wir Süsses essen und nach einem kurzen Energieschub fast genauso plötzlich wieder fällt. Dies führt dazu, dass unser Körper bald wieder nach Süssem verlangt, ja, geradezu danach giert. Oder nach den Nahrungsmitteln, die er wie Zucker verwertet: etwa Weissmehlprodukte, weisser Reis, weisse Teigwaren, süsse Früchte oder Dörrfrüchte. Wer diesen Kreislauf durchbrechen will, muss für eine gewisse Zeit alles, was den Blutzuckerspiegel hochtreibt, vom Speiseplan streichen. Als Belohnung locken bessere Konzentrationsfähigkeit, tieferer Schlaf und manchmal auch eine Gewichtsreduktion, je nachdem, auf welcher Kilozahl gestartet wird.

Süsses Gift mit bitteren Folgen
Jahrzehntelang gelang es der Zuckerindustrie, Verbraucher zu täuschen: Die gesundheitsschädliche Wirkung von übermässigem Zuckerkonsum wurde bewusst verschwiegen oder sogar geleugnet. Übergewicht, Diabetes, Herzerkrankungen waren für viele Konsumenten die bittere Folge. Schweizer Hersteller dürfen nach wie vor geheim halten, wie viel Zucker in einem Lebensmittel steckt. Dabei warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor übermässigem Konsum von Zucker und fordert Regierungen weltweit auf, die Preise von Softdrinks um mindestens 20 Prozent zu erhöhen. Rund 20 Länder haben eine Zuckersteuer bereits eingeführt, die Schweiz nicht.
Der Lebensmittelindustrie stehen viele legale Wege offen, den Zuckergehalt eines Produkts zu verschleiern. «Man will den Zuckerkonsum reduzieren, darf aber den Zuckergehalt auf der Verpackung nach wie vor verschweigen. Das ist unbegreiflich und unakzeptabel», sagt Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz.
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Die Lust auf Süsses schwindet

Da mir mein allnachmittäglicher Zuckerkonsum schon länger nicht mehr ganz geheuer war und Experimente meine Neugier wecken, beschloss ich Anfang Dezember 2016, bis Weihnachten einen Zuckerentzug zu machen, also sämtliche Weihnachtsguetzli, Schokokugeln und ebenso jeglichen Glühwein ins Pfefferkuchenland zu schicken. Drei Wochen lang ernährte ich mich also ausschliesslich von Salat und Gemüse, Dinkelspaghetti und Vollkornbrot, Hülsenfrüchten, ein paar Beeren, Milchprodukten und hochwertigem Fett. Fleisch wäre erlaubt gewesen, doch dieses hatte ich aus ethischen Gründen schon länger annulliert. Der Blog von Angela Zuckerfrei lieferte mir viel Hintergrundwissen – und half mir vor allem, die Nadel im Heuhaufen zu  finden: Die eine Bouillon, die wirklich keinen Zucker enthält (Rapunzel Klare Suppe ohne Hefe). Danke Angela, das ersparte mir unglaublich viel Zeit.

Schwerwiegende Entzugserscheinungen, wie Kopfschmerzen, schlechte Laune oder Schlafstörungen, von denen ich ebenfalls gelesen hatte, blieben mir erspart. Ich musste auch nicht sämtliche gesüssten Nahrungsmittel aus meiner Küche verbannen und konnte so verhindern, auf Zuckerentzug unsere gesamten Vorräte an Kuchen- und Kekse-Deko zu verspeisen. Und siehe da: Nach wenigen Tagen war meine Lust auf Süsses mehrheitlich bei null. Dafür buk ich mir einmal wöchentlich eine grosse Portion Cracker mit allerlei Kernen, Getreide und Kokosöl, die ich dick bestrichen mit Bio-Rohbutter bei jeder Gelegenheit ass. Ich staunte, wie süss Naturjoghurt und Milch plötzlich schmeckten.

Und dann kam das erste von einigen Weihnachtsessen. Ich trank wieder Alkohol. Ass Desserts, darunter meine ultimativen Favoriten Caramelköpfli, Creme brûlée und Pannacotta. Und war etwas enttäuscht vom Geschmack, der mir vor allem eines schien: unglaublich süss. Eine Stunde später auf dem Nachhauseweg im Zug reagierte auch mein Magen – mit Krämpfen, wie ich sie bisher nicht kannte.

Ein spannendes Familie-Experiment

Weihnachten ging vorbei, für mich ganz ohne Zimtsterne und Christstollen, jedoch hin und wieder mit einem Dessert oder einem Glas Wein. Meiner Familie hatte ich noch während meines Zuckerentzugs vorgeschlagen, im Januar zusammen eine dreiwöchige Zuckerfrei-Challenge zu machen. Alle waren einverstanden, mit Ausnahme des 16-jährigen Sohnes. Das war okay. Er musste sich jedoch verpflichten, «Voll verzuckert» anzuschauen, ein unterhaltsam gemachter Film über die wirtschaftlichen Hintergründe und Folgen unseres Zuckerkonsums. Damit er wenigstens wusste, was er sich mit seinem Eistee- und Gummibärenkonsum antat.

Nun. Wir hielten durch! Auch wenn den Kindern drei Wochen ohne Ketchup und Kekse lang vorkamen. Alle waren stolz und fanden die Erfahrung lohnenswert. Ein Jahr später haben wir viele gute Gewohnheiten immer noch beibehalten. Wir kaufen weniger zuckerhaltige Produkte, meine Tochter  findet Sprite zu süss, ich esse Desserts nur zu besonderen Gelegenheiten und die meisten meiner Tage sind zuckerfrei. Das hat Auswirkungen auf meine Gesundheit und mein Wohlbefinden; Blähungen, unter denen ich früher beinahe täglich litt, sind selten geworden. Und das Beste: Meine über Jahre wiederkehrende Candida-Infektion ist dauerhaft weg.

Ach, genau: Wenns zum Latte Macchiato auswärts ein Guetzli gibt, dürfen Sie meins gerne haben. Oder machen Sie auch gerade einen Zuckerentzug?

Buchtipps
• Robert H. Lustig: «Die bittere Wahrheit über Zucker», Riva Verlag 2016, Fr. 19.90
• Kurt Mosetter u.a.: «Zucker – der heimliche Killer», Grafe & Unzer, 2016, Fr. 28.90
DVD-Tipp
Damon Gameau : «Voll verzuckert», Universum Film, 2016, Fr. 19.90
Link
www.familiezuckerfrei.ch

Foto: istockphoto.com

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