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Gedankensplitter

 Ausgabe_07_08/2017 - 01.07.2017

Text:  Noa Zenger

❞Gratisticket zum täglichen Concerto Grosso

@ Thorsten Krienke / flickr / cc

Welch wunderbares Konzert! Vom Piano zum Forte und Fortissimo. Ich höre zu, die Augen geschlossen. Versuche, einzelne Stimmen herauszuhören, einer Melodie zu folgen. Halte mit im vielstimmigen Chor, steige auf mit einer Kapriole, drehe mich mit dem Solisten hoch oben im Kreis und schmunzle in mich hinein – solch witzige Schnörkel am Ende hätte ich nicht erwartet. Ein zweiter Solosänger übernimmt, ein dritter setzt ein. Grosse Kunst von den kleinen Sängern, die sich tagtäglich frühmorgens auf den Bäumen vor meinem Fenster versammeln: Die Singvögel bereiten mir eine tiefe Freude an der Schwelle zum Tag.

Mag der Kopf auch schwer sein, der Körper noch müde, die Seele verspannt – der Morgen hat es in sich. Mir kommt es vor, als sei die Luft durchsichtiger, weniger verstopft mit Gedanken und den Energien der Menschen, die bald wieder loswuseln. Ich muss es auch, mein Tagewerk wartet. Eine kleine Weile noch will ich innehalten. Ich öffne die Haustüre und verlangsame den Schritt, den Blick zum Himmel gerichtet. Wo sind sie nur, all die Sänger, die laut Ornithologen mit ihrem Gezwitscher lediglich ihr Revier verteidigen und eine Braut anlocken wollen? Wenn ich Glück habe, erhasche ich eine Amsel im Geäst eines Baumes und denke, was sie wohl denkt. Ob sie mich wahrnimmt und spürt, welche Kraft von ihrem Gesang ausgeht, welchen Bogen sie für mich spannt zur Schöpfung und zum Schöpfer? Franz von Assisi, Mystiker und Tierversteher, war überzeugt davon. Seine Predigt zu den Vögeln vor den Toren des umbrischen Städtchens Bevagna wurde weltberühmt und inspiriert Maler bis in unsere Tage.

Wie genau Franz mit der Vogelschar ums Jahr 1200 herum kommunizierte, weiss ich nicht. Vielleicht nicht viel anders als all die Frühaufsteher, die sich mit zunehmend wachen Sinnen über das frühmorgendliche Gezwitscher freuen. Es ist so wenig und doch schon alles, um das Transzendente in uns zu spüren, das weit über unseren wahrnehmbaren Körper, über unsere wahrnehmbare Welt führt. Mich erfüllen die gefederten Freunde mit Dankbarkeit. Hier und jetzt zu leben, schreibt sich so leicht und ist manchmal so schwer. Die kleinen Kreaturen, die wir Vögel nennen, recken die Brust und nehmen nichts wichtiger als ihren morgendlichen Gesang. Sie bringen mich dazu, für einen Moment alles um mich herum zu vergessen und ihr Geschenk in ein Gebet münden zu lassen. Und Hand aufs Herz: Oft würde ich danach gleich loslaufen wollen, hinein in einen freien Tag ohne Plan und Pflicht. Meine Singvögel bringen mich jeweils zurück auf den Boden und auf das, was ansteht. Und trällern zum Glück ja schon morgen wieder ein neues Konzert.❞

Zur Person
Noa Zenger (41) ist reformierte Pfarrerin. Sie wohnt und arbeitet im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn, dem Bildungszentrum der Jesuiten in Edlibach ZG.

Foto: Thorsten Krienke / flickr / cc

Kurse im Lassalle*-Haus
• Shibashi Qi Gong
7.– 9. Juli 2017, Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr
Shibashi stammt aus der altchinesischen Heilkunst des Taj-Chi und Qi Gong und wird in langsamen, in sich ruhenden Bewegungen vollzogen. Ein Wochenende aus der Hektik in die Ruhe, für Anfänger wie Fortgeschrittene. Wandertag
• Der Weg ist das Ziel
8. Juli 2017
Jeden zweiten Samstag des Monats lädt das Lassalle-Haus zu einem Wandertag mit spirituellen Impulsen. Am 8. Juli steht das Quellgebiet am Gotthardpass auf dem Programm. (Anmeldung bis zwei Tage zuvor).
• Gartenwoche in Bad Schönbrunn
Selber tätig werden in freier Natur
16. – 21. Juli 2017, Sonntag 17 bis Freitag 13 Uhr
Unter Anleitung von Gartenfachleuten erhalten die Kursteilnehmenden einen Einblick in Pflege und Unterhalt des Parks von Bad Schönbrunn, der das Lassalle-Haus ob Zug einrahmt. Die Mitarbeit wird mit Kost und Logis im Lassalle-Haus entschädigt.
•Kunstwoche mit Meditation
Kunst als Weg
30. Juli – 5. August 2017, Sonntag 18.30 bis Samstag 13 Uhr
Künstler Jörg Niederberger begleitet eine Woche lang Menschen mit einer Vorliebe für Farbe und Gestaltung. Passend zur Hausphilosophie hat der Kurs meditativen Charakter im Zeichen von Zen und Kontemplation.
Mehr Infos und Anmeldung unter Telefon 041 757 14 14, infowhatever@lassalle-haus.org, www.lassalle-haus.org

*Das Lassalle-Haus in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes, interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht.

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