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So? Oder so?

Kategorie: Essen
 Ausgabe_06_2016 - 01.06.2016

Text:  Christine Wullschleger

«Vegane Ernährung ist ungesund.» Immer wieder hört man sie, diese Aussage, doch stimmt sie? Vier Veganer erzählen aus ihrem Alltag und von ihren Erfahrungen – und davon, dass sich auch Fleischesser mehr Gedanken übers gesunde Essen machen müssten.

Die Eidgenössische Ernährungskommission rät von einer generellen Empfehlung der veganen Ernährung für breite Bevölkerungskreise ab. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat im April ein Positionspapier zur veganen Ernährung veröffentlicht, in dem sie Schwangeren, Stillenden, Säuglingen, Kindern und Jugendlichen von einer veganen Ernährung abrät. «Hinter dieser generellen Empfehlung stehe ich auch», sagt Pascal Müller. Er ist Oberarzt am Ostschweizer Kinderspital und Magen-Darm- und Ernährungs-Spezialist. «Die Risiken für eine Mangelernährung in diesen Lebensstadien sind einfach zu hoch.» Bei Erwachsenen sei zwar der gesundheitliche Nutzen einer vegetarischen und veganen Ernährung erwiesen: So reduziert sich das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einigen Krebserkrankungen und ebenso für Fettleibigkeit mit seinen metabolischen Folgeerkrankungen. «Bei Kindern sei jedoch der gesundheitliche Nutzen noch zu wenig erforscht, noch könnten auf viele Fragen keine Antworten geliefert werden. Kinder, die mit extremen Mangelerscheinungen aufgrund veganer Ernährung ins Spital eingeliefert werden, gibt es glücklicherweise selten, aber immer mal wieder», sagt Pascal Müller. Meist fehle es den Kindern an Zink, Eisen, Kalcium oder dem Vitamin B12.» «Es ist aber möglich, Kinder vegan zu ernähren. Dies setzt ein sehr grosses Wissen und eine gut geplante Ernährungsweise mit Supplementierung von einigen Mikronährstoffen voraus», sagt er. Sobald ein Kind alle wichtigen Nährstoffe erhalte, sei auch das Wachstum nicht gefährdet.  «Wenn sich Eltern aktiv dazu entscheiden, ihr Kind vegan zu ernähren, rate ich ihnen nicht davon ab», sagt er. Aber er versuche, sie gut zu beraten und das Blut des Kindes regelmässig zu kontrollieren. Der Allgemeinheit rät er aber nach wie vor zur optimierten Mischkost, die viele pflanzliche Lebensmittel vorschreibt, aber auch tierische Lebensmittel nicht ausschliesst.

Gesund bleiben. Dieser Aussage schliesst sich auch Renato Pichler an: «Es ist ein Vorurteil, dass man nur bei der veganen Ernährung wissen muss, was man tut. Wenn man sich gesund ernähren will, muss man bei jeder Ernährungsweise wissen, wie man gesund bleibt.» Er ist Präsident von Swissveg, der Informationsstelle für eine pflanzenbasierte Lebensweise. Renato Pichler lebt seit 23 Jahren vegan – und ist gesund. «Grundsätzlich ist die vegane Ernährung gesund – doch man kann bei jeder Ernährungsweise Fehler machen», sagt Pichler. Fehler, die zu Mangelerscheinungen oder gar zu Krankheiten führen könnten. «Problematisch ist vor allem das Vitamin B12, das dem Körper unbedingt zugeführt werden muss», sagt Ernährungsberaterin Gabriela Fontana. Es ist in Fisch und Fleisch enthalten, aber auch in Eiern und Milchprodukten, nur sehr selten ist es Bestandteil von pflanzlichen Produkten.

Auch bei der veganen Ernährung müsse man sich an die Grundregeln von gesunder Ernährung halten, wie beispielsweise abwechslungsreich zu essen, sagt Renato Pichler. Doch er höre auch immer wieder von Menschen, die sich nicht mit der veganen Ernährung auseinandergesetzt haben und einfach auf den Trend aufgesprungen sind. «Es gibt sehr viele, die sich noch nicht auskennen», sagt er. Deshalb hat Swissveg nun zwei Broschüren unter dem Titel «Go Vegan», erstellt, die kurz und bündig die wichtigsten Fakten und Hintergründe sowie Tipps bieten.

Wie gesund ist vegan?
Es gibt verschiedene Gründe, warum sich Menschen für die vegane Ernährung entscheiden: Einerseits ethische beispielsweise wegen der Tierhaltung, andererseits ökologische oder ökonomische. Und immer wieder werden gesundheitliche Gründe genannt. Ob die vegane Ernährung gesund ist oder nicht, kann laut Ernährungsberaterin Gabriela Fontana nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden. Sie ist Präsidentin des Schweizerischen Verbandes der Ernährungsberater/-innen (SVDE) sowie Mitglied der Eidgenössischen Ernährungskommission des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI). «Die vegane Ernährung setzt ein enormes Grundwissen im Bereich Ernährung voraus», sagt sie. Man müsse wissen, welche Nährstoffe der Körper benötige und wie diese täglich in bedarfsdeckender Menge dem Körper zugeführt werden können. Ohne Supplemente sei es schwierig, sich über längere Zeit gesund vegan zu ernähren. «Vorsicht ist geboten, wenn man einfach dem Trend, sich vegan zu ernähren, folgt und sich von heute auf morgen auf vegan umstellt, ohne sich Gedanken über eine gesunde, bedarfsdeckende vegane Ernährung zu machen», ergänzt Gabriela Fontana.

Mit sechzig Veganer geworden. Unzählige vegane Kochbücher sind in den letzten Jahren auf den Markt gelangt, pflanzliche Nahrung erlebt ein Revival. Diesen Lebensstil lebt auch HansJörg Bornschein. Sein Unternehmen VGNFUN bietet einen Imbisswagen und Partyservice mit rein veganer Kost. Der 60Jährige wurde vor rund drei Jahren vom «Hardcore-Fleischesser», zum Veganer. Ein veganer Bandkollege – Bornschein spielt in der Bluesband Driftwood – brachte ihn auf Idee, die vegane Kost selbst auszuprobieren. «Ich habe aber niemandem etwas gesagt», sagt Bornschein, «doch nach nur einer Woche veganer Ernährung musste ich sagen: «Es gibt einen Veganer mehr auf dieser Welt.» Sein Körpergefühl habe sich stark verbessert und er habe begonnen, sich mehr mit Gesundheit, Ernährung sowie den ökonomischen und ökologischen Folgen auseinanderzusetzen. Jedes Jahr macht er einen Bluttest aus Neugier, aber auch zur Sicherheit. Festgestellt wurde anfangs ein kleiner Mangel an Vitamin D, Bornschein nahm deshalb Ergänzungsmittel. Auch das Vitamin B12 supplementierte er anfangs noch, «doch jetzt trinke ich jeden Morgen einen Saft aus Weizengras. Damit bekomme ich reichlich Nährstoffe und meine Blutwerte sind top», erklärt er. Ein Zurück gibt es für ihn nicht mehr, obwohl: «Beim Grillgeruch läuft mir immer noch das Wasser im Mund zusammen – doch es ist für mich heute undenkbar, tierische Produkte zu konsumieren.»

Wichtige Bluttests. Auch für Roman Lukanec ist das heute so: Vor sechs Jahren hat er sich zu Neujahr vorgenommen, Veganer zu werden. «Es ist der einzige Neujahrsvorsatz, den ich gehalten habe», sagt er. Er informierte sich – und wurde Schritt für Schritt zum Veganer. Mit einem Schmunzeln nehme er jeweils zur Kenntnis, dass viele Menschen die vegane Ernährung für ungesund halten. «Ich mache regelmässig Bluttests und die Werte sind einwandfrei.» Er lebe nicht nach einem speziellen Ernährungsplan, zähle keine Proteine oder Vitamine. Einzig das Vitamin B12 nehme er über Mundsprays oder die Zahnpasta zusätzlich ein, weil es über die Schleimhäute am besten aufgenommen werden könne. Warum hat er – bis 30jährig Milchtrinker und Fleischesser – sich entschieden, Veganer zu werden? Bei ihm standen ethische Gründe im Vordergrund: das Wohl der Tiere. «Deshalb kam für mich nur der Veganismus infrage.» Heute müsse er sich auch keine Gedanken mehr machen, wo er zu seinem veganen Essen komme. Dank des Trends gebe es viel mehr Angebote als noch vor sechs Jahren. Und der 39-Jährige ergänzt: «Ich fühle mich besser und vitaler denn je, für mich gibt es deshalb kein Zurück mehr.»

Fotos: istockphoto.com, fotolia.com

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