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Mehr als Hasenfutter

Kategorie: Essen
 Ausgabe_03_2013 - 01.03.2013

Text:  Veronica Bonilla

Aus dem Grünfutter des Rohköstlers zaubern kreative Leute in den USA und zunehmend auch hierzulande schmackhafte Gourmet-Rohkost. Autorin Veronica Bonilla wollte wissen, wie das schmeckt und ob der viel zitierte Energieschub wirklich einsetzt.

Verführerische Cheesecakes, saftige Lasagnen, knusprige Tortillas – das sollte alles roh sein und erst noch vegan? Ich lernte schnell: 1. Tierische Produkte haben im rohen Lifestyle (meistens) nichts verloren. 2. Roh ist alles, was nicht über 42 Grad erhitzt wird. 3. Beim Kochen töten wir wichtige Vitalstoffe und die meisten Enzyme ab. So leidet der mit zu viel gekochter Kost ernährte Mensch Mangel und muss die nötigen Enzyme zur Verdauung mühsam aus seinen Zellen mobilisieren. Dies ist auch der Grund, warum wir nach einer gekochten Mahlzeit oft so müde sind, vielleicht gar unter Blähungen leiden, obwohl wir nicht zu viel gegessen haben. Ganz anders die Rohkost, die auch lebendige Nahrung genannt wird: Sie spendet Energie, macht fit und gesun

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Das alles tönte gut und schlüssig. Trotzdem war ich von den zahlreichen Vorteilen, die ungekochte, rein pflanzliche Nahrung haben soll, erst einmal wenig beeindruckt. Heilsversprechungen werden von allen Vertretern einer gesunden Ernährung gemacht, und dies nicht zu knapp; für die Rohkost gilt das ganz besonders. Die allermeisten Leute scheitern jedoch an der Praxis; ist eine Ernährungsform nicht alltagstauglich, hat sie wenig Chancen, langfristig befolgt zu werden und damit die Gesundheit nachhaltig zu verbessern. Und Rohkost scheint weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick einfach umzusetzen. Und man bedenke: Ein Leben mit Rohkost bedeutet ein Leben ohne Gipfeli, Spaghetti, Fondue und Tiramisu. Zudem müssten sowohl Vorratsschrank wie auch Einkaufsgewohnheiten von Grund auf verändert werden, um all die verführerisch aussehenden Rezepte in den Büchern meiner Schwester zuzubereiten – sagt mir ein Blick auf die Zutatenliste. Das Projekt Rohkost wird deshalb vorerst vertagt.

Gute Laune

Kurze Zeit später ein weiteres Schlüsselerlebnis: Ich bestaune die Schokoladenspezialitäten in der Naturkostbar im bernischen Steffisburg, der ersten und bisher einzigen roh-veganen Lebensmittelmanufaktur der Schweiz, und degustiere ein Stücklein Schoko-Fudge: 100 Prozent roh, 100 Prozent vegan, bio, ganz ohne raffinierten Zucker, dafür gesüsst mit Datteln und Agavendicksaft – und einfach köstlich! Gourmet Raw Food nennt sich das. In den USA, vor allem in Kalifornien und New York, gibt es bereits zahlreiche Raw Food-Restaurants und Take aways. Immer mehr Menschen ernähren sich in der Heimat der Super-Size-Hamburger nicht nur vegan, sondern eben roh-vegan, darunter Stars wie Demi Moore, Sting oder Uma Thurman.

Die Gründe für die pflanzliche Rohkost sind vielfältig: Misstrauen gegenüber der Lebensmittelindustrie und den Fast-Food- Ketten, aktiv Tier-, Klima- und Umweltschutz betreiben, die eigene Gesundheit fördern oder den religiösen Wunsch verwirklichen, im Einklang mit dem Kosmos zu leben.

Wie dem auch sei – nach nur einer Woche registriere ich Veränderungen: Klingelt morgens um sechs Uhr der Wecker, komme ich plötzlich leichter und beschwingter aus dem Bett. Nach ein bis zwei Gläsern Smoothie, den ich mittlerweile mit Wildkräutern anreichere, die ich beim Joggen sammle, fühlt es sich an als hätte ich Treibstoff in meinen Adern, meine Laune hebt sich. Ich beschliesse zu lernen, wie man ungebackene Pizzen und Brownies macht.

Pizza aus dem Dörrofen

Mittlerweile duftet es aus dem Dörrofen verführerisch nach Pizza. Was kurze Zeit später auf unseren Tellern liegt, ist zwar nicht heiss, aber immerhin ein bisschen warm, sieht aus wie eine Pizza und schmeckt sogar wie eine Pizza, bloss viel intensiver! Der Boden aus Buchweizen und der Mozzarella aus Nussmilch machen das ganze so nahrhaft, dass die wenigsten mehr als ein Stück schaffen.

Eine Organisation wie die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung, die der Lebensmittelindustrie und den Milchproduzenten nahesteht, gibt selbstverständlich andere Antworten als der Aargauer Rohkostpionier Urs Hochstrasser, der selbst 25 Jahre Erfahrung mit dieser Ernährungsform hat und als ehemaliger Gastronom die «Haute Cuisine Crue» massgeblich mitprägte. «Bei einer ausgewogenen Rohkost mit reif geernteten Früchten und Gemüsen, grünem Blattgemüse, Samen, Sprossen und Nüssen tut man der Gesundheit nur Gutes», ist Hochstrasser überzeugt. Er und seine Frau leben ausschliesslich von Rohkost. Sind damit aber eher die Ausnahme. Viele, die sich privat für rohe Pflanzennahrung begeistern, essen hin und wieder auch Gekochtes wie Kursleiterin Jana Gemperle, die am Living Light Culinary Institute in den USA, der ersten roh-veganen Gastronomiefachschule der Welt, gerade eine dreimonatige Ausbildung zum Raw Chef abgeschlossen hat. 

Gemperle ernährt sich vollständig vegan und zu 80 Prozent von Rohkost, nicht zuletzt um im Restaurant und bei Einladungen auch einfach einmal zu essen, was auf den Tisch kommt. Ihre Haltung ist eine pragmatische und eigenverantwortliche: «Es gibt niemand, der dir sagen kann, wie und was du essen musst. Das Wichtigste ist, dass du lernst, auf deinen Körper zu hören und selber merkst, was dir gut tut.» Der Mix machts eben aus!

Zur Person
Veronica Bonilla arbeitet als Journalistin bei der Zeitschrift «Wir Eltern» und isst fürs Leben gern, hasst aber Fertigpizzas und Geschmacksverstärker in Convenience-Food. Das Thema Ernährung interessiert sie nicht nur wegen des gesundheitlichen, sondern auch wegen seines gesellschaftlichen, politischen und ethischen Aspekts.

Buchtipps
• Mimi Kirk: «Rohköstlich leben», Kopp Verlag;
• Chantal-Fleur Sandjon:«Rohvolution», Gräfe und Unzer
• Judita Wignall: «Going Raw», Nietsch Verlag

Fotos: zvg, fotolia.com

 

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