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Carte blanche:
Wie Gschtudierte auf dem Land hängen bleiben

Kategorie: Editorial
 Ausgabe 4 - 2008 - 01.04.2008

Text:  Susanne Hochuli

Susanne Hochuli über grüne Traktoren, bäuerliches Imponiervokabular und darüber, wie frau mit Bauernschläue aus einem bleichen Berater einen braun gebrannten Lebenspartner macht.

Um ehrlich zu sein, habe ich am Schluss meiner letzten Kolumne ein klein wenig geflunkert. Es war nicht so, dass ich das Chaos auf dem Bauernhof beiseite räumte und mir dadurch den Einstieg in die Politik ermöglichte, um dort mit Aufräumen weiterzufahren. Die Misere war so gross, dass ich mich vom Hof weg in die Ewigkeit wünschte, nachdem ich Tiere, Felder und Maschinen ins Fegefeuer verflucht hatte. So ging ich über die Bücher und stellte fest: Da muss ein Mann her, sonst bleibt das Chaos. Bevor ich zwecks der Aufgabe eines Gesuchtwird- Inserates zur Feder griff, beschloss ich, dem Hof eine Beratung verpassen zu lassen; das war billiger als ein Lifting für mich.

Ein Kollege, der mich so gut kannte, dass er das Ywiibe dankend ausschlug, versprach, einen Gschtudierten vorbeizuschicken, der mir sagen könnte, wo und wie die Probleme anzupacken seien. Ich bereitete die erste Konsultation mit dem Berater gut vor, damit ich nicht ganz neben den Gummistiefeln stehen würde. Ich lernte die Typenbezeichnung des Traktors auswendig, hatte ich doch bereits erfahren, dass es sich nicht gut macht, auf die Frage: «Was hast du für einen Traktor?», mit einem schlichten «Deutz» zu antworten. Unweigerlich wird nämlich nachgefragt: «Was für einen?», und die Antwort «E grüene» outet einen als echten Banausen. Deutz sind alle grün. Ich beschloss also, am besten sei es, zum abgemachten Zeitpunkt mit dem Traktor auf den Hofplatz zu fahren. Dann könnte der Herr Gschtudierte sehen, dass ich erstens einen habe, zweitens was für einen und drittens diesen fahren kann. Für die tiefgründigen Gespräche über die Misere auf dem Hof fertigte ich einen Spickzettel an mit lauter ganz klugen Dingen: APD, absorbierbares Protein im Darm, stand darauf und Nettoenergielaktation, Nonreturnrate und Cashflow. Wörter, die ich aufgeschnappt hatte, die mir jedoch beim täglichen Bauernleben nur bedingt behilflich waren.

«Lieber Gott», sagte ich leise, als der Gschtudierte und ich bei Tisch sassen, er alles vom Betrieb wissen und ich ihn beeindrucken wollte, weil er mir sehr gefiel, «lass ihn nicht nachfragen, was ich wirklich meine». Ich tischte ihm Most, Brot, Speck und einige Lügen auf. Ersteres macht man bei uns Bauern so und Letzteres tat ich, weil ich einem Mann mit schönen blauen Augen gegenübersass, der zugegeben ein wenig bleich war vom ewigen Probleme-Wälzen im Büro (aber, sagte ich mir, eine Saison Heuen und das ergibt sich), und weil ich wusste: Einen Traummann, dem nur die Bräune des Landlebens fehlt, fängt frau nicht mit dem Eingeständnis des Überfordertseins.

Also übertrieb oder untertrieb ich je nach Bedarf ein klein wenig bei den Antworten. Der Gschtudierte war ratlos und später sollte er mir vorwerfen, ich hätte unsere Beziehung auf Lügen aufgebaut. Ich hingegen war leicht schockiert, wie blauäugig so Gelehrte doch sind. Die Beratung zog sich hin, der Herbst ins Land und der Gschtudierte in mein Bett und auf den Hof. Er machte sich ans Lösen der Probleme. Und weil ich immer neue produziere, muss er bleiben.

Carte Blanche | Susanne Hochuli
Susanne Hochuli, 1965, ist Co-Präsidentin der Grünen Fraktion im Grossen Rat des Kantons Aargau. Die Mutter einer 14j-ährigen Tochter bewirtschaftet gemeinsam mit ihrem Partner einen Biobauernhof in Reitnau (AG). Zweites ökonomisches Standbein ist der Reitbetrieb: Therapiereiten für Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten und Wahrnehmungsschwierigkeiten, J+S Reiten.

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