Wilde Nächte

Markus Kellenberger

Jeder Mensch braucht hin und wieder ein kleines Abenteuer. Draussen schlafen ist ein solches. Es ist spannend, braucht ausser einer Portion Mut wenig und ist trotz des garantierten Nervenkitzels so gut wie ungefährlich.

@ Regula Stettler, kel

Über mir das Sternenmeer und unter mir leise raschelndes Laub – wer jemals draussen übernachtet hat, will es wieder tun. Und für die, die es noch nicht getan haben, ist es höchste Zeit, denn: Draussen schlafen ist nicht nur ein um die Ecke wartendes, echtes Mikroabenteuer, sondern auch ein Stückchen Freiheit und ein bereichernder Ausbruch aus dem Alltag.

Die Nacht an einem lauschigen Waldrand oder mitten auf einem freien Feld ist nämlich mehr als nur Dunkelheit. Nächte bieten eine Fülle neuer Eindrücke. Die Sterne wurden bereits erwähnt, aber es gibt noch mehr zu entdecken. Da sind zum Beispiel leise, neue Geräusche wie jene eines schnüffelnden Igels oder einer huschenden Maus. Dazu der Wind, der die Äste hölzern knarren lässt oder ein Kauz, dessen unvermittelt ausgestossener, schriller Revierschrei einem im ersten Moment gewaltig Hühnerhaut macht.

Im Rausch der Sinne. Zu den Geräuschen gesellen sich aber auch andere Eindrücke. Der Geruch der Erde ist einer davon, durchzogen mit dem warmen Harz der Bäume und dem süssen Duft von Zerfall und Wiederauferstehung. Vielleicht ist auch noch ein Bach in der Nähe, der sich mit einem Hauch frischer Kühle in der Nase bemerkbar macht. Die Nacht ist ein wunderbarer Rausch der Sinne, man muss sich ihm nur vertrauensvoll hingeben.

Zum Glück braucht es für dieses immer wieder einzigartige Abenteuer nur wenig, denn gerade im Frühling und im Sommer, wenn die Tage warm und die Nächte lau werden, reichen ein guter Schlafsack und eine passable Isolationsmatte. Eine Taschenlampe, ein Sackmesser, ein warmer Pullover, eine Flasche Wasser, ein bisschen Proviant und für alle Fälle ein Antimücken- und Zeckenmittel ergänzen das Material. Das alles passt problemlos in einen Rucksack – und schon kann das Abenteuer gleich nach Feierabend über die Bühne gehen, allein, zu zweit oder mit der ganzen Familie, irgendwo draussen, eine halbe oder eine ganze Stunde von zu Hause weg. So einfach? So einfach!

Trotzdem lauten die zwei am häufigsten gestellten Fragen: Ist das nicht gefährlich und erst noch verboten? Fangen wir mit den grössten Gefahren an, die draussen im Dunkeln auf uns lauern. Es sind: Blitzschlag, Hochwasser und Steinschlag. Drei Naturgefahren, denen man mit ein bisschen gesundem Menschenverstand aber spielend ausweichen kann, denn bei drohenden Gewittern und Sturmwinden bleibt man einfach zu Hause, bei angekündigtem Dauerregen ebenfalls und was den Steinschlag anbetrifft: Wer unbedingt direkt am Fuss einer Felswand nächtigen will, ist selber schuld.

Die Angst vor dem bösen Wolf. Ebenso kurz und knackig lässt sich die Nachfolgefrage nach gefährlichen Tieren beantworten. In unseren Breitengraden sind die kleinen, ekligen Zecken das wohl gefährlichste Tier, denn es kann mit seinem Biss Krankheiten wie die Borreliose und die sogenannte Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen, eine Viruserkrankung, die mit einer Hirnhautentzündung enden kann. Gute Antizeckenmittel vermindern die Chance, gebissen zu werden, auf ein geradezu vernachlässigbar kleines Risiko. Mit dem Auto von Zürich nach Bern zu fahren ist deutlich gefährlicher.

Noch viel weniger gefährlich als die bissigen Zecken sind alle anderen Tiere, die uns draussen in der Nacht begegnen können, denn egal, ob es sich um Luchse, Füchse, Marder, Dachse, Wölfe, Wildschweine, Hirsche oder sogar Schlangen handelt, die mit uns Feld, Wald und Wiese teilen: Sie misstrauen Menschen und weichen uns aus – sofern sie von uns nicht in die Enge getrieben werden. Wildtiere sind ein bisschen wie Du und ich: Sie wollen ihren Frieden haben und in Ruhe gelassen werden. Wäre dem nicht so – die Zeitungen wären alle voller entsprechender Schreckensmeldungen.

Das gilt übrigens auch für die zufällige Begegnung zwischen Menschen. Raub und Mord passieren in der Regel nicht an stillen, einsamen Waldrändern mitten in der Nacht, sondern dort, wo bereits viele Menschen sind, in Städten, Dörfern und den alkoholschwangeren Ausgehmeilen. Und die Zeiten, in denen Räuberbanden ihren Opfern auf Waldwegen auflauerten, sind längst vorbei.

Was sagt das Gesetz? Die grösste Gefahr, die uns beim draussen Übernachten droht, ist die eigene Fantasie. Erst sie baut aus unbekannten Geräuschen und dunklen Schatten eine bedrohliche Kulisse auf. Dagegen gibt es aber ein wirksames Rezept, und das heisst: Erfahrung. Und die beginnt mit der ersten heil überstandenen Nacht irgendwo draussen – und sei es nur ein erstes, vorsichtiges Experiment auf der eigenen Terrasse.

Die eigene Terrasse ist ein gutes Stichwort, um die Frage nach den Gefahren abzuschliessen und sich den rechtlichen Grundlagen für eine Nacht unter den Sternen zuzuwenden.

Die gute Nachricht: Es gibt in ganz Europa kein Gesetz, das Schlafen unter freiem Himmel in einem Schlaf- oder Biwaksack verbietet.

Die etwas weniger gute: Es gibt viele andere Einschränkungen, aber mit ihnen lässt es sich leben.

Die wichtigste Einschränkung ist die: Sobald irgendwo auf Feld, Wald oder Wiese (also ausserhalb offizieller Zeltplätze) ein Zelt aufgestellt wird, bezeichnet das Gesetz dies als «Campieren» und das ist praktisch überall verboten. Ausser in der Schweiz und in den skandinavischen Ländern. In diesen darf für kurze Zeit ein Zelt auch wild aufgestellt werden, es kann aber lokale Verbote geben, zum Beispiel auf Privatgrund, in Naturschutzgebieten oder rund um touristische Zentren.

Zusammengefasst heisst das: Solange man zum draussen Schlafen kein Zelt aufstellt, verletzt man auch kein Campinggesetz.

Es werde Feuer. Glücklicherweise ist ausgerechnet die sonst so um Gesetze und Regelungen bemühte Schweiz ein richtiges Paradies für alle, die gerne unter freiem Himmel nächtigen. Das betrifft sogar das Thema Feuer. Kein anderes Land in Europa ist diesbezüglich so tolerant. Sofern keine Waldbrandgefahr herrscht und keine weiteren lokale oder regionale Verbote bestehen, ist es fast überall erlaubt, ein Lagerfeuer zu machen.

Der Gesetzgeber vertraut darauf, dass, wer ein Feuer macht, auch weiss, was er tut. Das bedeutet zum Beispiel, dass man zwei, drei einfache Techniken beherrscht, um je nach Gegebenheit ein Lagerfeuer so anlegen zu können, dass seinetwegen weder dürres Gras noch Büsche oder Bäume in Flammen aufgehen. Ein Blick in einen Outdoorratgeber kann sich hier wirklich lohnen, denn: Ein kleines Lagerfeuer, auf dem sich zum Znacht ein Cervelat bräteln oder am Morgen frischer Kaffee aufkochen lässt, ist quasi das Tüpfelchen auf dem i einer gelungenen Sternennacht.

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Das Buch «Draussen schlafen» aus dem AT-Verlag ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Foto: Regula Stettler, kel

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