Stockeinsatz

Tommy Dätwyler

Früher wurden sie als «Stockenten» belächelt. Heute schätzen viele Wanderer die Vorzüge von Wanderstöcken. Richtig eingesetzt schonen sie die Gelenke und Muskulatur.

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Der Weg ins Tal ist für viele Wanderer eine Qual. Schlotternde Knie und ein zünftiger Muskelkater drohen. Wanderstöcke könnten das verhindern, sagt Sportarzt und Gebirgsmediziner Urs Hefti von der Berner Swiss Sportclinic : «Die von den Beinen zu leistende Bremsarbeit beim Abwärtsgehen ist für die Kniegelenke und ihre Muskeln eine sehr grosse Belastung.» Vor allem weniger gut trainierte Wanderer würden beim Abwärtsgehen schnell einmal ihre Gelenke und die Muskulatur überlasten, so Hefti. «Die wirkenden Spitzenkräfte können ein Mehrfaches des eigenen Körpergewichts betragen. Besonders belastet wird dabei das Kniegelenk.» Bekannt ist der «Chnüüschlotteri»: Beschwerden, die durch ungenügend trainierte und erschöpfte Beinmuskulatur entstehen, wenn beim Abstieg die auf Stossbelastung empfindlichen Kniegelenke nicht mehr ausreichend abgefedert werden können. Von den Folgen kann fast jeder ein Liedchen singen: Knieschmerzen, Muskelermüdung und Muskelkater. Trekking- oder Wanderstöcke können gemäss Sportarzt Urs Hefti diese Belastungen reduzieren.

Nur ein Stock bringt nichts. Studien haben gezeigt, dass rund 30 Prozent der Berggänger mindestens zeitweise über Schmerzen in den Kniegelenken klagen – und dass richtig eingesetzte Wanderstöcke Muskulatur und Kniegelenke um bis zu 22 Prozent entlasten können. Das entspricht bei einer achtstündigen Durchschnittstour einer Gewichtsentlastung von 250 Tonnen!

Vom Stockeinsatz profitieren nicht nur Oberschenkel und Knie, auch andere Gelenke und die Wirbelsäule werden entlastet, sofern die Stöcke richtig eingesetzt werden. Stöcke entlasten gemäss Hefti nämlich nur, wenn man beim Abstieg beide Stöcke gleichzeitig parallel vor dem Körper absetzt, den Oberkörper in Vorlage bringt und die Beine anwinkelt, um die Stöcke weit nach vorne zu setzen. «Ein einzelner Stock bringt eher Unruhe in den Bewegungsablauf und gefährdet so das Gleichgewicht.» Beide oder keinen, lautet hier also die Devise.

Auch beim Bergaufgehen können verstellbare Wanderstöcke, sogenannte Teleskopstöcke, Hilfe und Unterstützung leisten: Sie haben – eher kurz eingestellt – beim Hochsteigen eine ermüdungsreduzierende Funktion: Arm- und Schultermuskulatur unterstützen und entlasten die Beinmuskulatur. Der gleichmässige Stockeinsatz führt zudem zu einer entspannenden, ruhigen Atmung, wodurch wiederum die Ausdauer erhöht wird. Dazu trägt auch der aufrechte Gang bei, der die Lungenventilation verbessert. Bei kurzen Steilpassagen fasst man einfach unterhalb des Griffs – so muss man den Stock nicht extra verkürzen. Manche Modelle sind deshalb mit verlängerten Griffzonen ausgestattet. Gemäss Hefti werden die Stöcke beim Bergaufgehen oft zu lang eingestellt. «Das erschwert die Durchblutung von Händen und Vorderarmen.»

Wanderstöcke eignen sich übrigens auch dazu, nach einem Unfall ein gebrochenes Bein oder einen verletzten Arm ruhigzustellen, wie mit einer Schiene. Dazu die Stöcke auf beiden Seiten ober- und unterhalb des Bruches oder der Verletzung eng anbinden.

Wann macht der Stockeinsatz Sinn?
● Verwenden Sie Stöcke vor allem dann, wenn es die Gelenke auch wirklich benötigen. Verzichten Sie gelegentlich bewusst auf Stöcke, besonders wenn Sie sich schon daran gewöhnt haben.
● Trainieren Sie auf flachen Passagen Muskeln und Koordination ohne Stöcke.
● In schwierigem Gelände und insbesondere wenn zum Vorwärtskommen die Hände gebraucht werden, gehören die Stöcke in den Rucksack.
● Teleskopstöcke und ihre Verschlüsse müssen regelmässig kontrolliert werden. Zusammenrutschende Stockteile führen häufig zu Stürzen und Unfällen.

Zuviel ist ungesund. Der ständige Stockeinsatz kann aber auch negative Folgen haben, gibt Hefti zu bedenken. «Wer ständig mit Teleskopstöcken unterwegs ist, riskiert, dass wichtige Fähigkeiten wie Koordinationsvermögen und Gleichgewichtssinn verkümmern.» Erfahrungen hätten gezeigt, dass nach mehrmonatigem Gehen auf «vier Beinen» das Balancegefühl auf zwei Beinen stark beeinträchtigt wird. «Das Gehen ohne Stöcke fällt nach langem Stockeinsatz schwer, weil die Koordination zum Halten des Gleichgewichts neu gelernt werden muss. Man fühlt sich ohne Stöcke verloren und unsicher.» Einer solchen Entwicklung gelte es vorzubeugen. Hefti empfiehlt deshalb, ab und zu bewusst auf die Stöcke zu verzichten.

Die richtige Wahl
• Die richtige Höhe
Der rechte Winkel ist massgebend: Stöcke vor die Füsse auf den Boden stellen. Der Unterarm muss einen rechten Winkel zum Ende der Stöcke bilden.
• Kunststoff-, Kork- oder EVA-Schaum-Griff
Kunststoff ist schwer, im Sommer schwitzt man schnell, das begünstigt Blasen, im Winter ist der Griff kalt, mit Handschuhen unter Umständen wenig griffig. Kork bietet ein angenehmes Griffgefühl, wird allerdings schnell speckig. EVA-Schaum ist ein Hightechmaterial: sehr leicht, griffig, angenehm. Es kann aber zu Abfärbungen kommen. Schaumstoffgriffe sind eher bei teuren Stöcken zu finden.
• Karbon- oder Aluminiumstöcke
Karbon ist ein Hightechmaterial und viel leichter als Aluminium. Karbonstöcke brechen jedoch leicht und sind nicht recyclierbar, sondern einmal ausgemustert Sondermüll. Achten Sie beim Kauf ihrer Teleskopstöcke vor allem auf einen zuverlässigen Klemmmechanismus.
• Der richtige Teller
Die Teller am unteren Ende der Wanderstöcke können bei den meisten Modellen ausgewechselt werden. Im Sommer ist der kleine Teller der richtige, im Winter der grosse. Es gibt auch Einheitsgrössen, die für Winter und Sommer geeignet sind.
• Wander- oder Walkingstöcke
Zum Wandern werden mit Vorteil Wanderstöcke benutzt, die in der Länge meistens verstellbar sind. Zum Walken die etwas längeren Walkingstöcke, die sich oft in der Länge nicht  verstellen lassen.

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Sonnenschein, blauer Himmel und endlich Ferien – höchste Zeit also, die Wanderschuhe zu schnüren. Allzu schwer sollte der Rucksack natürlich nicht sein. Diese 10 Dinge sollten aber auf jeden Fall mit, wenn es zu Fuss über Stock und Stein geht.