Auf den Gipfel

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Vom Nagelschuh bis hin zur Funktionsjacke aus Recycling-Material – die Entwicklung moderner Outdoor-Ausrüstung ist eng mit der Geschichte des Alpinismus verbunden.

In der Dreilagenjacke im Intercity zwischen Zürich und Bern, mit der Soft-Shell-Jacke auf Einkauf im Grossverteiler oder in der modisch-sportlichen Daunenjacke an die Vernissage in der Galerie: Die sportlich- funktionelle Bekleidung hat längst in unserem Alltag Einzug gehalten, aber kaum jemand verschwendet einen Gedanken daran, wem die angenehm zu tragenden und hoch funktionellen Hightech-Materialien zu verdanken sind.
Zur Zeit von Edward Whymper und auch noch Jahrzehnte nach dem grossen Kampf ums 4478 Meter hohe Matterhorn im Sommer vor 150 Jahren waren die vorwiegend englischen Alpinisten noch mit Wollpullover, wattierten Hosen aus Schottenstoff, genagelten Schuhen und einem langen Alpenstock unterwegs. Die Steigeisen glichen mit Nägeln bestückten Hufeisen und die Seile, die man sich in lebensbedrohlicher Art um den Bauch band, waren aus schweren und steifen Hanffasern gefertigt. Kurz: Wie in anderen Sportarten gab es in den Anfängen des Bergsteigens keine ausgetüftelte Ausrüstung und es wurde Alltagskleidung getragen. Der Bergsport von damals ist so weit vom heutigen Alpinismus entfern wie das Hochrad von der «Tour de France», heisst es. 

Ohne Alpinismus kein Tourismus

Aber: Die Entwicklung der technischen Hilfsmittel und Ausrüstung ist untrennbar mit den alpinistischen Erfolgen verbunden. Und beides, die «Eroberung der Berge» und die ständige Weiterentwicklung der Ausrüstung – die rutschfeste Vibram-Gummisohle zum Beispiel wurde 1937 erfunden –, hat schliesslich auch die Basis für die Entwicklung des modernen Tourismus gelegt. Mit den ersten Pauschalferienreisen durch Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Bau von Eisenbahnen, Hotels und Bergbahnen sowie der cleveren Vermarktung der Tourismusregionen mit Plakaten und Postkarten wurde die Bergwelt einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
Richtig den Kinderschuhen entwachsen ist der Alpinismus schliesslich erst 1938 mit der Erstdurchsteigung der Eigernordwand. Wie zu Zeiten Whympers meisterten die wagemutigen Kletterer die Wand immer noch in Leinen und raue Wolle gekleidet und mithilfe von Hanfseilen und Nagelschuhen. Aber dann setzte ein regelrechter Entwicklungsschub ein. 

Spektakuläres Open-Air-Theater zur Erstbesteigung

Die Veränderung des Freizeitverhaltens und der Drang, sich in der Natur zu bewegen und sportlichen Vorbildern nachzueifern, haben in den letzten 150 Jahren nicht nur den Alpinismus selber und die Kleidungsgewohnheiten verändert, sondern auch die Schweiz als Tourismus- Destination erfolgreich gemacht.
2013 hat der Tourismus in der Schweiz mit knapp 170 000 Vollzeitstellen einen Umsatz von rund 35 Milliarden Franken generiert. Am Fusse des Matterhorns, in Zermatt, wird diese Entwicklung mit den Feierlichkeiten zum 150-Jahr- Jubiläum der Erstbesteigung des Matterhorns diesen Sommer umfassend gewürdigt.
Im Zentrum steht dabei neben zahlreichen festlichen Anlässen auch das Freilichtspiel «The Matterhorn Story». Ab dem 9. Juli wird am Gornergrat auf rund 2600 Meter Höhe die Geschichte der Erstbesteigung zum ersten Mal künstlerisch umgesetzt und als Open-Air-Theateraufführung inszeniert.
«Ich widme mein Stück den Zermatter Bergführern. Nur mit ihrem Einsatz gelangen wohlhabenden Touristen viele Erstbesteigungen, und diese gelangten zu Weltruhm wie Edward Whymper, während sie selber vergessen gingen», sagt Livia Anne Richard, Regisseurin und Autorin von «The Matterhorn Story».

+ Mehr Infos zum Freilichttheater «The Matterhorn Story» unter www.freilichtspiele-zermatt.ch 

Schweizer sind vorne mit dabei

Federführend war dabei unter anderen eine Firma aus Seon im Aargau, die 1862 als Seilerei gegründet worden war und deren Produkte von Anfang an den Alpinismus begleiteten. Heute ist Mammut weltweit ein Synonym für Bergseile, Rucksäcke und berg- und alltagstaugliche Funktionskleider. Oder auch die rund hundert Jahre später gegründete Schweizer Firma Colltex. Mit deren Klebefellen sind Skitourengänger mittlerweile auf allen Bergen dieses Globus unterwegs.
Untrennbar mit der Entwicklung des Bergsports verbunden ist auch die Geschichte des Schweizer Alpenclubs SAC: Bereits zwei Jahre vor der tragischen Erstbesteigung des Matterhorns, bei der vier der sieben Bergsteiger auf dem Rückweg abstürzten und starben, wurde er 1863 gegründet. Aber nicht in erster Linie im Hinblick auf Gipfelerfolge, sondern viel mehr um die Erforschung der Alpen und deren Erschliessung mit Unterkünften zu fördern. Heute ist der SAC mit seinen über 150 Hütten (siehe auch Box «Hörnlihütte») und jährlich über 300 000 Übernachtungen «die grösste Hotelkette der Schweiz» und gleichzeitig mit gegen 150 000 Mitgliedern der grösste Sport- und Umweltverband. 

Helden für den Alltag

Die wirksame Werbung für Outdoor-Produkte hat auf breiter Front ihr Publikum gefunden: Alle geben sich heute gerne sportlich, man zeigt mindestens vordergründig Nähe zu Natur und mit der heutigen Outdoor- oder Funktionsbekleidung findet das Abenteuer bereits auf dem Weg zur Arbeit statt. Und wer tatsächlich einmal in die Berge geht, der tut das in der Regel von Kopf bis Fuss bestens ausgerüstet.
Die Branche hat es geschafft, dank cleveren Materialen und der Vorbildfunktion von Spitzenathleten auch die Ansprüche der Normalverbraucher in die Höhe zu schrauben. Leicht, mit viel Tragkomfort, aber winddicht und wasserundurchlässig, atmungsaktiv und mit einer hohen Strapazierfähigkeit suggerieren Hightech-Materialen Standfestigkeit und Durchhaltewillen. Wir alle sind – mindestens vom Outfit her – zu «Gipfelstürmern» geworden. 

Hörnlihütte on the top

Zum Jubiläum der Erstbesteigung des Matterhorns konnte auch die weltbekannte schon 1865 erbaute Hörnlihütte – bis heute der Ausgangsort für eine Besteigung des meistfotografierten Berges der Welt – umgebaut und saniert werden. Die Bauarbeiten auf einer Höhe von knapp 3300 Metern wurden im Juni 2013 in Angriff genommen. Der Ersatzbau für das ehemalige SAC-Gebäude wurde auf der linken Seite an das 1911 errichtete Berghaus Matterhorn angebaut. Sie werden ab diesem Sommer eine Einheit bilden und unter dem Namen «Hörnlihütte » weitergeführt. Die moderne Bergsteiger-Unterkunft wird sich weitestgehend selbst mit Energie und Wasser versorgen und gilt, ebenso wie die Neue Monte-Rosa-Hütte, als Vorzeigebeispiel bei der Konzeption von zeitgemässen Bergunterkünften.

+ Mehr Infos unter www.hoernlihuette.ch

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