Ab in die Hütte!

Françoise Salami

Hüttenübernachtungen wecken die Abenteuerlust der Sprösslinge – mit dem Vorteil für die Eltern, dass sie gleich mehrere Tage der Wanderlust frönen können.

@ Françoise Salami, Illustration: zvg

«Schau, dort oben siehst Du die Hütte!» Unsere älteste Tochter, damals fünf Jahre alt, folgt meinem Zeigfinger und entdeckt weit oben das Dach der Topalihütte, das in der Mittagssonne glänzt. «Du, Mama, wenn man die Hütte schon von hier aus sieht, kann es nicht weit sein», meint sie. Tatsächlich trennen uns 1500 Höhenmeter und rund fünf Marschstunden. Wir stehen im Dorf St. Niklaus im Mattertal, die Topalihütte steht auf 2674 Meter über Meer.

Zugegeben, Bergsteigereltern kommen gelegentlich in Versuchung, ihre Hüttenziele nicht ganz uneigennützig zu wählen. Viel zu gerne wollten wir damals die neu erstellte Unterkunft hoch über dem Nikolaital besuchen und nahmen dabei in Kauf, mit unserer Tochter nach halber Strecke umkehren zu müssen. Soweit kam es aber nicht. Selbst der Hüttenwart staunt, als unser Spross gegen Abend bei ihm reinspaziert.

Duvets statt Wolldecken. Vor 150 Jahren als einfache Schutzhütten für die Eroberer der Gipfel erbaut, bieten die Hütten des Schweizer Alpen-Club (SAC) heute eine komfortable Unterkunft. Im Zuge von Renovationen und Erweiterungen sind aus den grossen Massenschlägen vielerorts kleinere Mehrbettzimmer entstanden, die einst kratzigen Wolldecken wurden durch kuschelige Duvets ersetzt. So erfreuen sich die SAC-Hütten immer grösserer Beliebtheit – dies zeigen auch die jährlich über 300 000 Übernachtungen. Laut Bruno Lüthi, Bereichsleiter des SAC-Hüttenbetriebs, ist dies einerseits zurückzuführen auf einen bereits länger anhaltenden Trend zu Naturerlebnissen und Bewegung; andererseits wurden mit verstärkten Marketingmassnahmen neue Zielgruppen erreicht. Zum Beispiel Familien: 2002 galten unter den 152 SAC-Hütten, 20 Unterkünfte als familienfreundlich, mittlerweile sind es bereits 60. Es sind alles Hütten, die leicht und gefahrenlos zu erreichen sind. «Ein zentrales Kriterium ist zudem, dass die Hüttenteams Kinder und Familien mögen», so Lüthi.

Auch wir konnten uns nach unserer Hardcore-Hüttentour begeistern für die familienfreundlichen Hütten, die in wenigen Marschstunden erreichbar sind und mit Attraktionen aufwarten wie einem Trampolin bei der L.mmernhütte, einer Slackline bei der Sustlihütte oder einem Klettergarten bei der Cabane de Moiry. Wir schätzen die kleinen Mehrbettzimmer, die nach Möglichkeit gerade Familien mit Kindern zu Verfügung stehen. Unsere Kinder finden es aber ebenso toll, zusammen mit Gspänlis in einem Matratzenlager zu nächtigen.

Der Schweizer Alpen-Club wurde 1863 gegründet und feierte 2013 sein 150-Jahr-Jubiläum. Heute zählt er rund 150 000 Mitglieder und ist damit der grösste Bergsportverband der Schweiz. Der SAC besitzt 152 Hütten, davon gelten 60 als familienfreundlich, d. h. die Unterkünfte sind in max. drei Marschstunden zu erreichen und die Schwierigkeit übersteigt T3 nicht. www.sac-cas.ch/huetten/huette-suchen.html

Marktlücke schlechter Handyempfang. Ein besonderes Erlebnis bietet die Gelmerhütte im Haslital: Zum Auftakt geht es mit der steilsten Standseilbahn Europas hinauf zum Gelmer-Stausee. Von hier aus sind es nur noch zwei Stunden bis zur Gelmerhütte. Früher wurde die Gelmerhütte hauptsächlich von Bergsteigern besucht, mittlerweile ist die Kundschaft bunt gemischt, darunter sind auch Familien mit Kindern. Peter Schläppi, seit fünf Jahren Hüttenwart der Gelmerhütte, heisst seine Gäste mit einem Begrüssungsdrink willkommen und stellt ihnen ein Dachzimmer zur Verfügung – Kinderfinken und Hocker fürs Zähneputzen inklusive. In der gemütlichen Stube lenkt kein Fernseher ab; die Familie kann sich mit Gesellschaftsspielen die Zeit vertreiben. Unweit hinter der Hütte liegt eine grosse Schwemmebene – ein Naturspielplatz für Gross und Klein. Dort können Bäche gestaut, Füsse gebadet oder Sandburgen gebaut werden. Hartgesottene – und das sind Kinder meistens! – können an heissen Sommertagen im Ofenhornseeli ein Bad nehmen. «Viele Familien kommen wegen des Hüttenerlebnises zu uns», resümiert Schläppi. «Sie schätzen das frohe Beisammensein, den schlechten Handyempfang und das 4-Gang-Menü für alle.» Dazu komme die sportliche Aktivität in einer grandiosen Gebirgslandschaft. Für Schläppi hat eine Hüttenübernachtung durchaus das Potenzial eines «Lifestyle-Produkts, ganz nach dem Motto: einfach, urchig, gemütlich».

Stets neue Ideen haben auch Gabriel und Nina Grepper-Dittli, Wirtepaar der Leutschachhütte oberhalb des Urner Arnisees. In diesem Sommer gibt es eine kleine Schnitzeljagd, passend zum Kinderbuch «Theobald, das Leutschach-Gespenst». Neben dem lehrreichen Hüttenpfad gibt es einen hauseigenen Klettergarten, der sich für Kinder bestens eignet; die Ausrüstung kann gleich vor Ort gemietet werden. Zudem sind zwei wunderschöne Seen in Hüttennähe: Der türkisblaue Nidersee und der Obersee, der sogar mit einem Floss befahrbar ist. «Die Reaktionen sind sehr positiv, vor allem die beiden Seen sind bei fast allen Gästen das Highlight», erläutert Grepper nicht ohne Stolz.

Goldene Regeln
Ziel: Eine Wanderung sollte mit einem klaren Ziel vor Augen gestartet werden. Das macht für Kinder Sinn und motiviert sie, dieses Ziel zu erreichen.
Zeit: Kinder brauchen Zeit, je nach Alter sollten häufiger Pausen eingeplant werden für Zwischenmahlzeiten und nicht zuletzt zum Spielen. Besonders jüngere Kinder werden unterwegs immer wieder abgelenkt. Für ältere Kinder kann es aber durchaus einen Reiz haben, einen Zeitrekord aufzustellen.
Spiel: Die Natur bietet genug Möglichkeiten: Baden in Bergseen, mit Steinen Bäche stauen, Kristalle suchen, auf Schneefeldern rutschen, Stöcke schnitzen. Auch der Weg kann spielerisch unter die Füsse genommen werden, etwa indem die Kleinen den «Bergführer» spielen und den Wegzeichen folgen, Steinmännchen suchen oder diese wieder aufbauen. Wichtig: Computerspiele bleiben zu Hause!
Gesellschaft: Kindern macht es oft Spass mit befreundeten Familien loszuziehen. Im Gespräch mit gleichaltrigen Gspänlis vergeht die Zeit im Flug und die aufkommende Müdigkeit geht schnell vergessen

Mit Gspänlis ein Ziel vor Augen. Hütten-Eldorado Schweiz also – nur: Wie die Jüngsten oder gar Jugendlichen zum Wandern motivieren? Zugegeben, die anfangs erwähnte Topalihütte ist weder eine Einstiegstour für Kinder, noch gehört sie zu den familienfreundlichen Hütten. Die Episode zeigt aber, dass in Kindern eine enorme Energie steckt und was sie motivieren kann: Etwa das Ziel bereits beim Start vor Augen zu haben; oder ein abwechslungsreicher, steiler Bergweg. Flache und breite Forststrassen hingegen sind oft ein Motivationskiller. Kurz gesagt: Die Motivation steht über allem. Diese ist auch gegeben, wenn sich Familien für eine Tour zusammenschliessen. Mit Gspänlis lässt es sich unterwegs schwatzen und spielen, sodass die Kinderbeine wie von alleine laufen.

Und wenn die Sprösslinge grösser werden, liegen durchaus ambitioniertere Hüttenziele drin. Wie etwa die Baltschiederklause in der Abgeschiedenheit des hintersten Baltschiedertals, das zum Unesco Weltnaturerbe gehört. Die Tatsache, dass es sich dabei um den längsten Anstieg zu einer SAC-Hütte handelt, hat unsere beiden älteren Töchter damals motiviert, den über sechsstündigen Marsch anzutreten. Frühmorgens sind wir gestartet, haben uns Zeit gelassen und auch einen Abbruch der Wanderung nicht ausgeschlossen. Irgendwann aber kam der «Point of no Return». Zum Glück hatte unsere Jüngste zu diesem Zeitpunkt keine Krise – die Geschichte, die wir ihr erzählten, war gerade zu spannend. Und dann, als sich die Müdigkeit bemerkbar machte, kam die Hütte zum Vorschein. Und was geschah? Auf den letzten 500 Höhenmetern mussten wir uns anstrengen, unsere Töchter nicht aus den Augen zu verlieren – sie gingen ab wie s‘Bisiwätter. 

Fotos: Françoise Salami, Illustration: zvg

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