Kurz vor 22 Uhr befolgte der schnelle Audi die Gesetze der Physik. Nach der langen Geraden zwischen Langenthal und St. Urban trieb ihn seine Masse statt um die nicht unproblematische Linkskurve direkt in den Wald. Dort erwiesen sich die Naturgesetze als besonders unerbittlich. Ein dicker Baum stoppte die Fahrt des Wagens innert einer Millisekunde, worauf es das Menschenwerk in drei Teile riss – und den Menschen darin im selben Augenblick aus dem Leben.
Noch heute, wenn ich an dieser Stelle vorbei fahre, tschuddert es mich. Rund um den unbestechlichen Baumstamm sind noch Wochen nach dem Ereignis hunderte von Grabkerzen gruppiert. Einige brennen sogar noch – oder immer wieder. Am Baum selber hängen zwanzig Zettel, Fotos und Abschiedskarten. Der junge Mann, der dort seine Familie und seine Freunde für immer verliess, war gerade mal 22 Jahre alt.
Ein Raser? Ja! Ein -ic? Nein. Ein ganz gewöhnlicher -er, wie Müller, Meier, Keller oder Berger. Einer aus der Region.
„Er hat Liebeskummer gehabt“, erzählte mir mein 12-jähriger Sohn. Das habe man sich auf dem Pausenplatz erzählt, denn der Tote war weit herum bekannt, und sein rasantes Ableben deshalb tage-, ja wochenlang Thema.
„Der Fahrer war alkoholisiert“, war im Polizeibericht zu lesen. Kein Wort von Liebeskummer, und deshalb wurde der Unfall von den Behörden ganz unpathetisch unter den beiden Rubriken „Alkoholeinfluss“ und „übersetzte Geschwindigkeit“ abgelegt.
Vielleicht tschudderts mich deshalb jedes Mal an der Unfallstelle. Ein Mensch, ein Leben, eine Geschichte, und jetzt nur noch ein Fall für die Statistik. So schnell geht das – und so schnell kann es jedem von uns passieren. Die Physik interessiert nicht, woher einer kommt und was er glaubt. Und auf Gefühle geht sie schon gar nicht ein.