Beiträge und Artikel mit dem Tag (Stichwort): Tod

Exit und der ganze Rest vom Leben

Markus Kellenberger | Donnerstag, 18.11.2010

Ich will weder schwermütig werden, noch düster in die Zukunft schauen, sondern sachlich darüber reden. Wer von Ihnen hat mit Exit schon Erfahrungen gemacht. Nicht in Form einer TV-Reportage oder einer Blick-Schlagzeile, sondern richtig. Im Leben eben, denn darum geht es bei Exit. Ums Leben und dessen Ende.

Mein Freund hat sich entschieden. Sein Krebs wird in den nächsten paar Wochen, eventuell auch noch einigen Monaten, seinen Körper weiter zerstören. Die Metastasen im Kopf beeinträchtigen immer mehr seine Wahrnehmung, seine Koordination. Manchmal vergisst er, wie die WC-Spülung funktioniert. Um das Schulbuch seines Sohnes einzufassen, brauchte er einen ganzen Nachmittag - und das Endergebnis sah aus, wie das von einem 1. Klässler. Und das einem Mann, der Kunstwerke zusammengeschweisst hat, der Unterstände gebaut, elektrische Leitungen verlegt, Zimmer renoviert und überhaupt davon geträumt hat, im Alter vielleicht eine kleine eigene Möbelwerkstatt zu eröffnen.

Jetzt geht es darum, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Weihnachten noch, vielleicht die Sportwoche mit der Familie. Und dann?

Der Zeitpunkt muss stimmen, sagen die Bestimmungen von Exit. Eigenhändig muss der Cocktail eingenommen werden. Jede Hilfe von aussen ist verboten, und darüber wird streng gewacht. Sollte er den Zeitpunkt falsch wählen, das heisst zu spät, und ihm die eigenen Hände den Dienst versagen, darf nicht einmal seine Frau ihm den Kelch reichen. Das wäre je nach Auslegung Beihilfe zum Selbstmord, wenn nicht gar Mord. Aber wäre das wirklich verwerflich? Unmoralisch, eventuell unchristlich?

An seiner Stelle würde ich das von meiner Geliebten erwarten - und meine Geliebte dürfte das von mir erwarten. Aus meiner Sicht ist das wahre Liebe - und Liebe kann bekanntlich sehr sehr weh tun.

Fotos: Malkav / flickr / cc, llimllib / flickr / cc, Beverly & Pack / flickr / cc

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Seid wachsam, sonst kommt sie, die Schweizer Scharia

Markus Kellenberger | Mittwoch, 25.08.2010

Nun gibt es also doch keine Unterschriftensammlung für die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Schweiz. Die Initianten sind zur Besinnung gekommen und haben ihr Begehren zurückgezogen. Ich bin sicher: Nicht wenige meiner lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger, die mir täglich vor dem Haus, auf der Strasse, auf dem Märit und am Arbeitsplatz begegnen, bedauern das. Offen dazu stehen wird kaum einer – und das macht mir mehr Angst als die Initiative selber.

Warum das? Weil es hier um eine Befindlichkeit geht, die sich in unserem Land schleichend breit gemacht hat. Jahrelange gezielte Propaganda und ebensolche Provokation volksnaher Parteien hat braunes Gedankengut soweit in unseren Alltag integriert, dass wir es oft nicht mehr als solches erkennen – oder dann biegen wir uns die Wahrheit zurecht. Fremdenfeindlichkeit ist ein gutes Beispiel dafür. Bekannte von mir, bekennende „Linke und Nette“, um es überspitzt zu sagen, haben ihre Kinder in die Steinerschule geschickt. Weil dort mehr auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird, so ihre offizielle Erklärung. Nach drei Gläsern Wein im kleinen vertrauten Kreis kommt dann aber die Wahrheit ans Licht. „Es hat dort auch viel weniger Ausländer, also nicht, dass wir etwas gegen sie hätten, aber unser Bub ist halt sensibel, und das mit der Gewalt auf dem Pausenplatz ist nun wirklich ein Problem, und die Integration ist nicht einfach, und blablabla.“ Verstehen Sie, was ich meine?

Mit der Todesstrafe verhält es sich ähnlich. Heute noch lautstark abgelehnt. Morgen schon leises Verständnis dafür. Und Übermorgen?

Foto: Evaldas / flickr / cc


Tod eines Rasers - oder die verlorene Unschuld

Markus Kellenberger | Freitag, 11.12.2009

Kurz vor 22 Uhr befolgte der schnelle Audi die Gesetze der Physik. Nach der langen Geraden zwischen Langenthal und St. Urban trieb ihn seine Masse statt um die nicht unproblematische Linkskurve direkt in den Wald. Dort erwiesen sich die Naturgesetze als besonders unerbittlich. Ein dicker Baum stoppte die Fahrt des Wagens innert einer Millisekunde, worauf es das Menschenwerk in drei Teile riss – und den Menschen darin im selben Augenblick aus dem Leben.  

Noch heute, wenn ich an dieser Stelle vorbei fahre, tschuddert es mich. Rund um den unbestechlichen Baumstamm sind noch Wochen nach dem Ereignis hunderte von Grabkerzen gruppiert. Einige brennen sogar noch – oder immer wieder.  Am Baum selber hängen zwanzig Zettel, Fotos und Abschiedskarten. Der junge Mann, der dort seine Familie und seine Freunde für immer verliess, war gerade mal 22 Jahre alt.

Ein Raser? Ja! Ein -ic? Nein. Ein ganz gewöhnlicher -er, wie Müller, Meier, Keller oder Berger. Einer aus der Region.

„Er hat Liebeskummer gehabt“, erzählte mir mein 12-jähriger Sohn. Das habe man sich auf dem Pausenplatz erzählt, denn der Tote war weit herum bekannt, und sein rasantes Ableben deshalb tage-, ja wochenlang Thema.

„Der Fahrer war alkoholisiert“, war im Polizeibericht zu lesen. Kein Wort von Liebeskummer, und deshalb wurde der Unfall von den Behörden ganz unpathetisch unter den beiden Rubriken „Alkoholeinfluss“ und „übersetzte Geschwindigkeit“ abgelegt.

Vielleicht tschudderts mich deshalb jedes Mal an der Unfallstelle. Ein Mensch, ein Leben, eine Geschichte, und jetzt nur noch ein Fall für die Statistik. So schnell geht das – und so schnell kann es jedem von uns passieren. Die Physik interessiert nicht, woher einer kommt und was er glaubt. Und auf Gefühle geht sie schon gar nicht ein.

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Die Würde zu leben

Markus Kellenberger | Montag, 10.03.2008

Ein Nachbar sei gestorben, hörte ich kürzlich – und stellte fest: Nichts davon bemerkt. Ich kannte den Mann im Leben nicht, geschweige denn im Tod. Bei näherem Nachdenken allerdings kam mir in den Sinn, irgendwann mal im Quartier einen dezent dunkelgrauen Mercedes-Kombi mit blickdicht getönten Scheiben wahrgenommen zu haben. Das wars – und jetzt schäme ich mich ein bisschen. Dass wir unsere Nachbarn nicht mehr kennen, ist mittlerweile gesellschaftlicher Standard. Und dass wir unsere Toten so still und leise wie nur möglich aus dem Kreis der noch Lebenden entfernen, ebenfalls.

Ich wuchs in den 60er und 70er Jahren in einem grösseren Dorf auf. Wir kannten unsere Nachbarn – was nicht immer nur lustig war. Wenn einer starb, dann wussten wir das im Voraus. Und wenn es dann soweit war, gingen Frauen von Haus zu Haus, klingelten und überbrachten die Nachricht. Danach, so erlebte ich es, als ein alter Nachbar zwei Häuser weiter seine Augen für immer schloss, herrschte Stille im Quartier.

Als Kind war diese Stille, die unser Spiel dämpfte, mehr als nur eindrücklich. Es war eine Pause im Weltengefüge, die wir bis ins Innerste spürten. Sie bereitete uns auf das lauter werdende Geräusch klappernder Hufe vor, wenn sich der Leichenwagen näherte. Grosse, eisenbeschlagene Räder, samtschwarze Vorhänge und ein schwarz gekleideter Mann auf dem Kutschbock. Das Pferd geschmückt mit ebenso schwarzem Zaumzeug und auf dem Kopf ein schwarzer Federnbusch. Wie auf ein geheimes Signal strömten Menschen, darunter auch wir, auf unser Strässchen. Wir Kinder drängelten so unauffällig wie möglich nach vorn, um den Grusel zu erleben, wenn der Sarg aus dem Haus getragen und auf den Leichenwagen gehoben wurde. Die leise Lust am Morbiden verging und sofort, als die Witwe aus dem Haus trat. Schwarz wie das Pferd. Das faltige Gesicht wie Stein – und für einen Moment stand alles völlig erstarrt.

Ein leises Schnalzen des Kutschers, und die Welt drehte sich wieder. Der Wagen mit dem Sarg, die Witwe und dahinter die engsten Verwandten setzten sich in Bewegung, während wir, die Quartierbewohner, stumm Spalier standen. Alle, auch wir Kinder, ohne zu Wissen warum, aber die Ernsthaftigkeit des Moments spürend, neigten vor dem Leichenzug die Häupter. Nicht der Tod – das Leben zog an uns vorbei. Und das machte diesen Augenblick, diesen Tag, so einzigartig in meinem Leben.

Und jetzt fragen Sie sich gewiss: Warum schreibt der das alles? Ich weiss nicht genau! Vielleicht, weil wir den Tod so weit wie nur möglich aus unserem modernen Alltag verbannt haben – und weil das die Würde zu leben einfach irgendwie schmälert.

Bild: © Stihl024 / PIXELIO

 

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