Marroni sind für mich mit dem Tessin verbunden. Und Marroni mag ich nicht nur gebraten an kalten Wintertagen, sondern das ganze Jahr zum Beispiel in Form von Brot. Die Absicht, ein Brot mit Marronimehl zu backen, führte mich deshalb neulich in einen Bioladen. Unter allerlei Schrot und Korn fand ich alsbald auch das gesuchte Produkt.
Als kritischer Konsument studierte ich natürlich das Kleingedruckte auf der Verpackung, bekam aber auch beim Kleinstgedruckten keine Auskunft darüber, woher die Zutaten denn stammen. Das Verkaufspersonal war ebenfalls überfragt, versprach aber beim Hersteller nachzufragen.
Guten Mutes und als Kunde ernst genommen kaufte ich das Marronimehl. Das Brot, zu dem es wurde, mundete vorzüglich. Wäre da nicht dieser schale Nachgeschmack gewesen.
Ein paar Tage später hatte ich eine Nachricht auf dem Telefonbeantworter: die Bioverkäuferin. Es sei gar nicht so einfach gewesen, herauszufinden, woher das Mehl denn stamme, aber letzten Endes habe sie es geschafft, die Marroni stammten aus Übersee.
Und sie meinte dabei nicht die bayrische Gemeinde diesen Namens, sondern eine geografische Region, die laut Wikipedia «im weiteren Sinne auf einem Kontinent oder Gebiet der Erde liegt, dass durch Ozeane getrennt ist und über den Landweg nicht oder nur unter grossen Schwierigkeiten erreichbar, im europäischen Kontext neben Amerika also auch Australien und Ozeanien sowie grosse Teile Asiens, Afrika und die Antarktis».
Als in der Antarktis Kastanienbäume blühten, ist wohl schon ein paar Jahre her, dachte ich nicht wirklich beruhigt. Und: Das ist also Bio vom Bioladen. Ist es denn so schwierig, einheimisches oder zumindest europäisches Marronimehl zu kriegen? Immerhin versicherte mir die Bioverkäuferin, dass sie das auch nicht toll fände und das Produkt aus dem Sortiment nähme.
Ich habe seither kein Marronimehl mehr gekauft.
Postskriptum: Über die Auswahl an Biomehlen, die der in Ökokreisen gehätschelte Coop in seinen Regalen stehen hat, ärgere ich mich jeweils auch. Denn auch diese Mehle kommen aus aller Herren Länder, nur nicht aus der Schweiz. Gut gibt's die Migros: Unter dem Label Terra Suisse bietet sie Schweizer Mehl in verschiedenen Sorten an. Und: zwar nicht bio, dafür biodivers. Das zählt für mich mehr.
Fotos: albsissola.com / flickr / cc