Beiträge und Artikel mit dem Tag (Stichwort): Spenden

Spendenwahn und Betroffenheits-Journalismus

Markus Kellenberger | Freitag, 22.01.2010

Damit ich dies gleich klarstelle (verurteilen können Sie mich später): Haiti ist eine Tragödie, die Menschen dort tun mir leid. Viele haben innert weniger Minuten alles verloren. Hab, Gut und oft auch das Leben.

Trotzdem weiss ich nicht so recht, was mich mehr tschuddern soll. Das Leid in Haiti oder der  ausgebrochene Spendenwahn in der Schweiz und andernorts. Der Sammeltag der Glückskette war ein Erfolg – denn die begleitende Berichterstattung in Radio und Fernsehen grenzte an Nötigung. Wie sagte Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die publikumswirksam selber am Spendentelefon Dienst tat: „Dieser Tag zeigt die Schweiz als eine solidarische Schweiz, eine betroffene und eine mitfühlende Schweiz.“

Ich wage zu behaupten: Das stimmt nicht. Wäre die Schweizer Bevölkerung nämlich wirklich so gefühlsduselig, dann hätte sie sich schon vorher um Haiti gekümmert.

Hier nur ein Beispiel dafür, warum ich in Bezug auf Haiti zu diesem harten Urteil komme: Wussten Sie, dass schon vor dem Erdbeben allein in Port-au-Prince weit über 200'000 (in Worten: Zweihunderttausend) Waisenkinder durch die Strassen irrten? Wussten Sie, dass sich keine staatliche Institution um diese verlassenen Kinder kümmerte? Und wussten Sie, dass sich wohlhabende Haitianer viele dieser Kinder als rechtlose Arbeits- und Sexsklaven hielten? Wo war da die „mitfühlende“ Schweiz?

Sagen Sie jetzt ja nicht, das habe man halt nicht gewusst. Wer wollte, der wusste! Zugegeben, man musste solche Nachrichten finden, denn sie standen meist weit hinten in der Zeitung und schaffen es nicht in die Hauptschlagzeilen. Aber genau das ist es, was mich am herrschenden Sensationsjournalismus so anwidert. Der alltägliche Schrecken ist ihm zu langweilig – und, Hand aufs Herz – uns ja auch. Eine Katastrophe muss gross und gewaltig sein. So gross, dass man tagelang und unaufhörlich darüber berichten und sich als Empfänger der Nachrichten in immer neuen Wellen der Betroffenheit suhlen kann. So lange, bis die Einschaltquoten wieder zurück gehen, man genug gesehen, gehört und gelesen hat – und sich irgendwo auf der Welt endlich wieder eine neue Katastrophe einstellt.

Denken Sie mal darüber nach und spenden Sie während dessen ruhig weiter. Mit Ihrem Geld werden in Haiti unter anderem auch die Villen der Reichen wieder aufgebaut werden. So bekommen dann auch einige Waisenkinder wieder ein Dach über dem Kopf...

Fotos: kretyen / flickr / cc, Gretchen Mahan / flickr / cc

7 Kommentar(e) Tags (Stichworte): GlücksketteHaitiJournalismusPoilitikSpenden

Lenas Angst vor dem Ersticken

Andres Jordi | Freitag, 19.06.2009

Kürzlich bekam ich einen Brief von Frau Zosso von der Lungenliga. Ich freute mich sehr über die persönliche Post und dass sich Frau Zosso nach der Befindlichkeit meiner Lunge erkundigen wollte. Nun, es ging leider nicht um mich. Frau Zosso wollte mir vom Schicksal der zweijährigen Lena erzählen. Schon beim Titel blieb mir als empfindsamem Zeitgenossen der Schnauf weg: Lenas Angst vor dem Ersticken. Was ist wohl mit der armen kleinen Lena los, fragte ich mich erschrocken…

In dieser Art wollte ich jetzt eigentlich weiter schreiben. Über Lenas «heftige Anfälle», die «beklemmende Atemnot», die «unbeschreibliche Angst» der Mutter, Lena könne ersticken, von «aufwühlenden Ereignissen», «herzzerreissenden Anfällen» und Lenas «Erstickungsängsten». Das steht alles in diesem Brief. Ich wollte mich auslassen darüber, wo denn der Unterschied dieses herzzerreissenden Bettelbriefs und der viel kritisierten medialen Panikmache bei der Schweinegrippe liege und ob eigentlich der gute Zweck alle Mittel heilige. Denn ich habe mich aufgeregt über diesen effekthascherischen Brief.

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto weniger scheint mir meine Kritik legitim. Nicht gegenüber der Lungenliga, die mit plumpen Methoden Geld für die Asthmabehandlung einzutreiben versucht, sondern gegenüber Lena. Denn ich bin überzeugt, dass ihre Geschichte stimmt. Würde ich jetzt einfach weiter schreiben, würde ich das kleine Mädchen genauso instrumentalisieren, wie sie in gewisser Weise von der Lungenliga instrumentalisiert wurde.

Und so bleibt mir bloss die Frage, ob es wirklich nötig ist, mit solcher Tränendrüsendrückerei Spendengelder zu generieren?

(Bild: Lungenliga)

3 Kommentar(e) Tags (Stichworte): AsthmaGesundheitLungenligaSchweinegrippeSpenden


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