Beiträge und Artikel mit dem Tag (Stichwort): SBB

Welche Art von Konsument sind Sie?

Markus Kellenberger | Dienstag, 31.05.2011

Erinnern Sie sich noch an die gute alte PTT? Den Hörer abheben, die Wählscheibe drehen, telefonieren, Ende Monat die Rechnung bezahlen. Dann wurde die PTT privatisiert, der Markt geöffnet, ob den tieferen Preisen gejubelt, der Telekommunikationsanbieter frei gewählt. Seither checken zigtausende von Konsumentinnen und Konsumenten jährlich zwecks Kostenoptimierung, ob sie Wenignutzer mit Internet, Wenignutzer ohne Internet, Durchschnittsnutzer mit Internet, Durchschnittsnutzer ohne Internet, Vielnutzer mit Internet, Vielnutzer ohne Internet. Gleichzeitig gilt es zu klären, ob man als Privat- oder Geschäftskunde telefonieren möchte. Sind diese Fragen geklärt, geht es an die Wahl des Telekommunikationsanbieters. Swisscom oder Sunrise, M-Budget oder Aldi, Coop oder Orange, oder XY oder YX. Wer dem unverständlichen Geschwafel der meist extrem jungen Telekom-Verkäufern in den vielen Shops (Nummer gezogen?) nicht zuhören mag, vergleicht stundenlang auf www.comparis.ch. Am Schluss hat er ein Abo und kann damit – telefonieren.

Erinnern Sie sich an die gute alte SBB? Am Schalter sagen, wohin man möchte, zahlen und Billett entgegennehmen, einsteigen, am Zielort ankommen. Die SBB sind zwar noch nicht privatisiert, aber nah dran. Denn: Nicht der Kluge fährt im Zuge, sondern der Oberschlaue. Wann will man fahren, wohin und über welche Strecke, zu welcher Zeit, an welchem Tag, mit welchen Zusatzdiensten, mit welcher Art von Zug und eventuell auch noch mit wem. Nur wer genau weiss, was er will und im Internet vorgängig auch bei anderen europäischen Bahnunternehmen vorrecherchiert, bekommt das Billett, das er wirklich braucht – und das möglicherweise zum günstigsten Preis.

Als Oberoberschlauer bin ich, um diesem Theater (man nennt es auch freie Marktwirtschaft oder als Synonym Kostenoptimierungsprogramm) auszuweichen, mit dem GA unterwegs. Noch! Denn nun wird es entweder teurer, eventuell aber auch billiger, wobei billiger heisst, dass man erst checken muss, ob man ein Randzeitnutzer oder Stosszeitnutzer, ein Weitfahrer oder ein Kurzfahrer, ein Bummlerpassagier oder IC-Passagier, ein Vielfahrer oder Wenigfahrer, ein Zugfahrt-Internetuser oder ein Zugfahrt-Nichtinternetuser, ein Wochenpendler oder Wochenendpendler oder ein weiss-der-Teufel was für ein Eisenbahnuser ist.

Unter uns: Macht Bahnfahren eigentlich noch Spass? Oder anders gefragt: Hängt Ihnen die freie Marktwirtschaft auch langsam zum Halse raus? Und bedenken Sie vor einer allzu raschen Antwort: über die verschiedenen kombinierten TV-, Internet- und Telefonie-Angebote über Kabel haben wir noch gar nicht gesprochen – erst recht nicht von der Kaffeeauswahl am Selecta-Automaten.

Fotos: twicepix / flickr / cc, yago.com / flickr / cc

 

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Platzhirsche

Andres Jordi | Mittwoch, 03.02.2010

Der Kluge reist im Zuge, heisst es so schön. Ich muss gestehen, dass diese Losung meinem Ego ein bisschen schmeichelt und mich mitunter zu einem überzeugten Zugfahrer macht. Doch was einem Automobilisten all die Trottel, die nicht Auto fahren können – mir wurde letzthin zugetragen, dass es sich dabei überdurchschnittlich oft um Mobility-Fahrer handeln soll, was ich aber nicht bestätigen kann – oder jene, die meinen, dass sie ausserhalb der Verkehrsregeln agierten könnten, sind mir die Platzhirsche im Zug.

Es gibt zwei Sorten davon. Dazu je ein repräsentatives Fallbeispiel aus der Praxis. Nummer eins: Ich fragte den älteren Mann, der mit seiner ausladenden Sitzhaltung ein Viererabteil alleine ausfüllte, höflich, ob hier noch frei sei. Er knurrte, was ich als Ja interpretierte. Wenn ich nun erwartet hatte, dass der freundliche Mitmensch ein bisschen zur Seite rücken würde, hatte ich mich getäuscht. Er blieb exakt so sitzen, wie er war, und ich musste mich irgendwie zwischen seine Beine auf den Sitz vis-à-vis zwängen und in äusserst ungemütlicher Position ausharren. Es nützten alle bösen Blicke nichts.

Nummer zwei: Ich sass wohl erzogen auf meinem Platz und freute mich über ein bisschen Ellbogen- und Beinfreiheit. Da pflatschte sich so eine überdimensionierte Bulldogge wie ein Meteorit aus heiterem Himmel und ohne zu fragen neben mich, drückte mich gegen die Scheibe und nahm Siebenachtel der Sitzbank für sich in Anspruch. Anfänglicher Gegendruck und Geräusper meinerseits führten natürlich zu keiner Verbesserung der beklemmenden Situation, so dass ich mich mit der illusorischen Hoffnung, wenigstens ein bisschen Individualdistanz wieder herzustellen, weiter verdünnisierte.

Was kann man da machen? Ich weiss, es wäre Zivilcourage gefragt, da arbeite ich dran. Hilft vielleicht das aktuelle Kursbuch unseres obersten Zugführers weiter? Immerhin hat Herr Leuenberger Erfahrung mit Zugfahren und ich nehme an, die Platzhirsche gibt es auch in der ersten Klasse – allerdings auch mehr Platz. Einstweilen sage ich mir: Der Tolle ist der Rücksichtsvolle.

Fotos: marfis75 / flickr / cc, Kecko / flickr / cc

 

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Ein Wort und seine Wirkung

Andres Jordi | Dienstag, 28.07.2009

Heute Morgen wähnte ich mich im falschen Film respektive im falschen Zug. Dabei wollte ich doch bloss redlich und pflichtbewusst meiner Arbeit nachgehen, bin dafür sogar früher aufgestanden. Und dann so etwas. Als wäre ich im Altersheim, auf einem begleiteten Seniorenausflug. Ich mag ja nicht mehr jung und schön sein, aber zum todgeweihten Tattergreis lasse ich mich deswegen noch lange nicht machen.

Ich sass also im Zug, guten Mutes, heiterer Stimmung und mit Zuversicht, als diese Person (eine Frau, aber das macht nichts besser) ins Abteil kam und die Billette verlangte. Schon als sie einige Stationen vor meinem Sitzplatz war, kramte ich mein GA hervor, damit ich es ihr pünktlich vorweisen konnte und sie ohne unnötige Zeitverzögerung die weiteren Fahrgäste kontrollieren konnte.

Als die Frau dann vor mir stand und ich ihr meine Legitimation zur Benützung dieses Zuges schon bezeugt hatte, viel mein Blick auf ihre Brust (nicht auf ihren Busen, wie ich betonen möchte, sondern auf ihre Brust), genauer auf ihr Namensschild. Und was las ich da: Reisezugbegleiterin.

Mir wurde schwindlig ab dem Wort. Reisezugbegleiterin. Was um Himmelswillen ist das? Wo war ich? Mir kam Dignitas und dergleichen in den Sinn und ich wollte noch nicht sterben. Ich kriegte das Wort nicht zu fassen.

Die Frau waltete schon längst weiter ihres Amtes, als sich mein Delirium langsam lichtete. Ich schien im richtigen Zug zu sitzen, auf dem Weg zur Arbeit, halbwegs lebendig. Ich war weder in einem Reisezug noch auf der Fahrt ins Jenseits. Warum, Herrgott noch mal, können die SBB ihr Personal nicht normal anschreiben? Wie früher. Fräulein D' Alessio, Kondüktörin. Damit könnte ich umgehen, das könnte ich einordnen. Aber Reisezugbegleiterin, so etwas verstört mich.

Bild:  nate steiner/flickr/cc

7 Kommentar(e) Tags (Stichworte): AlterÖVDignitasSBBSchweizZugsbegleiterin


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