Beiträge und Artikel mit dem Tag (Stichwort): Leben

Die Welt ist eine fette Schlagzeile

Markus Kellenberger | Dienstag, 07.12.2010

Das moderne Leben ist eine Herausforderung. Es besteht zu einem grossen Teil aus Werbesprüchen, TV- und Radio-Spots und natürlich aus fetten Schlagzeilen, zwischen denen man die eigene Realität vorbeischleusen muss. Ein Blick in ein entsprechendes Medienprodukt an einem unschuldigen Dienstag enthüllt das ganze Drama dieser unserer Welt:

"Baby mit 64!" Das bringt doch endlich Leben ins Altersheim!

"Sabrina aus Uster zeigt uns ihre Sonnenseite!" Das ist lieb von ihr, denn draussen regnet es.

"Serbe schlägt Ex-Frau mit der Axt tot!" Muss man Werkzeug jetzt auch im Zeughaus lagern?

"Sprung vom Balkon!" Meine Lieblingsserie aus den 60ern hiess "Sprung aus den Wolken".

"Hier küssen sich Milliarden…" …Bakterien. Ist bei uns Menschen doch ganz normal.

"Rihanna kommt wieder in die Schweiz!" Und wird dann von der SVP sofort ausgeschafft.

"Warten auf den Menschenfresser!" Hannibal macht Ferien in Sharm el -Sheikh.

"Das süsse böse Rosenmädchen!" Ist das die grosse Schwester vom Mädchen mit den Schwefelhölzchen?

"Beim Schlitteln verletzt!" Immer noch besser, als bei "Wetten dass…?" gestürzt.

"Geometrie-Lehrer in der Sex-Falle!" Hat wohl den Satz des Pythagoras falsch verstanden.

"Sie will Sex vergleichen können!" Ich auch.

"Ein Mann im Abseits!" Ich nicht.

"Ich war ewig nicht betrunken!" Wenn ich täglich Zeitungen mit grossen Buchstaben und solche, die mir Gratis entgegenflattern, anschauen müsste, dann möchte ich es für den Rest meines Lebens sein.

Fotos: mkorsakov / flickr / cc, Hérmes / flickr / cc


Exit und der ganze Rest vom Leben

Markus Kellenberger | Donnerstag, 18.11.2010

Ich will weder schwermütig werden, noch düster in die Zukunft schauen, sondern sachlich darüber reden. Wer von Ihnen hat mit Exit schon Erfahrungen gemacht. Nicht in Form einer TV-Reportage oder einer Blick-Schlagzeile, sondern richtig. Im Leben eben, denn darum geht es bei Exit. Ums Leben und dessen Ende.

Mein Freund hat sich entschieden. Sein Krebs wird in den nächsten paar Wochen, eventuell auch noch einigen Monaten, seinen Körper weiter zerstören. Die Metastasen im Kopf beeinträchtigen immer mehr seine Wahrnehmung, seine Koordination. Manchmal vergisst er, wie die WC-Spülung funktioniert. Um das Schulbuch seines Sohnes einzufassen, brauchte er einen ganzen Nachmittag - und das Endergebnis sah aus, wie das von einem 1. Klässler. Und das einem Mann, der Kunstwerke zusammengeschweisst hat, der Unterstände gebaut, elektrische Leitungen verlegt, Zimmer renoviert und überhaupt davon geträumt hat, im Alter vielleicht eine kleine eigene Möbelwerkstatt zu eröffnen.

Jetzt geht es darum, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Weihnachten noch, vielleicht die Sportwoche mit der Familie. Und dann?

Der Zeitpunkt muss stimmen, sagen die Bestimmungen von Exit. Eigenhändig muss der Cocktail eingenommen werden. Jede Hilfe von aussen ist verboten, und darüber wird streng gewacht. Sollte er den Zeitpunkt falsch wählen, das heisst zu spät, und ihm die eigenen Hände den Dienst versagen, darf nicht einmal seine Frau ihm den Kelch reichen. Das wäre je nach Auslegung Beihilfe zum Selbstmord, wenn nicht gar Mord. Aber wäre das wirklich verwerflich? Unmoralisch, eventuell unchristlich?

An seiner Stelle würde ich das von meiner Geliebten erwarten - und meine Geliebte dürfte das von mir erwarten. Aus meiner Sicht ist das wahre Liebe - und Liebe kann bekanntlich sehr sehr weh tun.

Fotos: Malkav / flickr / cc, llimllib / flickr / cc, Beverly & Pack / flickr / cc

Kommentar abgeben Tags (Stichworte): ExitLebenLiebeTodZukunft

Aktien statt Nahrungsmittel

Markus Kellenberger | Freitag, 18.04.2008

Haiti, Ägypten, USA – drei Länder, ein Problem: Grundnahrungsmittel sind so teuer geworden, dass die Menschen angefangen haben, darum zu kämpfen. In Haiti sind bereits Menschen gestorben, in Ägypten wächst der Unmut gegen die Regierung, und in den USA, dem Paradies der Freiheit, der Hüterin von Sitte und Moral, der terrestrischen Hegemoniemacht, verteilen Hilfswerke verbilligte Nahrungsmittel an die Bedürftigen. Wobei der Begriff «Bedürftige» mittlerweile Menschen aus dem unteren Mittelstand umfasst, da die teuer gewordenen Reis- und Weizenprodukte das Budget bereits schwer belasten.

Allgemein wird die Verteuerung damit begründet, dass die Vorräte auf der Welt  so knapp geworden seien, wie seit den 70er-Jahren nicht mehr. Das mag stimmen, erstaunt aber, wenn man weiss, dass die industrialisierte Produktion und die vielen gentechnisch veränderten Saatmaterialien den Landwirten weltweit bessere Ernten denn je bescheren. Warum also dieses Desaster, dass – wie immer in solchen Fällen – auf dem Buckel der Ärmsten ausgetragen wird? Weil Nahrungsmittel dank der fehlenden Moral der Freien Marktwirtschaft mehr denn je zum Spekulationsobjekt geworden sind. Künstliche Verknappung schafft höhere Preise, schafft höhere Renditen, schafft höhere Aktienwerte. Und wenn man dann aus Lebensmitteln erst noch Treibstoff herstellt, dreht sich die Spirale der Raffgier noch schneller.  Ich schlage deshalb vor, dass wir in Hungergebiete künftig statt Lebensmitteln gleich Aktienpakete schicken.

Bild: © Olaf Rendler / PIXELIO



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