Beiträge und Artikel mit dem Tag (Stichwort): Komplementärmedizin

Kostenoptimiert am Arsch vorbei

Markus Kellenberger | Dienstag, 10.05.2011

Über drei Jahre lang habe ich gleich nach meiner ersten Ausbildung – ich war knapp 20 -  in der Psychiatrie gearbeitet. Damals war es üblich, die Patienten mittels grosszügiger Medikamentengaben „pflegeleicht“ zu machen. Denn: Das Personal war knapp und ständig an irgendwelchen Rapporten.

Heute ist das sicher nicht mehr so, das Gesundheitswesen, dachte ich, hat den Menschen wieder ins Zentrum gerückt. Das jedenfalls las ich im Prospekt des Spitals, in dem ich im Januar drei Tage zwecks Kreuzbandoperation verbringen durfte.  Dabei stellte ich fest: Das Personal war knapp und ständig an irgendwelchen Rapporten. Egal, ob Psychiatrie, Spital oder Heime – es hat sich in den vergangenen 30 Jahren nichts verändert. Das Personal, das da ist, hat vor lauter Zwischen-, Übergangs- und Schichtwechselrapporten keine Zeit mehr, sich wirklich um die Patienten zu kümmern, für die es eigentlich da wäre. Und fragt man nach, bekommt man zur Antwort, dass heute alles besser sei als früher, weil Iso-Zertifiziert und Qualitätskontrolliert. Und gut zu wissen, dass einem das Fieberthermometer deswegen auch kostenoptimiert in den Hintern geschoben wird. Schöne neue Welt.

Im Herbst steigen wieder die Prämien – und die Komplementärmedizin wartet und wartet und wartet.

Fotos: Lori Greig / flickr / cc, Plutor / flickr / cc


Burkhalters "Ja aber" zur Komplementärmedizin

Markus Kellenberger | Donnerstag, 13.01.2011

Warum nur hat es die Komplementärmedizin so schwer? Das Volk will sie in der Grundversicherung. Die Eidgenössische Leistungskommission will sie nicht in der Grundversicherung. Bundesrat Didier Burkhalter will sie in der Grundversicherung. Die Grundversicherer wollen sie eher nicht in der Grundversicherung. Ein elendes Hin und Her, das jetzt mit einem vorläufigen Machtwort des Gesundheitsministers ein zeitlich begrenztes Ende gefunden hat. Ab 2012 werden Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie, Phytotherapie und die TCM wieder in die Grundversicherung aufgenommen. Aber nur bis 2017, denn in diesen sechs Jahren müssen die Vertreter der Komplementärmedizin deren Wirksamkeit beweisen. Das wird hart.

Hart darum, weil vieles, was die Stärke der Naturheilkunde ausmacht, im Labor nicht messbar ist. So zum Beispiel die Stärkung der Selbstheilungskräfte, die bei Methoden wie der Homöopathie, der Spagyrik oder bei Bach-Blüten eine wichtige Rolle spielen. Wurde der Patient gesund, weil die Globuli wirkten - oder weil er an deren Wirkung glaubte? Den Labortest möchte ich sehen, der diese Frage zweifelsfrei beantwortet.

Aber genau diese Frageund noch ein paar dazu werden entscheidend sein, ob nach 2017 alle fünf Methoden der Komplementärmedizin weiter in der Grundversicherung bleiben dürfen - oder ob einige wieder rausfliegen. Entscheiden wird das unter anderem die Eidgenössische Leistungskommission ELGK), die sich bisher auf den Standpunkt stellt, dass die Komplementärmedizin die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit, welche das Krankenversicherungsgesetz verlangt, nicht erfüllen.

Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit, kurz WZW, sind also das Mass aller Dinge. Schulmedizin und Pharma erfüllen diese Kriterien, behauptet die ELGK, und stützt sich dabei bequem auf allerlei Studien. Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit - so, so! Wenn diese drei Kriterien auf Schulmedizin und Pharma zutreffen, dann stellen sich mir einige Gegenfragen. Zum Beispiel:

• Warum gibt es dann jedes Jahr mehr Patienten, die in die Arztpraxen strömen?

• Warum werden unsere Spitäler immer voller statt leerer?

• Warum verkauft die Pharma Jahr für Jahr mehr Pillen (ohne dass es deswegen mehr Gesunde gibt)?

• Warum braucht es immer mehr Ärzte und Pflegepersonal?

• Warum gibt es immer mehr Kaiserschnitte statt natürliche Geburten?

Der Gerechtigkeit halber müssen dieselben Fragen auch der Komplementärmedizin gestellt werden. Denn in den letzten Jahren sind unzählige Therapeuten und neue Produkte auf dem Markt aufgetaucht. Würde die Komplementärmedizin so ganzheitlich betrieben, wie  deren Vertreter nicht müde werden zu behaupten, müsste zumindest in diesem Bereich eine deutliche Verbesserung der Volksgesundheit zu beobachten sein - und die Umsätze in der Naturheilkundebranche müssten eigentlich sinken, doch wie bei der Schulmedizin und der Pharmaindustrie ist auch hier das Gegenteil der Fall.

Weil das so ist, komme ich zur abschliessenden und hoffnungslosen Diagnose: Unser ganzes Gesundheitswesen ist krank - und macht uns krank!

Fotos: Wonderlane / flickr / cc, AmxSelleck / flickr / cc


Quantität statt Qualität

Markus Kellenberger | Donnerstag, 14.02.2008

Naturheilkunde ist die bessere Wahl. In jedem Fall? Heute Morgen habe ich auf der Kleininserate-Seite einer Zeitung die komplementärmedizinischen Angebote gezählt. Über 40 waren es. Überraschend viele davon boten Kurse und Therapien im Sinne von Qi Gong und Ähnlichem an. Parallel dazu viel mir auf, wie viele neue TCM-Zentren (Traditionelle Chinesische Medizin) auf ihre Eröffnung hinwiesen.

Grundsätzlich freute mich diese Fülle, schliesslich zeigt sie, dass Naturheilkunde auf dem Vormarsch ist. Doch konnte ich mich gleichzeitig eines schalen Gefühls nicht erwehren. Wie sieht es mit der Qualität all dieser Angebote aus? Wer kontrolliert sie? Im Bereich Komplementärmedizin gibt es heute noch viel zu wenige verbindliche Richtlinien.

Nun mag man dem entgegenhalten, das sei doch die Stärke der Naturheilkunde im weitesten Sinn. Aber kann es das wirklich sein. Der Prüfungsexperte einer  Schule für Naturheilkunde vertraute mir folgendes an: «Wenn ich schaue, wer da alles die Kurse besucht, wird mir schlecht. Teilnehmerinnen und Teilnehmer, bewaffnet mit dem Helfersyndrom und ausgestattet mit der Fähigkeit, den Prüfungsstoff auswendig zu lernen, werden von uns diplomiert und auf die Menschheit losgelassen. Darüber hinaus sind und bleiben sie interessierte und sich selber überschätzende Laien.»

Der Mann sprach mir aus dem Herzen. Diesen Eindruck habe ich bisweilen auch, wenn ich mit Leuten aus der Komplementär-Szene rede. Und darum finde ich: Hier gibt es noch viel zu tun. Im Moment gilt scheinbar die Regel, Quantität statt Qualität. Wir vom «Natürlich» werden dieses Problem unzimperlich angehen.

Bild: © Dieter Wendelken / PIXELIO



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