«Eine persönliche Begegnung mit Gott!» Die aussergewöhnliche Botschaft auf dem grossen Plakat am Trottoirrand spricht mich in ihrer Einfachheit an. Ja! Warum nicht? Man soll Neuem gegenüber schliesslich offen sein, pflege ich meinen Jungs regelmässig einzutrichtern. Also trete ich näher an das Plakat heran, auf dem eine adrette junge Dame seelig in ihren Laptop schaut, was mir sehr sympathisch ist. Fundamentale Islamisten erreichen diesen Gesichtsausdruck erst, wenn sie sich einen Sprengstoffgürtel umschnallen - fundamentalen Christen genügt dafür ein Blick in den Bildschirm. Das erleichtert vieles.
«Schreibe BRIEF an 5555 und Du bekommst von Gott eine Botschaft». So oder ähnlich steht es in kleinerer Schrift unter «Eine persönliche Begegnung mit Gott». Das mich milde stimmende Frühlingswetter lässt mich tatsächlich zum Handy greifen. Das will ich ausprobieren, denke ich, tippe BRIEF und schicke das Wort auch gleich an 5555. Ob sich mein Leben nun endlich zum Besseren wendet?
Nur knappe zehn Sekunden später erhalte ich tatsächlich eine Antwort. Von Gott persönlich! Gute Güte, hat der Kerl einen teuflisch schnellen Daumen!
«Stell Dir vor: Ich kenne dich», lese ich da zu meinem nicht geringen Erstaunen. Und weiter: «Deine Träume, Ängste, Freuden und Fragen sind mir vertraut. Hey, du bist kein Zufall! Ich liebe dich und möchte dich trösten, ermutigen und stärken. Ich höre dir zu. Willst du mir begegnen? Ich freue mich auf dich!
Dein Gott.»
Wow! Es ist, als hörte ich Engel singen. Alle meine Zweifel sind endlich ausgeräumt, beseitigt. Es gibt Ihn wirklich! Er hat mir geschrieben. Der Beweis für Seine Existenz ist auf meinem Handy gespeichert. Der nächste Schritt, ihn kennen zu lernen, wäre nun, seine Website zu besuchen. Mein Gott, denke ich, da hat der Himmel aber IT-mässig mächtig aufgerüstet, und das erst noch wireless, denn Glasfaserkabel in der Stratosphäre wären bestimmt aufgefallen.
Die Hölle übrigens ist noch lange nicht soweit, das kann ich Ihnen an dieser Stelle versichern. Als moderner Mensch und als kritischer Konsument (auch von göttlichen Botschaften) habe ich nämlich sofort eine Konkurrenzofferte eingeholt und BRIEF auch an 666 gesendet und festgestellt: Der Teufel geht die ihm zur Verfügung stehende Unendlichkeit viel lockerer an als Gott. Der Gehörnte hat mir sein Angebot noch nicht geschickt.