Nein. Über die Finanzkrise schreibe ich nicht, das tun und können andere besser. Auch über die gestiegene Zahl der Tierversuche in der Schweiz will ich mich nicht auslassen, dazu fehlen mir die Worte. Viel lieber möchte ich Ihnen von einem Erlebnis erzählen, das mich im innersten berührt hat, das seit Tagen in mir nachhallt, das mich mit tiefer Freude, ebensolcher Sehnsucht und schierer Verzweiflung füllt.
Ich war am Leonard Cohen-Konzert in Zürich. Gute Kritiken eilten dem Mann voraus, dessen Lieder mich schon vor 30 Jahren in nachdenkliche Melancholie gestürzt hatten, insbesondere in Zeiten grösseren Liebeskummers und pubertärer Lebensverdrossenheit.
Ich erwartete ein bisschen «Suzanne» hier und ein wenig «Lover Lover Lover» da und dazu ein Quentchen gemütlich-beschauliche Rückschau auf vergangene Zeiten, das, was man von einem alten Barden in etwa so erwartet.
Was ich dann sah und hörte, hat meine Seele unerwartet stark und nachhaltig erschüttert. Cohen (www.leonardcohen.com) sang mit seiner tiefen Stimme, seine Band begleitete ihn Wort für Wort, Ton für Ton, geradezu leise und nur so viel wie nötig – ebenso wie die drei Chorsängerinnen, deren feine Stimmen die richtigen Akzente setzten. Kein Gehüpfe und Gezappel wie bei Madonna oder Musicstar. Kein «auf der Bühne herumwirbeln» wie bei Mick, der einfach nicht älter werden will, keine schrillen Schreie und ebensolche Kostüme wie bei Bobo, keine bunte und laute Showorgie, die miserable Musik und leere Texte verdeckt – einfach nur ein alter Mann, seine Lieder, seine Band und seine Sängerinnen, die achtsam jedes Wort und jede Note dort platzierten, wo sie hingehörten, und sonst gar nichts.
Aber nicht nur die Musik war es, die in mich drang. Was alle Lieder wie ein gewaltiges Himmelsdach zusammen hielt, war der für alle spürbare Respekt, den sich Sänger und Musiker entgegenbrachten, war die Art und Weise, wie sich der 74-jährige Cohen vor jedem seiner Mitmusiker und immer wieder auch vor seinem Publikum verbeugte. Dankbar. Würdevoll. Warm. Weise. Und eben voller Respekt.
Cohens aufs Selbstverständlichste zelebrierte Demut und Menschlichkeit, die in diesen Zeiten so rar geworden sind, hat mich, den alten Berufszyniker, während des Konzerts haltlos weinen lassen. Lange Angestautes. Verborgenes. Verbotenes. Verdrängtes. Vergessenes. Ich schäme mich nicht.
Danke, alter Mann.
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