Beiträge und Artikel mit dem Tag (Stichwort): Appenzell

Der Guttenberg in uns allen - oder keiner zu klein, ein Guttenberg zu sein

Markus Kellenberger | Mittwoch, 02.03.2011

Karl-Theodors und meine Vorfahren unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt: Seine hatten ein ausgeprägtes Macht-Gen, dank dem sie Bauern gnadenlos auspressen konnten. Meine Vorfahren hatten kein ausgeprägtes Macht-Gen, sondern ein sogenanntes "Lasst-mich-in-Ruhe-Gen". Daraus folgt: Aus Karl-Theodor wurde ein Baron – aus mir ein Appenzeller. 

Da kommt mir übrigens ein alter Witz in den Sinn, den mir mein Grossvater erzählt hat: Ein deutscher Adliger macht Ferien im Appenzell. Gegenüber einem Einheimischen plustert er sich auf und sagt: "Ich habe blaues Blut." Der Appenzeller schaut ihn mit grossem Bedauern an und entgegnet: "Arme Choge! Tuescht näbis dägäge?"

Aber lassen wir das, ich will nicht, dass es am Ende noch heisst, ich würde gegenüber dem armen Guttenberg und seiner bedauernswerten Familie so etwas wie Schadenfreude empfinden – schliesslich sind wir uns im tiefsten Innersten ja doch sehr ähnlich. Wir alle sind ein bisschen Appenzeller (Guttenberg möchte im Moment sicher in Ruhe gelassen werden), und wir alle sind auch kleine Guttenbergs, denn Bluffen, Blenden und  Betrügen gehört in unserer Gesellschaft mittlerweile doch zum guten Ton. In der Steuererklärung vertuschen wir, in unseren Bewerbungsunterlagen blasen wir einen Abendkurs zum berufsbegleitenden Studium auf, auf Facebook stellen wir unseren gewöhnlichen Alltag als Abenteuertrip durchs Leben dar, am Klassentreffen hinterlassen wir den Eindruck, mindestens das Doppelte von etwas Vagem zu verdienen, und ohne copy-paste geht bei der Arbeit gar nichts mehr – aber das ist egal, solange  man glaubhaft vorjammern kann, wie unglaublich schwer es war, all die Daten zusammenzutragen. Am liebsten habe ich in diesem Bereich all jene Kolleginnen und Kollegen, die aus jedem 12-Minuten-Anruf ein "musste ich zwei Stunden lang mit xy telefonieren, sonst wäre alles den Bach runter" machen.

Verstehen Sie nun, warum ich mich nicht wirklich in Schadenfreude über Karl-Theodors misslungenes Schelmenstück ergiessen kann - und warum dem Titel "Der Guttenberg in uns allen - oder keiner zu klein ein Guttenberg zu sein" ein "unglaublich langwieriger, ja geradezu schmerzhafter, aber letztlich masslos lehr- und erfolgreicher Kreativ-Prozess" voranging.

Fotos: Bundeswehr-Fotos / flickr / cc


Die verlorene Demut der "Hohen Herren"

Markus Kellenberger | Freitag, 23.10.2009

Mit neun Jahren nahm mich mein Grossvater zum ersten Mal mit an die Landsgemeinde. Auf dem Weg von Herisau nach Hundwil, im Appenzellischen macht man fast alles zu Fuss, überholte uns eine Kutsche, in der vier frackgewandete Herren sassen. Grossvater blieb stehen, wendete sich der Kutsche zu – und zog, sich leicht verbeugend, den Hut. Die Männer in der Kutsche taten mit ihren Zylindern dasselbe. „Da ghöört sech eso, wenn die Hohe Herre vo de Regierig vobee faahred, göll“, sagte er zu mir – und ich stellte fest, dass seine Rechte fest am Degengriff sass.

Das Bild hat sich tief in mir eingeprägt, und ich bin heute noch totsicher: Hätten die „Hohen Herren“ ihre Hüte nicht gelüpft, Grossvater hätte sie ihnen mit dem blanken Eisen vom Kopf gefegt. Darum sind wir Appenzeller.

Ich komme zurück zur Zeitung, und warum ich meine, die Welt sei nicht besser geworden. Wie meist wimmelt es in ihr nur so vor „Hohen Herren“. Einige sind Politiker, einige vertreten die Wirtschaft, andere die Gesellschaft und ein paar weitere diverse Götter. Praktisch allen ist ein kleines, aber alles andere als unwichtiges Detail gemeinsam – keiner von Ihnen zieht den Hut. Die Politiker scheinen vergessen zu haben, wer sie gewählt hat, Wirtschaftsführer und Manager blicken selbstherrlich über die Köpfe jener hinweg, denen sie ihren Reichtum und ihre Bonis verdanken, und die Prediger predigen im Namen Gottes, ohne dessen Kinder in die Arme zu nehmen.

Vielleicht ist heute der Tag, an dem ich anfange, Grossvaters Degen öffentlich zu tragen.

PS: Natürlich hätte ich auch Namen aufzählen können. Ein paar Politiker zum Beispiel, wie Berlusconi, der für seine „Freunde“ auf Sardinien ein Bordell betreibt? Oder lieber Sarkozy, der seinen Sohn wie einen Kronprinzen behandelt? Oder Mister Brown, von dessen Spesenkonto ein Arbeiter leben könnte? Oder der Terrorist und Mörder Ghadhafi? Ach wissen Sie, mir fehlt die Zeit, sie alle zu nennen, und ein Obama allein macht die Sache auch nicht wesentlich besser. Sagen Sie deshalb mir, wer Ihnen noch alles – im Guten wie im Schlechten - in den Sinn kommt.

Fotos: josh.liba/flickr/cc, Wolrd Economic Forum/flickr/cc

1 Kommentar(e) Tags (Stichworte): AppenzellBerlusconiGhadhafiPolitikPolitikerSarkozy


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