Wo bleibt die Revolution?

Markus Kellenberger | Dienstag, 15.04.2008

Ich stelle mit Befriedigung fest: Der Beitrag zu Tibet/China hat einige von Euch zu Antworten angeregt; der Beitrag zum Erotikkatalog hat keinen müden Hund hinter dem Ofen vorgelockt. Was will mir das sagen? Erotik beschäftigt Euch weniger als Tibet? Hoffentlich! Erotik und Sinnlichkeit gehören zu unserem Alltag – die Verletzung von Menschenrechten nicht.

Doch aktuell fürchte ich, dass der noch vor wenigen Tagen für einen kurzen Moment laut gewordene Protest gegen China wieder ver-stummt. Die Medien haben den Focus mittlerweile auf neue Brennpunkte gerichtet. Was gestern noch empörte, ist heute schon vergessen. Langweilig. Nicht der Rede wert. Eine Schlagzeile ohne Leser.

Denken Sie mal kurz nach: Wie oft stand in den letzten sechs Monaten ein Ereignis gross, das heisst, zwei, drei Tage lang, in allen Medien? Und wie viele davon können Sie noch aufzählen? Und falls Sie diese Fragen irritieren – sagen Sie mir doch einfach spontan und ohne lange nachzudenken: Wie heisst
der neue Mister Schweiz?
Alles klar?

Die so genannte Informationsgesellschaft ist in Tat und Wahrheit nämlich auch eine Desinformationsgesellschaft – und der Hauptgrund dafür, warum es in den nächsten hundert Jahren keine echte gesellschaftliche Revolution mehr geben wird. Oder sehe ich da zu schwarz?

Bild: © Daniel Gugger

Tags (Stichworte): ChinaInformationsgesellschaftRevolution

Kommentare

  1. Von Andreas am Dienstag, 15.04.2008 Revolution/Tibet

    Etwas spät melde ich mich... was heisst hier spät?! Die Menschenrechtsverletzungen gehen pausenlos weiter, in Tibet, in Palästina, besonders krass in Afrika, jeden Tag verhungern Menschen, \"Mord!\" schreibt Jean Ziegler verzweifelt.

    Revolution!
    Sie kommt lieber Markus Kellenberger, immerhin haben sich mehr als 1,5 Millionen aktive Menschen vereinigt gegen das Unrecht in Tibet. Sie kämpfen gegen Diktaturen, für Demokratie... und es werden immer mehr, die Graswurzelbewegung wird immer grösser.

    Ein hervorragendes Beispiel ist die Vereinigung <a href="http://www.avaaz.org/de/">Avaaz</a>, mitmachen, alle, bitte erhebt eure Stimme!

    Übrigens: Tibet hat Öl. China holt es sich. Mittels google-earth kann es jeder sehen, der will (wie sich jeder informieren kann, das ist eine (heilige) Pflicht!): an meherern Orten werden Strassen von der Eisenbahnlinie ins Nirgendwo gebaut. Ins Nirgendwo zu den Ölfeldern.

    Übrigens 2: Ich bin vor Jahren mehrere Monate durch China gereist. Die chinesische Bevölkerung ist absolut liebenswürdig. Wie die Bevölkerung in Israel und Palästina liebenswürdig ist, ach dasdurfte ich erleben, diese Gastfreundschaft, unglaublich, immer noch!
    Wer das nicht glaubt, wer meint, der \"Islam\" sei böse oder es gebe einen \"islamischen Terror\", der lese bitte Jürgen Todenhöfers Buch \"Warum tötest Du, Zaid?\" Und lest seine andern Bücher. Und versteht. Und weint. Und dann, handelt!

    Übrigens 3: Ich bin mir nicht sicher, was besser ist: China zu entblössen oder aber China zu unterstützen, unterstützen im Sinne davon, dass sie offener werden und mehr Freiheit wagen. Unterstützen dabei, dass sie Menschenrechte akzeptieren und mit dem Dalai Lama reden. Unterstützen so, wie die Alliierten Deutschland unterstützten, nachdem der Krieg gewonnen war.
    Wir, das Volk, können mit gewaltfreien Methoden dazu beitragen (die Störung des Fackellaufs war teils nicht gewaltfrei - ich befürchte, dass die Tibeter in der Heimat darunter leiden werden).

    Peace
  2. Von Stettler am Dienstag, 15.04.2008 Hallo Andreas
    Dein Wort in Chinas Ohr. Ich bin überzeugt davon, dass das Regime im Reich der Mitte auf die «Seit-doch-lieb-miteinander»-Masche nicht hereinfällt. Egal, wie nett und freundlich das Volk ist – das System ist mächtiger als uns lieb ist.
    Schon nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor zehn (?) Jahren, machte die chinesische Führung keinen Hehl daraus, dass sich der Protest der westlichen Demokratien bald einmal legen würde, da die wirtschaftlichen Interessen in Tat und Wahrheit höher gewichtet werden, als die Menschenrechte. Im Falle Tibets ist es genau dasselbe, wie vor drei Wochen in der Samstagsausgabe der NZZ zu lesen war. Die Chinesen sitzen den Protest der westlichen Bevölkerung aus - und unsere Regierungen (auch die Schweizerische) machen einen auf Verharmlosung.
    Sobald Olympia vorbei ist, kräht kein Hahn mehr nach dem Schicksal der Tibeter. Wär auch noch schöner, die bekämen endlich die geforderte Autonomie...dann gäbe es ja für keinen westlichen Staatsvertreter mehr einen Grund, den Dalai Lama einzuladen und ihm freundschaftlich und verständnisvoll auf die Schultern zu klopfen - ohne dann auch wirklich Taten folgen zu lassen. In diesem Zusammenhang, liebe Frau Calmy-Rey, fällt mir ein: Die Schweiz hat Taiwan nach wie vor nicht anerkannt. Der Kosovo hat den Inselstaat rechts überholt!
  3. Von Biosoph am Mittwoch, 16.04.2008 Viele von uns erwarten von den Sportlern, dass sie aus Protest an den Olympischen Spielen in Peking verzichten. Ich verstehe die Sportler, die sich jahrelang auf die olympischen Spiele vorbereiten und nicht auf eine Teilnahme an den olympischen Spielen verzichten wollen. Es ist für uns sehr einfach, von ihnen einen Boykott zu verlangen. Ist es nicht viel mehr an uns Zuschauern, die olympischen Spiele in Peking zu boykottieren? Verzichten wir doch auf die Reise dorthin, schauen wir uns die Übertragungen erst gar nicht an, lesen wir die Berichte in den Zeitungen nicht und schalten wir das Radio aus, wenn Peking an der Reihe ist. Der Sport, die Werbung und die Organisatoren leben nämlich von uns Zuschauern. Ohne unser Interesse können wir die Chinesen am besten für ihr menschenverachtendes Verhalten strafen.

    Biosoph
  4. Von Taipan am Mittwoch, 16.04.2008 Ich glaube nicht, dass sich viele Sportler, geschweige denn Verbände, an einem allfälligen Boykott beteiligen werden. Den Medaillientraum einem politischen Statement zu opfern ist wohl für die Wenigsten eine Option. Umso wichtiger wird es sein, welche Rolle die Medien an den Olympischen Spielen einnehmen werden. Welche Themen greifen sie im Rahmenprogramm auf? Wer kommt zu Wort? Werden kritische Fragen gestellt oder lassen sich die Medienleute von der chinesischen Regierung gängeln?

    Ein Rückzug ins Schneckenhaus während der Olympiade ist für mich keine Option. Ich erwarte darum eine umfassende, wo nötig auch kritische Berichterstattung aus Peking. Egal, ob das den chinesischen Funktionären in den Kram passt oder nicht.

  5. Von kellenberger am Donnerstag, 17.04.2008 Wer sich als Sportler jahrelang auf die Spiele vorbereitet hat, steckt tatsächlich in einem Dilemma. Nach China reisen oder aus Protest zu Hause bleiben? Ich finde: Das harte Training und die Hoffnung auf olympische Ehren entbinden nicht von der Eigenverantwortung.
    Ich verstehe gut, wenn die betroffenen Sportler die Verantwortung auf ihre Funktionäre und Verbände, diese wiederum auf nationale Organisationen, diese auf Regierungen und diese wieder zurück an den Bürger schieben – soll doch am Ende der TV-Zuschauer einfach wegschauen!
    Mit dieser menschlichen Abschiebetaktik ist nichts gewonnen, und das Chinesische Regime sieht sich in seiner Meinung bestätigt, dass der Westen immer erst laut brüllt, um dann am Schluss doch klein beizugeben. Medaillen und Business zählen mehr als ein paar Tibeter.

  6. Von Andreas am Donnerstag, 17.04.2008 kellenberger hat recht: Es bringt uns nicht weiter, wenn wir die Situation auf die anderen abschieben, wir müssen unsere Eigenverantwortungen wahrnehmen. So verändern wir aktiv die Welt, im Kleinen wie im Grossen, beim Kauf des Fair-Trade-Cafés wie beim Entscheid nach Peking zu fliegen.

    Ich glaube nicht, dass destruktive Methoden die Menschheit weiterbringt. (Die Natur ist nicht destruktiv, sie ist kreativ, fördernd und prächtig - und dies in unerschöpflicher Fülle. Schauen Sie, wie die Kirschbäume wieder blühen und wie sich die Weinbergschnecken wieder lieben!)

    Lieb sein ist konstruktiv.

    Aber: «Seit-doch-lieb-miteinander» darf nicht zur Masche werden. Wir müssen von Herzen lieb sein. Mitfühlen. Mit dem chinesischen Bauern, weit weit weg von Peking. Mit dem KP-Chef. Mit dem tibetischen Mönch. Mit dem irakischen Freiheitskämpfer. Mit dem gestressten Schatz.

    Das ist schwierig. Aber nur so kann die geforderte Revolution wirklich gelingen - und die Menschheit endlich in Frieden leben.

    PS: Ich gehe heute Abend an eine \"Kung Fu Show über das Leben der Shaolin-Mönche\".
    Darf ich das?

Kommentar schreiben (Lesen Sie bitte unsere Regeln)

Sie haben noch kein Username und Passwort? Hier können Sie sich kostenlos bei «Natürlich» registrieren.

Natürlich im Mai 2012


Inhalt

Vorschau
Archiv

Schnupper Abo
4 Ausgaben für 20 Franken
Jetzt profitieren!

Aboservice

Werbung
Werbung

Natürlich Essen

Rezept der Woche: 27. April 2012

Spargeln im Strudelteig


Die Natürlich Bilder Galerie