Welchen Gott meinst Du?
Markus Kellenberger | Freitag, 29.02.2008
«Glaubst Du an Gott», fragte mich kürzlich und völlig überraschend eine mir nicht näher bekannte Person. Nach kurzem Überlegen stellte ich eine Gegenfrage: «Welchen Gott meinst Du?».
In letzter Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass man bei religiösen Dialogen nicht vorsichtig genug sein kann, denn schnell einmal ist ein Gott oder eine Glaubensgemeinschaft beleidigt, wenn sie nicht die erhoffte Antwort bekommt. Schliesslich, und das kann man durchaus so sehen, leben wir zur Zeit in einer Welt, auf der sich viele Götter tummeln. Zugegeben, ich bin in Gottesfragen kein Fachmann, wüsste schon gar nicht, welchen ich wählen sollte. Allein schon im christlichen Kulturkreis ist die Auswahl schon fast unübersichtlich. Den katholischen, den reformierten, den orthodoxen Gott – und falls einer der drei in Frage kommt, eher den Gott mit konservativerer Ausrichtung oder einen, der auch Frauen als Priester zulässt? Vielleicht aber auch jenen der Zeugen Jehovas, den der Methodisten, der Mormonen oder doch den der Wiedertäufer. Eventuell aber auch den Gott, den die amerikanischen TV-Prediger loben? Mir schwirrt da der Kopf, ganz abgesehen davon, dass es neben der christlichen unter anderem auch noch die islamische Welt gibt, die nicht besser, respektive nicht weniger vielfältig zersplittert ist.
Ja. Ich weiss. Letztendlich – das sagen die Menschen aller Glaubenrichtungen dann irgendwann einmal alle – geht es bei all dieser Vielfalt immer nur um den einzig wahren Gott. Man kann sich damit einverstanden erklären, aber dann wird bald einmal die Frage aufgeworfen, ob man in der richtigen Form an den einzig wahren Gott glaubt, die heiligen Schriften (will heissen, die richtige einzige wahre Schrift!) richtig (will heissen auf die einzig wahre Art und Weise!) interpretiert und man den Schöpfer mit den richtigen (will heissen mit den einzig wahren!) Ritualen ehrt, usw. usw.
Und dann komme ich rasch zur Einsicht: Über religiöse Fragen diskutiere ich nicht. Und an welchen Gott ich glaube, dass geht nur mich und ihn (oder sie) etwas an.
Bild: © Sarah C. / PIXELIO
Kommentare
da sprechen Sie mir aus der (einzig richtigen?) Seele. Ich sehe leider immer mehr auch eine Art \"christlichen Fundamentalismus\" (unter anderem) heraufziehen, der - je nach Ausprägung - manchmal durchaus auch Angst machen kann.
Übrigens - für die Suche u.a. nach dem \"einzig richtigen\" Gott kann ich Ihnen ein hervorragendes Buch empfehlen, das bestens bei der Entscheidungsfindung unterstützen kann. Es heisst: \"Wo bitte geht\'s zu Gott? fragte das kleine Ferkel\" von Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke. Ein Kinderbuch - auch für Erwachsene!
Gut möglich also, dass die Götter unter sich längst schon ausgewürfelt haben, was Menschen nicht so recht gelangen mag: Darf jeder glauben, an wen er mag, es spielt keine allzu grosse Rolle, Götter hocken alle am selben Tisch. Die programmatischen Ideen der allseits bekannten Götter ähneln sich, als wären sie Mitglieder derselben Partei. Götter wissen das, deshalb bleiben sie gelassen. Menschen wissen das nicht, deshalb geraten sie zuweilen ins Feuer und verteidigen bis aufs Blut, worum keiner sie gebeten hat.
Mit Verlaub, woran ich wirklich glaube, dürfte doch nicht so leicht zu erschüttern sein, sofern mein Glaube etwas taugt!? Weder durch anderes Denken noch durch Karikaturen. Schiessen Christen oder Moslems oder wer auch immer gleich auf Andersdenkende, verteidigen sie damit nicht wirklich ihren Glauben. Sie liefern bloss die Masse ihrer jämmerlichen engen Räume, die sie abgesteckt haben und zeigen damit, dass sie von ihrem Glauben, der nur in weiten Räumen leben kann, rein gar nichts begriffen haben.
Zwei, drei Sekunden nachdenken würden genügen, um die übergeordneten Ähnlichkeiten zwischen Schriften, Ideen und Göttern zu erkennen. Aber wer gleich draufhaut, hat eben weder Zeit noch Kopf. Blöd nur, dass „der einzig Wahre“ unter all den anderen Wahren es ihnen nicht danken wird. Immerhin, er wird sie auch nicht strafen. Ein mildes Lächeln und etwas nachsichtige Zurückhaltung scheinen erstmal zu genügen. Im Wissen, bei der Herde müssen Einsicht und Selbstbewusstsein erst noch etwas wachsen.
Was ich aber eigentlich sagen wollte: Die Entscheidung keinen Gott zu wählen, mit Namen, Adresse und striktem Parteiprogramm, kann sich als sehr richtig erweisen. Weil man sich damit möglicherweise für eine Idee entscheidet, die menschlichen und göttlichen Ansprüchen zu genügen vermag. Die hat dann weder Namen noch Gesicht – bietet vielmehr eine grossartige Intension in Variationen. Die darf man dann individuell wieder benennen, wie man mag. Sofern man das Bewusstsein entwickelt hat, dass eine wirklich gute Idee in grossen Vierteln lebt und deshalb verschiedene Namen und verschiedene Adressen tragen darf.