Von Rabenvätern und TV-Kindern

Markus Kellenberger | Freitag, 23.01.2009

Wir haben keine Fernseher mehr. Schon mehrere Tage. Nachdem das Jammern und Klagen der Kinder verstummt ist, herrscht Abend für Abend geruhsame Stille im Haus. Bis zu den Frühlingsferien wenigstens. Bis dahin dauert das Experiment.

Ich weiss nicht, wie's Ihnen mit der Glotze geht, bei uns jedenfalls hat das Gerät bisher einen recht dominanten Platz innegehabt. Mitten in der Stube, Sofa und Sessel gnadenlos darauf ausgerichtet, als wäre es der Hausaltar. Abend für Abend sassen erst die beiden Buben, aktuell 11 und 9, vor der Kiste und zogen sich die Simpsons rein – waren die Knaben erst mal im Bett, belegten meine Geliebte und ich die frei gewordenen Plätze.

Der Entschluss, diesen Zustand zu ändern, reifte über Jahre. Kein Witz! Auf den Fernseher zu verzichten ist ähnlich schwer, wie mit Rauchen aufzuhören. Es gibt immer einen mehr oder weniger guten Grund, es gerade heute auf morgen zu verschieben. Ein toller Film, Regenwetter, der Zwang, sich informieren zu müssen (was am TV kommt, ist schliesslich wichtig!!!) oder ganz einfach der Wunsch, vor der Kiste abzuhängen.

Doch diesmal setzte ich mich durch, allerdings nicht vollumfänglich. Von mir aus hätte ich den Fernseher gleich in die Brockenstube gebracht, doch die Familie bedingte sich eine Gnadenfrist bis zu den Frühlingsferien aus, die Kleinen nannten mich gar einen Rabenvater. Man muss mit Kompromissen und Beschimpfungen durch die Liebsten leben können.

Eine Woche dauert der TV-lose Zustand nun, und die ersten Erfahrungen sind für alle überraschend positiv. Dazu gehören:

- Abendessen gibt es deutlich früher, nicht erst nach den Simpsons.

- Die Kinder machen ihre Hausaufgaben entspannter, haben das Bücherregal entdeckt und spielen plötzlich nicht mehr PlayStation, sondern mit Begeisterung banales Monopoly - macht jetzt in der Finanzkrise besonders Spass!

- Im Haus herrscht, ich habe es Eingangs erwähnt, viel häufiger entweder Stille – oder es wird bewusst Musik gehört.

- Meine Geliebte und ich, wir sitzen zwar immer noch auf dem Sofa, aber…

- …ja aber wir reden miteinander. Wieder deutlich mehr als auch schon.

- Und: Uns fehlt nichts. Weder die Tagesschau, noch der zum x-ten Mal wiederholte Film, schon gar nicht die vielen blöden Serien.

Fazit: Wir - also zumindest ich - haben bereits nach wenigen Tagen gemerkt, dass es auch ohne Fernseher geht. Und das erst noch mit Gewinn, denn die Flimmerkiste tut unter dem Deckmantel der Unterhaltung und der Information vor allem eines: Sie stiehlt uns wertvolle Lebenszeit.

Ich werde an dieser Stelle noch einige Male auf das Experiment zu sprechen kommen. Aber vorher möchte ich von Ihnen wissen: Wie halten Sie es mit dem TV-Konsum. Wie gehen Sie damit um? Wie kriegen Sie die Kinder (und sich selber) von der Glotze weg? Und: Bin ich wirklich ein Rabenvater?

Tags (Stichworte): ElternErziehungFernsehenKinderRabenvaterTV-Serien

Kommentare

  1. Von Andreas am Freitag, 23.01.2009 Nun, über den Winter wird unser ansonsten sehr moderater TV-Konsum jeweils einiges weniger moderat...
    Gut nervt die viele Werbung und das unsinnige Geschwafel bald, so dass man schnell wieder bei einem guten Buch entspannt. Tatsächlich gehe ich jeweils viel zufriedener ins Bett, nachdem ich zwei Stunden gelesen habe anstatt zwei Stunden TV geglotzt.
    Dem Fernseher zugute halten muss ich aber fairerweise, dass man auch heute noch, trotz allem Käsequark der da läuft, immer noch selber entscheiden kann, was man konsumiert. Arte und 3Sat bringen immer wieder sehr schöne, gut gemachte Reportagen aus fernen und weniger fernen Ländern. Ausserdem schaue ich gerne Skirennen und anderen Sport... Hopp Schwiiiz!!!

    Trotzdem: Fernseher weg - ich bin überzeugt, das Experiment lohnte sich für jeden.
  2. Von AmeiPoensgen am Samstag, 24.01.2009 Herr Kellenberger, Rabenvater? "Unelegant, brachial, eindimensional, dogmatisch" kurz, Sie sind ein Mann!
    Wir lösen das Problem seit Jahren viel eleganter, stressfreier und mindestens so effizient. Bei jedem Umzug landet der Fernseher immer in dem ungemütlichsten, abweisensten, ungeheiztesten Raum, der sich denken lässt. Im Keller in dem Raum, der irgendwas zwischen Bastel- und Abstellraum war, im (fast) gar nicht geheizten Elternschlafzimmer (mit der Verabredung unter den erwachsenen Liebsten, dass er abends aus bleibt), im grossen und unaufgeräumten Zimmer des internetaffinen Jugendlichen, der Fernsehen uncool findet, im Flur, wo für einen gemütlichen Sessel nicht auch noch Platz ist....
    Der Familienfilm, die Inauguration Obamas, das Endspiel der EM wird zu einem Ereignis, da erst mal gemütliche Sessel oder Matratzen herbeigetragen, eine Stehlampe organisiert und die Heizung hochgestellt werden müssen, aber es gibt sie gelegentlich, die Highlights und sie möchte ich nicht missen! Im Ergebnis dauerte es einmal in unserem Haushalt mit 5 Kindern 9 Wochen(!), bis uns auffiel, dass der Kabelanschluss kaputt war (und weitere 6, bis das Problem als dringlich angesehen und gelöst wurde).
    Es ist allerdings keine sehr besuchstaugliche Lösung, beim Anblick meines würdigen älteren Schwiegervaters auf unserer Bettkante beim Betrachten der ihm so notwendigen Tagesschau kam ich mir unweiblich hartherzig vor ...
  3. Von Stettler am Dienstag, 27.01.2009 Ja! Sie sind ein Rabenvater! Wer Kindern heutzutage das Fernsehschauen so radikal verbietet, lebt an der Realität vorbei. Aber auch Poensgens Vorschlag, den Fernseher in den kalten Keller oder ins elterliche Schlafzimmer zu verbannen, zeugt von einer gewissen Hilflosigkeit dem Medium gegenüber.
    Meine Kinder schauen mit mir zusammen Fernsehen. Wir wählen das Programm aus (was nicht immer ohne Frustration geht) und setzen uns dann zusammen vor das Gerät. Das ist ein Aufwand, der aber zu den elterlichen Pflichten gehört. Meine Aufgabe als Mutter ist es, meinen Kindern einen verantwortungsvollen und wenn möglich sinnvollen Umgang mit all dem zu lernen, was unsere Welt zu bieten hat. Dazu gehören auch so "Auswüchse" wie McDonalds, Redbull und das ganze unliebsame Themen Gewalt und Porno, die heute von vielen und vor allem auch sehr jungen Jugendlichen in Form von Spielen, Filmen und Handyclips konsumiert werden.
    Eltern schaut hin, sage ich. Blickt nicht weg und diskutiert mit Euren Kindern, worum es im Leben geht, welches wahre Werte sind und was nicht - und erklärt ihnen auch die Menschenrechte, wenn nötig vor dem Fernseher.
  4. Von Malven am Donnerstag, 29.01.2009 Wegen des "Rabenvaters" haben sie mein Mitgefühl, Herr Kellenberger. Das ist nicht schön, wo sie es doch nur gut meinen. Trotzdem, ich bin eigentlich auch für einen sinnvollen Umgang mit dem Fernsehen - was heisst, sich ganz einfach bewusst zu werden, wann man sich selber etwas vormacht.
    Ich selber hatte über zehn Jahre lang keinen Fernseher. Dann erhielt ich einen geschenkt und hatte gerade wieder mal Lust dazu, meine Meinung und meine Haltung zu ändern und meine Autonomie zu testen. Resultat: Ich hockte anfangs an den Abenden ziemlich viel vor der Kiste, und wenn mein Partner bei mir war, tat er das ebenso. Das war nicht gut, aber jetzt bin ich daran, die Balance zu finden. Und darum gehts meiner Meinung nach, nicht um radikale Lösungen.

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