Von Blogs, Bloggern, Relevanz und Statistik
Markus Kellenberger | Freitag, 19.09.2008
Bevor ich in einem der nächsten Sätze laut HILFE schreie, hier noch ein kleiner Rückblick auf unsere letzte Umfrage, die da lautete: Wessen Interessen vertreten unsere Parlamentarier wirklich in Bern. Über die Hälfte der Teilnehmer tippte wohl richtig, indem sie sich für die Antwort "Jene ihrer Geldgeber" entschieden. Nur ein verlorenes Häufchen von 3,2 Prozent ist davon überzeugt, dass Parlamentarier die Interessen des Volkes vertreten. Wie gehen wir nun weiter vor? Revolution? Oder doch lieber Schwamm drüber, weil sonst Arbeitsplätze und unsere Renten bedroht sind?
Aber lassen wir dass. Kommen wir zum Punkt HILFE! Vor kurzem stand unser Produktmanager in der Redaktion und forderte uns auf, sofort damit zu beginnen, sogenannt "relevante" Blogs zu lesen. Relevante Blogs? Es gibt, wird geschätzt, gegen 120 Millionen Blogs im Web. Ein beeindruckender Grund, da mal ein bisschen nachzurechnen.
Also: Aktuell leben etwa 6,8 Milliarden Menschen auf der Welt. Fast 2 Milliarden davon können nicht lesen, fallen als Blogger also weg, macht noch 4,8 Milliarden. Davon lebt rund ein Drittel in der 1. Welt, das sind dann noch 1,6 Milliarden Menschen. Neuste Zahlen gehen davon aus, dass 85 Prozent der Haushalte in den Industrieländern über einen Computer verfügt. Nehmen wir pro Haushalt einen Schnitt von 3 Personen an, wären das grosszügige 1,3 Milliarden Menschen mit einem Internetzugang, wobei wir jetzt noch 20 Prozent abziehen, weil auch hier einige noch nicht und andere nicht mehr lesen können. Et voilà: 1 Milliarde Menschen könnten bloggen, bei 120 Millionen geschätzten Blogs wäre das rund jeder 8. Mensch unter uns. Mein Bekanntenkreis stellt diesbezüglich leider ein schwarzes Loch dar. Aber Sie! Wie viele Bloggerinnen und Blogger kennen Sie? Stimmt meine Rechnung überhaupt? Und: Welches sind aus Ihrer Sicht "relevante" Blogs.
Um Nachricht (und vor allem viele viele Tipps) wird gebeten!
Blogsuchmaschinen und -verzeichnisse:
• www.technorati.com (International)
• www.bloggernetz.de (Deutschland)
• Google Blogsuche (International)
• www.rivva.de (Deutschland)
• www.slug.ch (Schweiz)
Bild: Daniel Gugger
Kommentare
"Relevanz" ist ein relativer Begriff. In etwa so relativ, wie wenn ein Politiker sagt, er "vertrete das Volk" - wer immer das ist.
Und ein Start sind natürlich auch Verzeichnisse wie blogoscoop (http://www.blogoscoop.net/), in welchen Blogs thematisch oder nach Schlagworten geordnet gefunden werden können. Aber das sagt natürlich noch nichts über die Qualität aus (auch wenn es zum Beispiel bei obigem Beispiel ein Bewertungssystem gibt). Diese wird man nach einigem Mitlesen selber beurteilen müssen ...
Im Bereich Nachhaltigkeit gibt es ein Liste, welche erst kürlich aktualisiert worden ist:
http://bioemma.de/nachhaltige-blogs-und-journale/
Diesen Blog für "nicht nötig" und trotzdem am relevantesten halten? Da hätte ich gerne eine nähere Erklärung, denn dieser Widerspruch reizt zum nachbohren. Lustigerweise glaube ich der Spur nach zu wissen, was Sie meinen, bin mir aber nicht sicher.
Vieles, was bei näherer Betrachtung eigentlich unnötig ist, hält sich heute für relevant, wichtig oder massgeblich. Das fängt beim Irrglauben an, dass es für Konsumenten wichtig ist, eine grosse Auswahl an Produkten zu haben - die Wahl der Freiheit, respektive die Freiheit der Wahl.
Ich hatte (habe) Verwandte in der Ex-DDR. Diese hielten uns hier in der Schweiz für unendlich glücklich, allein schon deshalb, weil wir uns nicht nur zwischen Trabi und Warthburg zu entscheiden hatten, sondern weil uns über ein Dutzend Automarken und hunderte von Typen und Ausstattungsvarianten zur Verfügung standen - und noch immer stehen. Mittlerweile sind es mehr geworden und meine Verwandten, die nun auch die Vorzüge der freien Marktwirtschaft "zu spüren" bekommen, haben nun auch die Qual der Wahl. Glücklicher als damals sind sie aber nicht geworden. Im Gegenteil: Die Riesenauswahl, die Freiheit vorgaukelt, ist halt eben nur die Illusion der Freiheit. Das hat schon Erich Fromm erkannt - und sein Standartwerk "Die Furcht vor der Freiheit" halte ich heute für "relevanter" denn je. Und auch für bitter nötig.
Aber jetzt bin ich abgeschweift. Eigentlich wollte ich doch nur fragen: Wie genau meinen Sie "relevant aber nicht nötig"?
Ich meine es aber sehr einfach, es ist meine ganz persönliche Sicht zur Relevanz von Blogs überhaupt. Ich finde, es würde sie nicht brauchen und könnte problemlos darauf verzichten (o.k., vielleicht finde ich das auch nur, weil ich die wirklich relevanten noch nicht kenne?!)
Weil es sie aber gibt, bin ich doch schon mit drei ebensolchen in Kontakt gekommen (genau so, wie ich manchmal ein neues Produkt kaufe, nachdem ich nie verlangt habe - aus reinem Gwunder). Der Natürlich-Blog ist dabei zur Nr.1 geworden (wobei ich aber sagen muss, dass es eher persönliche als sachliche Gründe sind). Eigentlich muss man ja einfach wissen, in Bezug worauf ein Blog denn relevant sein kann oder sollte. Und da werden sich meine (weiblichen)Bedürfnisse und Motivationen wohl von denen ihres Produktmanagers unterscheiden! Ich hoffe, ich konnte mich so verständlich machen.