Verständnis für China?
Markus Kellenberger | Dienstag, 29.04.2008
Verschiedene Leserbriefschreiber bitten um Verständnis für China, das von den «bösen Tibetern» in Verruf gebracht wird. In einer etwas älteren Illustrierten las ich, dass sogar der Schweizer Olympiasieger Donghua Li sich dafür hergibt und um Verständnis für seine alte Heimat bittet.
Nun, China mobilisiert. Einige der bei uns auf der Redaktion eingetroffenen Leserbriefe klingen nicht nur wie ausge-klügeltes Propagandamaterial, nein, sie sind in vielen Text-passagen sogar völlig identisch, will heissen, sie wurden von irgendeiner Behörde oder Organisation vorgedruckt und zur Verbreitung empfohlen. Dagegen habe ich grundsätzlich nichts, das machen Parteien in unserem Land genau so. Was mich vielmehr stört, ist die Wortwahl, denn um Verständnis zu bitten ist gleichbedeutend mit der Bitte um Verzeihung und Nachsicht. Und dafür habe ich kein Verständnis.
Man kann mich bitten, China zu Verstehen, will heissen, zu begreifen, welche Probleme dieses alte mächtige Reich erschüttern und wie es versucht, damit umzugehen. Man kann mich ebenfalls bitten zu verstehen, was Abzocker, Mörder, Pädophile, Verbrecher, Schläger, Säufer, Diktatoren und Nachläufer antreibt. Aber Verständnis werde ich für solche Menschen und für von solchen Menschen geprägte Systeme nie aufbringen – auch nicht für China. Verstehen Sie mich?
Bild: PD / WIKIMEDIA
Kommentare
Ohne jetzt von China ablenken zu wollen - ich würde China gerne verstehen, um Verständnis aufzubringen, ohne Signale geht das aber nicht - die beiden Begriffe scheinen in ihrer tieferen Bedeutung etwas aus der Mode gekommen zu sein. Auch hier zu Lande.
Wir haben in politischen, sozialen und streckenweise auch wirtschaftlichen Bereichen \"Verstehen\" ersetzt durch simple Betrachtungsmodelle und schnelle Lösungsrezepturen. Die fühlen sich auf den ersten Blick an wie \"Verstehen\", ohne es sein zu können, weil die Abkürzung nicht funktioniert. \"Verstehen\" braucht Zeit, Engagement, auch etwas Tiefe und führt selten zu schnellen Lösungen. Und über den Umweg von \"Verständnis\", gerne gegenseitig, sind dann tragfähige Lösungen oft machbar. Solche, die auf Dauer wirken und auch von allen Seiten verstanden werden.
Was ich damit sagen möchte: Wer Verständnis einfordert, muss möglich machen, erstmal verstanden zu werden. Ohne Öffnung geht das nicht. Ohne klare Ansagen auch nicht. Und wer gar keine oder nur scheibchenweise Halb- und Wahrheiten liefert, führt selbst Verständnis-Bereite immer auf falsche Fährten.
Klare Sprache ist ein prima Anfang. Die Offenlegung seiner Pläne, Absichten und seiner Einschränkungen ein guter Boden, um darüber reden zu können.
Im Zusammenhang mit China klingen meine kurzen Gedanken ziemlich naiv, ich weiss. China ist kein fassbarer Mensch, sondern ein Riesenreich mit Geschichte, mit komplexen Strukturen und Strömungen und Machtansprüchen und und und. Nur, auch in China ziehen Menschen an den Fäden, so wie überall.
Mein Votum zielt eigentlich auf Offenheit, Vereinfachung und das Sichtbarmachen seiner Absichten. Diplomaten gehen Umwege, packen vieles in Seidenpapier, sprechen anderes schon gar nicht an und reden dadurch codiert. Im Gespräch mit China ohnehin. China selbst agiert auch so. Dadurch bleiben alle Hintertüren jederzeit offen, konkrete Ergebnisse selten und jede Klarheit bleibt auf der Strecke. Die wäre aber Voraussetzung, um überhaupt verstanden zu werden. Gegenseitig. Und selbst die klare Einsicht, dass man im Moment meilenweit voreinander entfernt ist, brächte auf allen Seiten ein Mehr an Verständnis, als die zermürbende Gewissheit, einmal mehr die wirklich wichtigen Dinge überhaupt nicht angesprochen zu haben.
Wir sollten Diplomaten, CEOs und politische Akteure dazu verdonnern, immer wieder mal den Kindergarten zu besuchen. Der klaren Sprache wegen. Balgen sich zwei Kinder ums rote Feuerwehrauto, spielen sie oft zwei Minuten später gemeinsam mit dem Teil. Weil die Klarheit der Sprache, Ziele und Pläne im Effekt oft zu Verstehen, Verständnis und praktikablen Lösungen führt.
ich selbst verstehe es generell nicht, dass der Mensch die Neigung zur Macht- und Gewaltausübung in sich trägt.Verständnis habe ich allemal nicht für solche - wie Sie es bereits erwähnten - von Menschen geprägten Systeme. Zu Ihrem Beitrag fiel mir daher spontan der Song \"Why?\" von Tracy Chapman aus dem Jahr 1985 ein (hier die deutsche Übersetzung):
Warum?
Warum hungern die Kinder
Wenn es doch genug Brot gibt, die Welt zu ernähren
Warum, wenn wir so viele sind
Sind manche doch allein
Warum nennt man Raketen Schutz für den Frieden
Wenn sie bestimmt sind zu töten
Warum ist eine Frau noch immer nicht sicher
In ihrem eigenen Heim
Liebe ist Hass
Krieg ist Frieden
Nein ist Ja
Und wir sind alle frei
Aber jemand schuldet die Antwort
Die Zeit steht bevor
Da öffnen die Blinden die Augen
Und die Stummen sprechen die Wahrheit
Vielleicht sollten wir anstelle ständig wegzusehen endlich aufstehen und \"Reden von Revolution\" (ebenfalls von Tracy Chapman \"Talkin\' bout a revolution\") - wie ich finde, ein hervorragendes Thema für Gespräche mit den unterdrückten Menschen in China ...
Viele Grüße
Bingo