Über Igel, Zecken, Fleischkonsum und Seelenfrieden

Markus Kellenberger | Freitag, 05.09.2008

Der Grillabend bei Freunden fing gut an: „Das ist unser Hausigel“, stellte die Gastgeberin den Hausigel vor. Der wühlte neben dem Gartentisch unter einem Rhododendron im welken Laub. „Aber“, sagte die Gastgeberin, „er ist ein bisschen krank.“ Ein genauer Blick auf das arme Tier zeigte sofort, was sie mit „ein bisschen krank“ meinte. Graubläulich schimmerten unzählige prallvolle Wanzenbälger zwischen seinen Stacheln. Grässlich!
Ja geradezu auf den Appetit schlagend.

Wir beschlossen, vor dem Grillen das leidende Vieh zu retten. Und damit Sie bei Ihrer nächsten Grillparty auch gleich loslegen und Ihre Freunde beeindrucken können, hier eine kleine Anleitung zur Aktion
„Rettet den Igel“:

  1. Machen Sie Gartenhandschuhe sowie eine Katzentransportkiste oder eine adäquat grosse Kartonschachtel bereit. Schauen Sie im Internet unter Stichworten wie „Igel“, Igelzentrum oder „Igelstation“ nach. Empfehlenswert sind Sites wie www.pro-igel.ch, falls es darum geht, ein paar Pflegetipps zu bekommen. Wenn Sie keinen Internetanschluss haben, der Ihnen die nächstgelegene Igelstation aufzeigt, rufen Sie Frau Girlich an (061 831 58 84, 079 652 90 42). Diese Frau (Hallo Frau Girlich, erinnern Sie sich, ich bin der, der sie spätabends wegen dem Zeckenigel um Hilfe gebeten hat) weiss alles über Igel!!! Sie hat uns gleich erklärt, unser Igel habe ein gewaltiges Problem – und gab uns die Adresse des nächstgelegenen Tierarztes, der sich mit Igel auskennt. Das tun nämlich längst nicht alle – und nicht alle öffnen Spätabends ihre Praxis nur wegen einem Igel.
  2. Wenn Sie nun wissen, wohin mit dem Tier, streifen Sie die Handschuhe über, packen Sie es in die bereitgestellte Kiste und ab die Post.

Nun, wir haben alle vier Notfallpunkte durchgespielt und sind per Velo zehn Minuten später in der Praxis von Bernhard Heiniger in Langenthal angekommen. Der hat uns dort schon erwartet - und ich habe erwartet, dass er den Igel mit einem Wundermittel einsprayt, damit die ekligen Zecken abfallen. Weit gefehlt! Er nahm eine Zeckenzange, drückte mir eine ebensolche in die Hand und befahl mir, mit der Arbeit anzufangen. „Packen, und unter leichtem hin- und herdrehen ziehen!“ Wäh! Pfui! Fast 70 der grässlichen Parasiten pflückten wir dem Igel von der Haut. Der motzte und grunzte ununterbrochen, zeigte keinen Anflug von Dankbarkeit und blieb stur zusammengekugelt.

Zum Abschluss gabs ein Medikament gegen Parasitenbefall direkt auf die Igelhaut appliziert, dazu noch zwei Büchsen Diätfutter, um den halb blutleeren Stachelfritzen wieder aufzupäppeln und eine Rechnung über lächerliche 32 Franken. „Bei Wildtieren verlange ich nur die Kosten für Medikamente“, sagte Tierarzt Heiniger“, und ein bisschen Mundzumund-Propaganda!“. Ein Tierfreund, der es verdient hat, auf seiner Homepage www.gelbepfote.ch näher bestaunt zu werden (lieber Bernhard – beim fröhlichen Zeckenpflücken kommt man sich nahe - damit hätte ich den Teil mit der Propaganda wohl erfüllt).

An dieser Stelle möchte ich auch noch speziell hervorheben, dass Tierarzt Heiniger die in einer Plastikwanne krabbelnden furchtbar unsympathischen Zecken tiergerecht erst mit einer alkoholhaltigen Lösung betäubte, bevor...

Zurück an der Grillparty bekam Igelfritze sein Diätfutter, wir die Schweinsrippli und als Dreingabe für die gute Tat das Gefühl tiefen Seelenfriedens.

Nun hoffe ich, dass diese Geschichte all jene Leserinnen und Leser ein klitzekleines bisschen versöhnlich stimmt, die uns die Geschichte „Wild auf Wild“ in der aktuellen Ausgabe von „Natürlich“ übel genommen haben, weil sie jegliche Form von Fleischkonsum und somit auch Artikel zu diesem Thema aus verständlichen Gründen verwerflich finden – immerhin haben wir zwar ein Nutztier gegessen, dafür aber ein Wildtier gerettet. Irgendwie geht diese Rechnung doch auf. Oder?

Bild: © Sandra Krumme / PIXELIO

Tags (Stichworte): FleischIgelIgelstationWildtiereZecken

Kommentare

  1. Von Skydiver am Freitag, 05.09.2008 Zum Wochenende etwas Versöhnliches und etwas Irritierendes obendrauf, lieber Herr Kellenberger: Meine Lebensgefährtin und ich haben jüngst einen Igel adoptiert. Die Igelstation in der Nähe hatte zu viele Zugänge und wir haben Raum, Wiese und Hecken – also darf auch ein Igel bei uns wohnen, Verwandtschaft inklusive.

    Um dem neuen stachligen Nachbarn etwas Starthilfe zu geben, hat meine Partnerin die Wortkombination „igel“ und „essen“ gegoogelt. So aus dem Stand heraus weiss ja keiner, was Igel gerne futtern. Google weiss es: die mögen viel Vegetarisches in Variationen, sind aber auch wild auf Schnecken und Katzenfutter geht auch zum Start. Der Igel ist zufrieden und das war jetzt das Versöhnliche.

    Das Irritierende: Beim Googeln findet sich auch der Beitrag eines Foren-Teilnehmers, ders genau wissen will:

    „Ich hätte eine kurze Frage?
    Kann man Igel essen?
    Wenn ja, könnte ich bitte ein Rezept haben.“

    Die einen suchen Gerichte für Igel, die anderen Rezepte mit Igel. Sehr seltsam ist das! Auf der anderen Seite: Ist der Anflug von leiser Empörung gerechtfertigt oder leicht scheinheilig? Klar, mir würde es nie einfallen, einen Igel zu vertilgen. Nur, bin ich jetzt ein Gutmensch und fühlt sich ein Kaninchen um Längen besser, das auf meiner Speisekarte stehen darf? Schafft die Unterteilung in Wildtiere und Nutztiere moralisch einen Unterschied? Ist meine Strategie, niemals ein Schlachthaus zu besuchen, Fleisch nur aus dem anonymen Tiefkühler zu kaufen und nie ein Tier zu essen, dass ich im Umkreis von 100 km kennen oder schon mal gesehen haben könnte, ziemlich clever oder einfach nur verlogen?

    Keine Ahnung – und so genau möchte ich das auch gar nicht wissen. Es ging mir nur grad so durch den Kopf, als ich online dem Igel-Hobbykoch begegnet bin. Natürlich darf ich den weiterhin ziemlich bescheuert finden. Und keiner verlangt, dass ich bei anderen besonders gut finden muss, was ich selbst konsequent lasse. Aber es hilft schon, mich selbst nicht als Mass aller Dinge zu sehen. Zu viel Empörung auf den ersten verhindert oft die Diskussion nach dem zweiten Blick. Schade. Starre Haltungen betonieren die Verhältnisse und Proportionen, Diskussionen haben das Potenzial, sie zu verändern. Meine Betrachtungen immer mit eingeschlossen.
  2. Von kellenberger am Samstag, 06.09.2008 Lieber Skydiver

    Meine Grossmutter hatte ein Kochbuch, das noch aus ihrer Schulzeit stammte. Das Buch, in erster Auflage um das Jahr 1900 erschienen, enthielt viele seltsame Rezepte, die mich als Buben damals echt faszinierten. So waren darin in aller Selbstverständlichkeit nicht nur Schlachtmethoden für Kleintiere wie Kaninchen und Hühner ausführlichst dargestellt, sondern es fanden sich auch Repezpte für Tiere, deren Verzehr heute unmöglich erscheint (an dieser Stelle ist es mir immer wieder wichtig, auf meine appenzellischen Wurzeln und mein damit gegebenes kulinarisches Verhältnis zu Hunden hinzuweisen). Verschiedene Zubereitungsarten für Biber, Eichhörnchen, aber auch Igel waren in dem in alter deutscher Schrift gehalten Werkd aufgeführt. Ich weiss noch, dass die für Igel empfohlene Zubereitungsart in Zusammenhang mit einer Art Lehmmantel stand. Das ausgenommene Tier wurde mit Gartengemüse gefüllt und im Lehmmantel gebacken. Die Stacheln samt Haut, daran erinnere ich mich gut, blieben, wie es hiess, nach dem Backen im Lehmmantel zurück, auf den Tisch kam nur das feine Fleisch.
    So! Heute bekämen es die Autoren eines solches Buch mit verschiedenen Klagen zu tun. Persönlich finde ich, dass die Menschen damals möglicherweise ein weniger verkrampftes Verhältnis zu Tieren hatten, als das heute unter dem Deckmantel des Gutmenschentums oft der Fall ist. Wir unterscheiden heute ja streng zwischen Tieren, die man geradezu zu Tode liebt und solchen, die man zwecks Verzehr zu Tode mästet. Ich halte diese stenge und manchmal sogar länderspezifische Unterteilung vielen Fällen für pervers und nicht gerechtfertigt. Lämmer haben dasselbe Recht auf Leben wie Schosshunde, respektive warum sollten Schosshunde nicht ebenso gegessen werden wie junge Schafe - alles andere sind Auswüchse einer Wohlstandsgesellschaft, die nicht mehr weiss, welche künstlichen Sorgen sie sich zur Ausfüllung einer existenziellen Leere noch anschaffen will.
    In einem gewissen Grad trifft das auch auf Igel zu. Diese Tiere nicht zu essen können wir uns nur leisten, weil es genügend andere gibt, die für uns bereits ihr Leben gelassen haben - und erst noch fertig filetiert im Laden auf uns warten.
    Sie schreiben, dass Sie Schlachthäuser grossräumig umgehen. Nun, das machen heutzutage die meisten Menschen. Entfremdung ist hier das Wort, für das der einzelne in einer Dienstleistungsgesellschaft nichts kann. Alles wird uns von Spezialisten abgenommen. Das Töten, das Metzgen, das Schreinern, das Dökterlen etc. Einige von uns lassen sich sogar das Denken abnehmen.
    Aber zurück zum Tier. Zum Fleisch! Einer meiner besten Freunde ist von Beruf Metzger, in 5. Generation. Mit ihm stand ich einige Male im Schlachthaus - und ich habe als "Hilfsknecht" auf einem Bauernhof auch schon Tiere in den Schlachttof gebracht. Es hat mir keinen Spass gemacht und ich bin froh, dass andere Menschen mir diese Arbeit abnehmen, denn Fakt ist: müsste ich selber schlachten - mein Fleischkonsum wäre deutlich kleiner - und Ihrer sicher auch!

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