Statistisch gesehen
Markus Kellenberger | Dienstag, 25.03.2008
Durchschnittlich gibt jeder männliche Schweizer, meine noch vorpupertären Söhne inbegriffen, pro Jahr tausend Franken für Sex aus. Das sagt die Statistik – und jetzt weiss ich wenigstens, wohin das wöchent-liche Sackgeld fliesst. Bisher ging ich davon aus, dass es in Pokemon-Karten investiert wurde.
Statistik ist etwas Beruhigendes. Da offenbart sich nicht nur das bis anhin unbekannte Freizeitverhalten unserer Kinder, sondern man erfährt auch, ob man durchschnittlich gross, durch- schnittlich dick, durchschnittlich intelligent oder überhaupt durchschnittlich ist. Solches zu wissen ist höchst beruhigend – vor allem, wenn man dank der verschiedensten Statistiken dann auch noch erfährt, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung für überdurchschnittlich hält.
Und wie halten Sie es mit der Statistik? Sind Sie überdurchschnittlich – oder zählen Sie sich nicht zur Mehrheit?
Bild: © S. Hofschlaeger / PIXELIO
Kommentare
Was aber das interessanteste an diesem «ich-bin-überdurchschnittlich-und-total-individuell»-Wahn ist: Am Schluss suchen doch alle wieder eine Identifikationsgruppe (indem man sich zum Beispiel mit Jeans uniformiert oder mit IWC-Uhren), um in der vermeintlich gelebten Überdurchschnittlichkeit und ausgeprägten Individualität ja nicht allein zu sein... Seltsam, dieser Mensch!
1. Hält sich die Mehrheit der Bevölkerung für überdurchschnittlich, öffnet mir nur das Bekenntnis zum Durchschnitt die Türe zur exklusiven Minderheit, die sich nicht mit der erdrückenden Masse der Überdurchschnittlichen zu messen braucht.
2. Gelebter Durchschnittlichkeit macht mich ohne Anstrengung zum Gutmenschen, weil: Markiere ich für andere den Startpunkt und Wegweiser zur schnell erreichbaren Überdurchschnittlichkeit (alles, was nicht ist wie ich, hat’s bereits geschafft oder ist auf dem besten Weg), sorgt das reihum für gute Stimmung. Jedenfalls bei allen, die mich links und rechts überholen und sich alsogleich auf dem Siegerpodest sonnen dürfen. Der angenehme Nebeneffekt für mich: Meine Mitgliedschaft in der weiter schwindenden Kaste der Durchschnittlichen wird dadurch noch exklusiver.
3. Meine monetäre Situation ist statistisch so variabel wie fantastisch. Bin ich knapp bei Kasse verhilft eine einfache Rechnung zu neuem Reichtum: Ich nehme zehn Superreiche und mich, dividiere durch 11 und – hurra, ich bin reich.
Soll jetzt keiner sagen, sinnvoll angewandte Statistik wäre für nichts gut. Und der betörende Charme der Durchschnittlichkeit sorgt für ein Lebensgefühl, das den gehetzten Überdurchschnittlichen verwehrt bleibt. Zugegeben, etwas Fantasie gehört dazu – aber mit der richtigen Einstellung fliegt Durchschnittlichkeit höher und sehr viel weiter als das Massenphänomen der inflationären Überdurchschnittlichkeit.