Schönes Geschenk
Andres Jordi | Montag, 01.12.2008
Man muss sich ja langsam aber sicher über Weihnachtsgeschenke Gedanken machen. In meiner Familie ist diesbezüglich ein richtungweisender Entscheid gefällt worden. Nach den jahrelangen Austauschsritualen von Tee-Geschenksets aller Varianten oder anderweitig nützlichen und sehnlichst gewünschten Präsenten haben die stimmberechtigten Mitglieder des Heiligen Familienrats bei einer Enthaltung einstimmig und mit sofortiger Wirkung beschlossen, sich gegenseitig keine Weihnachtsgeschenke mehr zu machen. Bisher war zur Vermeidung der postweihnächtlichen Geschenkdepression und zur Beruhigung des schlechten Gewissens jeweils diese Anlaufstelle die beste Adresse.
Ein kleiner Zusatz im Kleingedruckten des Familienbeschlusses präzisiert jedoch: Den lieben armen Kinderlein wollen wir doch weiterhin ein kleines, kleines Geschenklein machen. Zwar quellen die Kinderzimmer über mit Materie, doch die Kinderlein wären enttäuscht und würden nicht verstehen, wieso sie denn nun nach Jahren der Materialschlachten nichts mehr zu Weihnachten bekämen. Man könnte ja einfach ein bisschen zurückfahren, wenden Sie nun vielleicht ein, liebe Natürlichblogger, und weniger und sinnvollere Geschenke machen. Geht leider nicht. Nicht wegen der antiautoritären Erziehung, sondern wegen Herbert Grönemeyer. Der forderte vor zwanzig Jahren mal unbedarft «Kinder an die Macht».
Schönes Geschenk! So ist es nun: Die lieben bescheidenen Kinderlein in unserer Familie diktieren uns den Schenkungsplan. Mein Göttibub hat mir kürzlich den genauen Ablauf erklärt. 1. Er wünscht sich von mir zu Weihnachten so ein sauteueres Legoset, 2. ich habe das im Laden xy zu kaufen, 3. von seiner Gotte will er bares Geld, 4. dies gibt er dann wiederum mir, damit ich ob dem sauteuren Legoset nicht gänzlich verlumpe und das Geschenk dann sowohl vom Gotti als auch vom Götti ist. Da kann ich doch nun nicht kommen und sagen: «I schänke dir mis Härz, me hani nid».
Irgendwie hat der Knirps die globalen Kapitalflüsse besser begriffen als ich. Denn je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir knauseriger Hinterbänkler, dass wir geradezu eine moralische Verpflichtung haben in Zeiten drohender Rezessionen und Bänklerkrisen haufenweise Frischgeld in den kapitalen Blutkreislauf zu pumpen, statt schnöde auf Verzicht zu machen. Nur so lässt sich die wirtschaftliche Blutleere abwenden. Also vergessen wir den amerikanischen Moralapostel Reverend Billy und seine Church of Stop Shopping. Kaufen wir, schenken wir, was das Portmonnaie hergibt, nicht nur den Kinderlein, sondern allen, die wir gern haben, uns selbst inbegriffen. Denn geben macht seelig. Schauen Sie mal, welche Dynamik dieses Credo entfalten könnte:
http://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;id=10284657;articleid=10834117
Haben Sie Ihr Kauf- und Schenkverhalten schon kritisch hinterfragt? Noch ist es nicht zu spät.
Bild: Sister 72, Datei steht unter dieser Creative Commons-Lizenz
Kommentare
Das ist entschieden zu viel abgehobene Freiheit für mich, etwas materialistische Bodenständigkeit bewahre ich mir jetzt noch – gute Gedanken allein machen ja nicht satt. Meine Türen bleiben weit offen, wenn mich jemand beschenken will. Und für jene, die ich mag, finde ich immer wieder was Schönes, das zum fröhliches-Lächeln-Zaubern wie geschaffen ist. Allerdings ziemlich konsequent nicht zu Weihnachten. Das Jahr ist zu lang, um nicht immer wieder mal und auch mitten im Sommer ganz tolle Gelegenheiten zu bieten, Weihnachten zu feiern. Wäre ja auch zu schade, müsste ich Freude, Lust und gemachte Geschenk-Funde kalendarisch komprimieren. Die wirklich tollen Ereignisse erfinden sich selbst und sind einfach da, wenn’s Zeit ist.
Aber, lieber Herr Jordi, stimmt schon: die „lieben Kinderlein“ werden das nicht verstehen. Wem sie dieses Unverständnis wohl abgeschaut haben?