Parlament trickst das Volk aus!
Markus Kellenberger | Freitag, 12.09.2008
Richtig! Der Titel klingt wie eine beliebige Pressemeldung aus einer bestimmten Parteizentrale, hat aber diesmal seine Berechtigung. Sie, ich, die meisten von uns haben die Volksinitiative "Ja zur Komplementärmedizin" unterzeichnet (oder zumindest damit sympathisiert). Sie gilt nicht nur als äusserst populär, sondern sie hat auch das Potenzial, mit grosser Mehrheit vom Volk angenommen zu werden.
Das macht vielen unseren NationalrätInnen, StänderätInnen, den Mitgliedern der Gesundheitsdirektorenkonferenz und auch den Kantonen Kopfzerbrechen. Sie fürchten eine weitere Explosion der Gesundheitskosten - und blenden dabei völlig aus, dass nicht die Komplementärmedizin die Prämien der Krankenkassen in die Höhe treibt, sondern die Pharmaindustrie, die Jahr für Jahr neue Medikamente gegen neue (erfundene) Krankheiten auf den Markt wirft - und mit dem verdienten Geld einen guten Teil unserer sogenannten Volksvertreter generös unterstützt. Das nennt man dann Lobbying. Alles klar?
Das dürfte aus meiner Sicht der Hauptgrund dafür sein, dass im National- und im Ständerat verzweifelt nach einem Gegenvorschlag gesucht wird, um die Volksinitiative zu bodigen. In der kommenden Herbstsession wird die Diskussion in Bern wohl den Siedepunkt erreichen. Seien Sie gespannt!
Ich finde dieses Gerangel eine reine Schweinerei. Es zeigt mir in aller Deutlichkeit, zwei Dinge: a) woher der Wind weht; b) wer in diesem Land wirklich das Sagen hat und c) was unsere gewählten (und von verschiedenen Firmen bezahlten) Volksvertreter vom Volk und dessen Wünschen halten.
Nun sagen Sie mir, warum Sie überhaupt noch eine Initiative unterzeichnen - und warum Sie überhaupt noch Wählen gehen?
Hier finden Sie mehr Informationen zum Thema - und Sie können sich bei unseren (Ihren) Volksvertretern bemerkbar machen:
• www.ja-zur-komplementaermedizin.ch (hier erfahren Sie den aktuellen Stand der Dinge)
• www.parlament.ch (Suchen Sie sich Ihren Lieblings-Lobbisten-parlamentarier und schicken Sie ihm ein Mail)
• www.gdk-cds.ch (die Gesundheitsdirektorenkonferenz, auch sie bekommt sicher gerne Post von engagierten Bürgerinnen und Bürgern)
Bild: © www.parlament.ch
Kommentare
Bezahlt von unseren Steuern bekommt jeder National- und Ständerat so um die 70'000 Franken für seine Arbeit. Von Gratis 1. Klasse GA und so noch gar nicht gesprochen. Doch mit 70'000 lässt es sich in diesem Land nun mal wirklich nicht üppig leben. Das weiss die Pharmabranche, die Maschinenindustrie, die Atomlobby etc. etc. etc. Also kaufen sie sich mit einem grosszügigen "Zustupf" unsere Politiker. Und zwar sowohl von links als auch von rechts. Ich bin überzeugt: Das Volk spielt in diesem Land schon lange nur noch die Rolle des manipulierten Stimmviehs, das gezielt an die gewünschte Tränke getrieben wird. Demokratie! Dass ich nicht lache. Dazu bräuchte dieses Land wirklich intelligente Einwohner.
Die schlechte Nachricht gleich nachgeschoben: Mir erscheinen Bundesrat und Parlament seit Monaten in einer Verfassung, die an Ineffizienz im Allgemeinen und destruktiven Sololäufen verschiedener Exponenten im Besonderen fast nicht zu überbieten ist.
Initiativen, die mir sinnvoll erscheinen, unterschreibe ich dennoch weiterhin. Weil sie zu den wenigen Instrumenten gehören, ganz direkt ins Geschehen einzugreifen. Das Parlament mag sich tatsächlich wenig um die Interessen des Volkes kümmern – liegt eine Initiative auf dem Tisch, kann kein Parlamentarier ausweichen. In nervöser Anspannung Gegenvorschläge zu basteln, gehört zu den erlaubten Spielregeln, das letzte Wort bleibt beim Volk.
Auch bei Wahlen lege ich weiterhin konsequent meine Stimme ein. Aus zwei Gründen: In Ermangelung entschlossener Persönlichkeiten und Machern, kann ich mich in Notwehr mit meiner Stimme zumindest für das jeweils kleinere Übel entscheiden. Das ist jetzt nicht grad der ultimative politische Sonnenaufgang, aber immerhin ein guter Anfang, um das Schlimmste zu verhindern. Und der zweite Grund: Je mehr irritierte und verärgerte Mitwähler konsequent jene Parlamentarier abwählen, die in letzten vier Jahren durch Null- oder reine Eigennutz-Aktionen aufgefallen sind, desto wirkungsvoller wird das Instrument der Wahlen. Nutzen wir es! Machen viele mit, werden Wahlen wieder das, was wir uns alle wünschen: ein Führungsinstrument, das die Besten und die Fähigsten zusammenbringt, die der Schweiz etwas zu sagen haben und die für die Schweiz etwas bewegen können.
Es wäre eigentlich ganz einfach. Es funktioniert aber nur, wenn man sich nicht resigniert ärgert und ausklinkt, sondern mutig seine Stimme einlegt, um die Führungsriege und damit die weitere Entwicklung aktiv mit zu gestalten.
Ich bin absolut Skydivers Meinung, auch ich lasse nicht locker, obwohl es manchmal wirklich nur noch zum Abwinken ist. Ich meine aber auch, dass mehr bekannt werden sollte, wer von unseren Parlamentariern sich wie verhält. Aber dazu bräuchte es eben intelligente Einwohner, die sich nicht von vergifteten Quellen verführen lassen und die lieber durstig sind, als dass sie sich lauwarm besprühen lassen.
Wie wär's denn mit einer Offenlegungsaktion im grossen Stil: Nicht gelogen, nicht verunglimpfend, nur die Tatsachen aufzeigend: z.B. «Frau Nationalrätin xy hat SO gewählt und dafür DIES von DEM bekommen. Wenn Sie dies richtig finden, wählen sie xy wieder.» Ich weiss, juristisch nicht ganz unproblematisch, aber solange man sich an die Wahrheit hält... ...so man sie denn je erfährt, denn das hängt von der Gesetzgebung ab. Ich meine, wenn ich Frau Meier die Hecke schneide und dafür 100 Franken bekomme, müsste dies theoretisch auch aktenkundig werden.
Es ist jedoch so, dass, je älter ich werde, desto stärker ich der Meinung bin, dass solche Aktionen - ausser vielleicht der persönlichen Psychohygiene - niemandem wirklich etwas nützen. In der allgemeinen Informationsüberflutung, der wir heute ausgesetzt sind, müsste man in dieser Hinsicht schon sehr laut rufen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Um die Frage dennnoch zu beantworten: Ich wähle, weil das Porto für's Abstimmungscouvert vom Empfänger bezahlt wird.
Und ich möchte niemanden in Bern von Datenschutz und Persönlichkeitsrechten zetern hören. Parlamentarier haben einen Eid geleistet, sind öffentliche Personen mit Auftrag und Mandat und sie agieren öffentlich und für die Öffentlichkeit. Kein Spielraum also für verdeckte Interessen und Koalitionen. Und deshalb nicht zuviel verlangt offen zu legen, wer mit wem in welchem Boot sitzt. Wer vom Volk gewählt ist, schuldet ebendiesem Rechenschaft. Wahlkampf ist nicht bloss alle vier Jahre, eingelöste oder eben nicht eingelöste Versprechen finden zwischen den Wahlkämpfen statt.
Schaut Euch mal unter www.admin.ch/ch/d/sr/101/a161.html Artikel 161 der geltenden Bundesverfassung an. Dort steht klipp und klar, dass Parlamentarier ihre Interessenbindungen (gemeint sind insbesondere Verwaltungsratsmandate) offen legen müssen. Falls unsere Politikerinnen und Politiker die Bundesverfassung ernst nehmen, lese ich in den Prospekten der nächsten Parlamtentswahlen nicht die ständig gleiche Hobbyleier ("Wandern, Lesen, Familie"), sondern welche Firmen die verehrten Damen und Herren vertreten.
Noch ein aufmunterndes Wort an Stettler: Wählen - nicht resignieren. Ich gebe meine Stimme seit langem konsequent unbekannten Neulingen. Die müssen von den Interessenverbänden erst noch gekauft werden - und machen ihre Sache sicher nicht schlechter als die vielen Sesselkleber.
Nun frage ich mich: Der Gegenvorschlag des Parlaments unterscheidet sich gemäss NZZ-Bericht in einem einzigen Wort vom Wortlaut der Initiative. Was hat uns dieses eine Wort a) in Franken, b) in Stunden und c) in Nerven gekostet?
Das eine Wort soll verhindern, dass partout alle komplementärmedizinischen Angebote in die Grundversicherung rutschen. Doch das wäre auch mit der Volksinitiative nicht passiert, denn es muss sowieso noch ausdiskutiert werden, welche Methoden in die Grund- und welche in die Zusatzversicherungen gehören.
Wer jetzt ein wenig nachdenkt kommt zum Schluss: Das Parlament hat sich viiiiiiiel Arbeit gemacht, um auch in Zukunft viiiiiiiel Arbeit zu haben. Zeit, die meiner Meinung nach für drängendere Probleme aufgewendet werden müsste. Zum Beispiel den Klimawandel, die CO2-Frage, der Themenbereich Alternativenergie um nur ein paar zu nennen.
Übrigens, Herr Kellenberger, ich würde es nett finden, wenn Sie die Ergebnisse Ihrer laufenden Umfrage nach Bern schicken würden. Müsste doch den einen und die andere Parlamentarierin etwas nachdenklich stimmen, wenn des Volkes Seele inzwischen so massiv an Vertrauen verloren hat.
Ihr Misstrauen gegenüber Bern in Ehren, aber: Ihr Beitrag wurde von der "Zensurbehörde" durchgelassen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass Moritz Leuenberger die Kommentare zu seinem eigenen Blog auch liest...und ein paar andere aus der Classe Politique auch!