Nix mit mehr Sexapeal
Markus Kellenberger | Freitag, 27.06.2008
Mein Leben ist wieder im Lot. 39,6 Prozent von Euch meinen, dass Haare und Männer zusammen gehören. Teilrasierte (nur Brusthaare 15,1 Prozent, nur Schamhaare 7,5 Prozent) finden relativ wenig Zustimmung. Ein Ausgewogenes Resultat kam dafür bei zwei anderen Abstimmungsfragen heraus: 18,9 Prozent finden haarige Männer scheusslich, und ebenso viele halten an Brust und Scham rasierte Macker für „anmächelig“. Diese beiden Resultate dürfen vermutlich mit gutem Gewissen zusammengezählt werden, da sich bei diesen beiden Gruppen der Abstimmenden gewiss eine grosse Schnittmenge ausmachen lässt, womit in etwa gleich viele Abstimmende Haare sowohl in Ordnung als auch abstossend finden.
Dieses interessante Ergebnis schreit geradezu nach einem Praxistest, also habe ich Brust- und Schamhaare wegrasiert – und das Resultat ausgiebig im Spiegel bewundert. Pas mal! Anschliessend habe ich mich sommergerecht in schicke Klamotten (T-Shirt, kurze Hosen, Heilandsandalen) gestürzt, und mich – jetzt kommt das Experiment - gezielt an einen Ort begeben, wo mit Garantie viele Leute sind. In diesem Fall war das die Migros, weil es dort gerade 5-fache Cumuluspunkte gab.
Elegant, weil von der Last zu vieler Haare befreit, bewegte ich mich langsam zwischen Regalen und Menschen, beobachtete genau und stellte fest: Niemand bemerkte etwas. Zwar suchte überraschend eine junge Verkäuferin das Gespräch mit mir, doch das lag, wie ich mit leiser Enttäuschung feststellen musste, nicht an meiner angesagt heissen Körperrasur, sondern einzig nur daran, weil ich vergessen hatte, die Äpfel abzuwägen. Vielleicht sollte ich das nächste Mal besser an einen Nacktbadestrand gehen.
Wie dem auch sei. Die Werbung und die Werbestrategen versuchen täglich, uns Glauben zu machen, dass dieses, eines oder jenes unbedingt zu unserem Alltag, zu unserem „Lifestyle“ gehören muss; dass man ohne dieses, eines oder jenes völlig out und von der Rolle und überhaupt ein langweiliger alter Sack ist – und dass man nur dieses, eines oder jenes kaufen und/oder tun muss (am allerbesten in Kombination mit Konsum), um wieder voll dabei, jugendlich, modern, in und begehrt zu sein. Mit diesem simplen Trick verkaufen sie uns unnötige Dinge wie Nasenhaarrasierer
oder Gucci-Sonnenbrillen.
Darum meine Frage an Euch: Wie sehr lasst Ihr Euch von der Werbung beeinflussen und Euch Euer Konsumverhalten und Euren Lifestyle aufschwatzen? Um ehrliche Antworten wird gebeten.
Bild: © Rupert Illek / PIXELIO
Kommentare
Habe ich Nike, zum Beispiel, tatsächlich immer schon gut gefunden, oder haben smart gemachte TV-Spots meine Einstellung beflügelt? Finde ich Nike wirklich \"technisch \"so toll zum Joggen oder hat doch der Look den Ausschlag gegeben? Und weshalb eigentlich, rennen die meisten meiner Kollegen in Nikes durch die Gegend? Hat deren Verhalten mit meinem etwas zu tun? Oder umgekehrt?
Werbung gehört zu den offenen Formen der Beeinflussung. Sie sagt klipp und klar: Ich will Dir etwas verkaufen, also male ich ein schönes Bild, eine trendige Welt oder einen Traum, der Dir noch fehlt. Da kann ich dann reagieren, oder eben auch nicht, wie ich will. Gesellschaftliche, mediale und soziologische Strömungen funktionieren viel komplexer. Dazu kommt meine eigene Bauweise (Ego, Selbstbewusstsein, Zufriedenheit, Prestigeausrichtung etc.) und schon wirds schwierig.
Cut, die Frage war klar und kurz, deshalb solls auch die Antwort sein: Klar lasse ich mich von der Werbung beeinflussen. Aufschwatzen muss nicht nein, ich schwatze ebenso gut, wie die Werbung. Aber stehen meine Türen und Fenster offen und wünsche ich mir Produktgruppe XY, kann die Werbung sicher Zünglein an der Waage für ein bestimmtes Produkt sein. Hält das Produkt, was die smart und intelligent gemachte Werbung versprochen hat, werde ich sogar zum Wiederholungstäter.
Ja! Gut gemachte Werbung ist ein Hochgenuss, da bleibe auch ich länger vor einer Plakatwand stehen - oder vor dem Fernseher sitzen. Aus Sicht der Werber ist es aber ein leichtes, von \"offener Beeinflussung\" zu sprechen. Das impliziert, dass der Empfänger sich jederzeit bewusst ist, manipuliert zu werden. Genau das setzt aber ein Bewusstsein voraus, das bei vielen Menschen so nicht vorhanden ist, man mag es im Einzelfalle beschönigend intellektuelles Unvermögen nennen.
Nun ist es aus meiner Sicht mit der Werbung ein bisschen wie mit der Atombombe. Man kann sie nicht einfach erfinden, und dann die Verantwortung über deren Verwendung den andern überlassen. Damit will ich sagen: Wer die Technik der Manipulation beherrscht und diese auch einsetzt, trägt die Hauptverantwortung.
Ein Beispiel dafür aus der Lebensmittelbranche: Angereicherte Lebensmittel sind der Renner. Sie werden den Konsumenten quasi als \"Gesundmacher\" verkauft. Die Branche weiss, dass das nicht stimmt, sie weiss aber auch, dass sich viele Käufer von solchen Aussagen blenden lassen - und trägt somit dazu bei, dass unsere Kinder mit dem Segen der hoffnungsvollen Eltern mit Vitaminen angereicherte Zuckerwaren in sich rein stopfen statt Gemüse.
Kommen Sie mir jetzt nicht mit der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen! Die liegt in unserer rundum professionell manipulierten Gesellschaft an einem seeeeehr kleinen Ort - und läuft meistens nur auf einen \"freien\" Entscheid hinaus, nämlich: Kaufe ich heute bei Aldi, Coop oder Migros?