Minarett-Initiative und der "Swiss-Reflex"
Markus Kellenberger | Mittwoch, 02.12.2009
Ja! Ich habe Nein gestimmt! Und Ja! Ein kleines bisschen habe ich mich am Abend des Abstimmungssonntages auch geschämt für unser Land – und auch ein bisschen geärgert, wieder einmal zu den Verlierern zu gehören. Doch mittlerweile macht eine leise Wut meiner leisen Scham Platz. Konkret: Bei mir hat der "Swiss-Reflex" eingesetzt.

Der "Swiss-Reflex"? Ja, der setzt ein, wenn die Welt unser direktdemokratisches System (zu dem ich voll stehe, auch wenn mir dessen Resultate nicht immer gefallen) in Frage stellt. Drei Beispiele:
• Deutsche Politiker kritisieren uns – doch deren Bürger hätten, wie erste Online-Umfragen unter anderem auch des Magazins "Der Spiegel" zeigen", die Minarett-Initiative mit rund 70 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Für Frankreich, Österreich und Italien gilt wohl dasselbe.
• Der türkische Ministerpräsident Erdogan wertet das Abtimmungsresultat als Zeichen einer "zunehmenden rassistischen und faschistischen Haltung" – und lässt zu, dass in seinem Land religiöse und politische Minderheiten nicht nur unterdrückt, sondern immer wieder auch tätlich und oft auch durch staatliche Organe angegriffen werden. Die Armenier-Frage lassen wir hier gleich ganz weg.
• Imame rufen die Muslime in Europa und insbesondere in der Schweiz "zur Besonnenheit" auf und das lässt mich dann halt doch fragen, wessen Geist ist diese Religion, respektive die derzeit in vielen islamischen Ländern gelebte politische Realität, dass deren Führer ständig davon ausgehen, die islamische Bevölkerung könnte eventuell "unbesonnen", sprich mit Gewalt, reagieren?
Und noch ein heikler Punkt, den ich hier ansprechen will: Seit Jahren verfolge ich die Islam-Debatten im Schweizer Fernsehen, nicht zuletzt deshalb, weil zwei meiner Freunde und einige Freunde meiner Kinder Moslems sind, und weil ich weiss, dass die grosse Mehrheit aller Muslime in der Schweiz so friedlich sind wie Du und ich. Bei all diesen Debatten und Diskussionen ist mir aber eines negativ aufgefallen: Egal, ob Islamwissenschaftler oder Vertreter der diversen islamischen Vereinigungen in diesem Land – noch nie (und falls ich das verpasst hätte, dann tut es mir leid) hat einer von ihnen laut und deutlich gesagt, dass auch den Islam (oder zumindest einige Vertreter desselben) eine nicht geringe Mitschuld an der heutigen verfahrenen Situation trifft. Aus meiner Sicht wäre ein solches Mitschuld-Eingeständnis auch ein wichtiger Schritt hin zu einem Dialog, der – statt der immer schnell geäusserten Schuldzuweisungen an den Westen – ein ernsthaftes und lösungsorientiertes aufeinander zugehen ermöglichen könnte.
Foto: dierk schaefer / flickr / cc
Kommentare
- gegen Zwangsehen stellen;
- gegen Beschneidungen einsetzen;
- für Frauenrechte (und Kinderrechte) stark machen;
- und dass sie ebenso vorbehaltlos unser Recht von A bis Z anerkennen.
Das verlange ich im übrigen von allen Menschen in diesem Land, egal seit wie vielen Generationen sie hier leben oder woher sie kommen. Ob dieselben Menschen Minarette, babylonische Türme, Tempel oder Pyramiden bauen wollen, ist mir - im Rahmen unserer Bauordnung - egal.
Wollen wir eine Schweiz oder wollen wir einen Kulturknotenpunkt?
Für was braucht es dan Grenzen?
Haben wir die Fremden Menschen,egal welcher Religion gebeten zu kommen oder haben diese um Einlass gebeten?
Warum sollen wir uns Ihren gepflogenheiten anpassen?
Warum Sind diese Menschen zu uns in die Schweiz gekommen, wenn sie Leben möchten wie in Ihrer Heimat?
Ich habe Ja gestimmt mit dem Hintergrund, wer in der Schweiz Leben will soll sich mit UNSEREN Gepflogenheiten anfreunden. Wenn er dies nicht möchte, wird er nicht gezwungen hier her zu kommen.
Umgekehrt gebührt unseren Sitten und Bräuchen derselbe Respekt. So ist es Pflicht jener, die kommen, sich darum zu kümmern - und es ist Pflicht jener, die Aufnehmen, darüber zu informieren und zu helfen, Gräben zwischen den Religionen und den Traditionen zu überwinden. Dabei dürfen durchaus Forderungen gestellt werden, und zwar von beiden Seiten.