Macho oder Metro?
Markus Kellenberger | Donnerstag, 19.06.2008
Angst vor Frauen habe ich heute keine mehr - und somit auch keinen Grund, sie zu belügen, zu betrügen und zu ojektivieren. Das hat damit zu tun, dass mich meine eigene Männlichkeit nicht mehr schreckt und verunsichert. Ich bin gerne Mann, nicht zuletzt darum, weil ich die geistigen Latzhosen der 70-er und 80-er abgestreift habe. Das geschah in den 90-ern und wie so oft in solchen Fällen dadurch, dass das Pendel eine Zeit lang in die andere Richtung ausschlug. Der alles und alle verstehende Softie verwandelte sich vorübergehend in ein, ich mag es rückblickend nicht anders nennen, echtes Arsch - einige meiner damaligen Partnerinnen werden das wohl noch immer so sehen. Aufriss um jeden Preis, hiess die Devise, eleganter Ausgedrückt bezeichnet man(n) diesen Lebensabschnitt auch gerne als die Zeit des Hörner abstossens. Und mehr gibt es darüber nicht zu erzählen, auch wenn einige von Euch darauf gehofft haben.
Aber nochmals zurück zur Aussage, "ich bin gerne Mann". Ja! Allerdings ist dieses wohlige Selbstverständnis heute sacht erschüttert worden. Auslöser für das kleine Beben ist die Firma "Richterich & Partner Media Services". Sie hat mir im Auftrag des Rasierapparateherstellers Braun folgenden Werbetext gemailt, den Sie sich unbedingt auf der Zunge zergehen lassen sollten:
"Macho oder Metro? Trendforscher wissen, dass diese oberflächlichen Männerbilder ausgedient haben. Das starke Geschlecht findet einen neuen Stil. Ein Typ, der ganz er selbst ist, ohne langweilig oder ungepflegt zu sein: Genau das kommt beim anderen Geschlecht gut an. Denn dieses achtet auf das Gesamtbild. Laut einer Forsa-Umfrage finden 74 Prozent der Frauen ein rasiertes Männergesicht anziehender. Und auch die Entfernung von Körperhaaren bei Männern wird immer häufiger erwartet. Nur zwölf Prozent der Frauen finden Körperhaare bei Männern attraktiv. Wer den Wildwuchs unter den schicken Klamotten in Schach hält, kommt also einfach besser an."
Nun bin ich platt, ja regelrecht verunsichert, und zwei Fragen drängen sich mir auf: Muss ich mir ins Schamhaar nun ein Herzchen rasieren - und falls ja: wie bemerken das die 74 Prozent Frauen, die das mögen, da ich diese Stelle in der Regel unter meinen schicken Klamotten versteckt halte?
Links
• www.braun.com/de/bodycruzer
• www.macho-man.ch
Bild: © R.B. / PIXELIO
Kommentare
Geht Kaltwachs auch?
Bleib ich doch mal lieber drin. Oder noch besser: Bleib ich doch einfach das, was ich bin, ohne ängstlichen Seitenblick auf Trends und Megatrends, die schneller kommen und gehen, als ich hinterher zu hecheln vermöchte. Sanfte Renovationen, inhaltlich und äusserlich, sind erlaubt, keine Frage. Gröbere Umbauten in schneller Folge bleiben jedoch gestressten Kopien vorbehalten, die jeder kurzlebigen Idee nacheifern. Schade eigentlich, sie nehmen sich damit die Möglichkeit, selbst zur Idee und damit zum Original werden zu können.
Etwas Gelassenheit im Umgang mit Zeitgeist und Trends kann helfen, Teilnehmer und Beobachter gleichzeitig sein zu dürfen. Mit erfreulichen Auswirkungen: Bleibt man erkennbar und eine Spur authentisch, kommt man weniger aus der Mode. Und weil ohnehin nie alle zur gleichen Zeit dasselbe mögen, bleibt einem ein beträchtlicher Teil der Szene sogar auf Dauer gewogen. Möglicherweise sogar die wirklich wichtige, weil richtige Zielgruppe.