Lenas Angst vor dem Ersticken

Andres Jordi | Freitag, 19.06.2009

Kürzlich bekam ich einen Brief von Frau Zosso von der Lungenliga. Ich freute mich sehr über die persönliche Post und dass sich Frau Zosso nach der Befindlichkeit meiner Lunge erkundigen wollte. Nun, es ging leider nicht um mich. Frau Zosso wollte mir vom Schicksal der zweijährigen Lena erzählen. Schon beim Titel blieb mir als empfindsamem Zeitgenossen der Schnauf weg: Lenas Angst vor dem Ersticken. Was ist wohl mit der armen kleinen Lena los, fragte ich mich erschrocken…

In dieser Art wollte ich jetzt eigentlich weiter schreiben. Über Lenas «heftige Anfälle», die «beklemmende Atemnot», die «unbeschreibliche Angst» der Mutter, Lena könne ersticken, von «aufwühlenden Ereignissen», «herzzerreissenden Anfällen» und Lenas «Erstickungsängsten». Das steht alles in diesem Brief. Ich wollte mich auslassen darüber, wo denn der Unterschied dieses herzzerreissenden Bettelbriefs und der viel kritisierten medialen Panikmache bei der Schweinegrippe liege und ob eigentlich der gute Zweck alle Mittel heilige. Denn ich habe mich aufgeregt über diesen effekthascherischen Brief.

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto weniger scheint mir meine Kritik legitim. Nicht gegenüber der Lungenliga, die mit plumpen Methoden Geld für die Asthmabehandlung einzutreiben versucht, sondern gegenüber Lena. Denn ich bin überzeugt, dass ihre Geschichte stimmt. Würde ich jetzt einfach weiter schreiben, würde ich das kleine Mädchen genauso instrumentalisieren, wie sie in gewisser Weise von der Lungenliga instrumentalisiert wurde.

Und so bleibt mir bloss die Frage, ob es wirklich nötig ist, mit solcher Tränendrüsendrückerei Spendengelder zu generieren?

(Bild: Lungenliga)

Tags (Stichworte): AsthmaGesundheitLungenligaSchweinegrippeSpenden

Kommentare

  1. Von Slartybart am Freitag, 19.06.2009 Offenbar ja. Die Lungenliga befindet sich in guter Gesellschaft. Die Bettelbriefe, deren Storys und Bilder müssen aufrütteln, sonst wird nichts gespendet. Ob aber mit anonymisierten Fällen und in Bildagenturen zusammengekauften «härzigen» Bildern mehr gespendet wird, ist fraglich. Darüber gibt es bestimmt werbepsychologische Studien. Aber ob mich in all dem Elend noch ein bisschen mehr Elend wirklich noch aufrütteln kann? Kaum! Doch hier geht es nicht um mein, sondern um das Empfinden der Mehrheit, weil mehr Leute mehr Geld bringen.
    Bei mir persönlich haben solch tränendrückerische Appelle eine kurze Halbwertszeit. Ich habe meine gemeinnützigen Spenden seit Jahren automatisiert. Unter anderem, weil ich genau diese Art der Panikmache nicht ausstehen kann, bediene ich meine favorisierten Organisationen mit ganz wenigen Ausnahmen per Dauerauftrag. Denn es ist schon wichtig, dass hier Gelder fliessen. Wenn mir nun trotzdem wieder einmal ein solcher Bettelbrief vor den Augen liegt, frage ich mich höchstens, wie der denn aussehen würde, wenn ich ihn schreiben müsste. Das macht die Sache zwar nicht weniger unangenehm, aber ein bisschen verständlicher.
  2. Von LustigeFrau am Montag, 22.06.2009 Ich finde es bedauerlich, wenn Leute Geld spenden, damit sie sich besser fühlen. Sobald aber ihre persönliche Hilfe benötigt wird, haben sie entweder grad keine Zeit oder selber schon genug Probleme. Sowas erlebe ich zur Zeit in meinem Umfeld und finde das sehr traurig.
  3. Von Slartybart am Montag, 22.06.2009 Bedauerlich oder nicht - dem Geld und dem Empfänger ist das egal. Wir leben in einer Zeit, in der viele Leute zwar gutes tun wollen, das aber möglichst ohne persönliches Engagement. Der hauptsächliche Grund für die nicht aufzuhaltende Aufblähung des Verwaltungs- und «Steuerungs»-Overheads ist doch die Tatsache, dass sich vieles mit ein paar Mausclicks erledigen lässt. Persönliches Engagement bedeutet halt eben, den Hintern zu bewegen und das ist eine ganz andere Sache. Es erfordert auch persönlichen Austausch, ein Gespräch oder eine Handreichung, und das ist in einer anonymisierten Welt immer schwieriger zu bekommen. Ich finde das auch sehr schade. Kannte man früher die Nachbarschaftshilfe, springen heute allenfalls Sozial-Dienstleister in die Bresche, mit allem was damit verbunden ist, vor allem natürlich Kosten.

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