Köppel – mein Leithammel
Andres Jordi | Montag, 18.08.2008
Ich bin enttäuscht, liebe Natürlichbloggerinnen und -blogger, und zwar von den Lohasinnen und Lohasen unter Ihnen. Jetzt habe ich Ihnen im letzten Blog die ultimative Plattform für Ihr Outing als bessere Menschen, als Krönung der Evolution, als Hoffnung für eine perfekte Zukunft unseres Planeten bereitgestellt – und was geschieht. Nichts! Kein einziger Lohase kam daher gehoppelt und hat sich zu seinem Hasendasein bekannt. So lässt sich die Welt natürlich nicht verändern. Oder sind die Lohasen bereits vom Aussterben bedroht und stehen auf der Roten Liste? Oder Angsthasen? Ich gebe Ihnen nochmals eine Chance, meinen vielleicht vorschnellen Eindruck zurechtzurücken. Nutzen Sie sie!
Trost für mein blutendes grünes Herz kam – wie es immer wieder mal geschieht im richtigen Leben – von der falschen Seite. Der Name des Trösters ist nicht Hase und er weiss nicht von Nichts, sondern in der Regel haargenau, was es für eine rechte Welt braucht. Dies schreibt er einem Woche für Woche in seiner Weltwoche vor. Sein Name ist Köppel, Roger Köppel. Trost fand ich in seinem Editorial in der letzten Ausgabe. Da schrieb er Folgendes:
«Man hat der Weltwoche, neben vielen zustimmenden Leserbriefen, auch schon vorgeworfen, sie stehe dem ökologischen Denken grundsätzlich ablehnend gegenüber. Wir seien, heisst es dann, gegen Umweltschutz an sich, würden den Klimawandel für eine Fiktion erklären und hingen einem platt-hedonistischen, wohlstandsbornierten Denken an, das in der Konsequenz verantwortungslos die Ausbeutung des Planeten predige. Als jemand, der noch als Jung-Sportjournalist hochalarmiert und zukunftspessimistisch Ende der achtziger Jahre die Tschechoslowakei bereiste, um mit eigenen Augen die von gewaltigen Kohlekraftwerken verursachten Waldschäden zu besichtigen, fühle ich mich gedrängt, diesem Missverständnis entgegenzutreten. Die Weltwoche hat sich nie gegen einen sorgfältigen Umgang mit unseren Ressourcen ausgesprochen. Sie steht ausdrücklich für ökologisch sinnvolles Handeln. Was in diesem Blatt kritisiert wird, sind ausschliesslich die mit Absolutheitsanspruch auftretenden Öko-Doktrinen, die in der politischen Arena zur Aufrüstung des staatlichen Sektors dienen. Es ist nicht einzusehen, weshalb man die Ökologie nicht auch und vor allem der Innovationskraft der Marktwirtschaft überlassen sollte.»
Nun kann man mäkeln, dass dies eine Anbiederung an grün gefärbte Leser sei, oder aber über das Kleingedruckte von Köppels Ausführungen. Ich tue es nicht. Mir spricht Herr Köppel aus dem Herzen. Auch mir ist Ökodogmatik wie jede andere Form von heiligen Gralen ein Gräuel. Um die Sache soll es gehen, nicht um die Ideologie. Also, wenn Sie sich outen, dann richtig, sprich nachhaltig. Wie Köppel, mein neuer Leithammel.
Bilder: © Ernst Rose, Robert Köhn / PIXELIO
Kommentare
www.utopia.de und www.avaaz.org
Ich orientiere mich lieber an sowas als an einer Weltwoche - trotz Köppels grünwäscherei.
Aber man könnte diesen Lifestyle of health and sustainability auch ernst nehmen, entspräche dann allerdings vielleicht nicht mehr dieser von Marketingstrategen kreiierten Zielgruppe. Wahrscheinlich landet man als echter Lohase dann eben auf den von Ihnen angegebenen Webseiten. Dort bin ich mir jedoch, ehrlich gestanden, auch nicht ganz so sicher, ob's nun um die Sache oder die Ideologie geht.
Sie sitzen übrigens, ebenso flexibel, im selben Boot: Haben Sie gestern noch argwöhnisch in die vermutete rechte Ecke geschielt, prescht heute Ihr neuer Leithammel aus ebendieser und rettet Ihren Tag. – Daraus lässt sich etwas Beruhigendes ableiten: Vereinfachende Etiketten und Klischees greifen meist zu kurz. Gefällt mir ein einleuchtender Gedanke eines Wanderpredigers, kaufe ich damit noch nicht seine ganze Religion, würde mir nicht einfallen. Links, rechts, oben, unten, grün oder sonstwas – wie sollte eine einzige Etikette einer Vielfalt von Problemen mit praktikablen Lösungen begegnen können? Gefärbte Brillen, egal in welcher Farbe, verklären den Blick und schränken die Diskussion ein. Zudem braucht ein drängendes und dringendes Problem in aller Regel keinen neuen Farbanstrich, sondern eine Lösung. Und dem Problem ist völlig egal, aus welcher Ecke die Lösung kommt – ist sie wirklich gut, hat sich das Problem erledigt.
Der langen Schreibe kurzer Sinn – genau: „Um die Sache soll es gehen, nicht um die Ideologie.“ Deshalb kann ich mir als verkappter Lohase, der sich zuweilen wie ein ganz anderer Hase benimmt, auch immer wieder mal ein anders gefärbtes Fell leisten. Und das erklärt dann auch, weshalb weder links noch rechts, weder Farbe noch Ideologie auf Dauer zur Heimat werden können. Die Probleme, die Sache, die Themen – alle zu drei zu flexibel, um ideologisch und einfarbig geknackt zu werden.
Übrigens: Die Zielgruppe der LOHAS ist als Marketingerfindung so raffiniert wie auch hilflos. Raffiniert, weil die Etikette perfekt den Zeitgeist spiegelt, dem sich fast keiner entziehen mag. Hilflos, weil die Positionierung so breit und diffus angelegt ist, dass dem lippenbekennenden Lohasen jeder Spielraum bleibt, um sich lohäsisch zu fühlen, aber ganz anders zu verhalten. Irgendwie clever, das Ganze.
Vermutlich sagt Ihnen, Herr Jordi und auch Ihnen, Skydiver, in diesem Fall (wie mir auch) keine Variante zu. Aber ich möchte hier einmal für den Begriff „Ideologie“ einstehen, so, wie er ursprünglich gemeint ist, und gesäubert vom abwertenden und kritisierenden Beigeschmack (den er sich im Laufe der Geschichte begreiflicherweise angeeignet hat), nämlich schlicht: Weltanschauung. Um eine Weltanschauung darf es nämlich bei der Grünen Sache sehr wohl gehen. Es geht um die Anschauung unserer Erde und unserer gegenseitigen Anschauung aus dem Herzen heraus. Das darf so auch einmal gesagt sein. Dies ist manchem linken und rechten Politiker, und uns allen, zu wünschen.
Das mögliche Problem bei der Ideologie: Deren Protagonisten versuchen, alle Sachen unter ein einziges Segel zu stellen. Zuweilen haut das hin – manchmal aber ist das Segel zu gross, zu klein oder die Sache will einfach nicht so recht zur ideologischen Linie passen.
Der Vorteil bei der Sache: Ohne eingefärbten Hintergrund und einzeln betrachtet finden sich oft überraschend einfache Lösungen, weil eine Sache nicht erst durch das Raster vorgefasster Betrachtungen gepresst werden muss.
Dennoch haben Sie nicht unrecht, Ihr Osterhase beweist das: Ist der Pelz nett, offen und denkbegabt, kann man sich über seine „sachlichen Ziele“ freuen und mit seiner ideologischen Betrachtung zumindest leben. Weil die Auswirkung für die Zielgruppe in beiden Fällen eine erfreuliche ist. Die Mischform beider Richtungen wäre dann das Ei des Kolumbus, weil diese Kombination glückliche Zielgruppen und fröhliche Osterhasen generiert. Ich vermute mal, Osterhasen verfahren genau so.
Möglicherweis sind Osterhasen aber auch eine Spur klüger als Menschen. Entscheidend bleibt halt, wer die Ideologie predigt und wie flexibel der Prediger bei der Lösung agiert. Flexibel gegenüber Notwendigkeiten, Machbarkeiten und auch Betrachtungen von anderen. Bis hin zur Einsicht, dass sich ab und an Probleme und Sachen finden, die mit ideologischen Vorgaben schlicht nicht zu knacken sind.
Ich plädiere deshalb kurzerhand (tut mir leid Herr Jordi!) sich nicht als Lohase zu outen, sondern lieber wie ein Osterhase zu werden: Kreativ, autonom, sachverständig, flexibel und einfach sehr zur Freude für die andern menschen!