Hurra, die Pandemie ist da!
Markus Kellenberger | Freitag, 12.06.2009
Jetzt ist es soweit: die WHO hat die Schweinegrippe zur Pandemie erklärt. Ich habe sofort reagiert und Aktien von Pharmafirmen und Atemschutzherstellern gekauft. Das ist, finde ich, die einzig richtige Verhaltensweise. Kaufen Sie sich ruhig Tamiflu und Schutzmasken – ich fahre mit dem Gewinn in die Ferien.
Grippe ist eine Krankheit, die nicht zu unterschätzen ist. Das wissen wir alle. Aber der Medienkonsum ist eine Krankheit, die von vielen massiv unterschätzt wird. Warum das so ist? Lassen Sie mich ein paar Zahlen, basierend auf den Statistiken der Vorjahre, zusammenfassen:
Seit Jahresanfang starben allein in der Schweiz an Grippeerkrankungen 30 Menschen, an Aids 40, im Verkehr kamen 200 Junge und Alte ums Leben und im gleichen Zeitraum haben sich hierzulande etwa 600 Menschen das Leben genommen, die meisten so unspektakulär und still, so dass nur der engste Familien- und Freundeskreis davon weiss. Diese Zahlenspiele lassen sich noch viel weiter treiben: An den Folgen von Rauchen, Übergewicht und Alkohol sterben in der Schweiz jedes Jahr mehrere tausend Menschen – einige von ihnen ziemlich qualvoll.
Setzt man diese Zahlen in Relation zu den bisher knapp 150 Schweinegrippe-Opfern weltweit wird eines klar: Unser Alltag, und damit meine ich den ganz gewöhnlichen, birgt weitaus grössere Gefahren. Die Fahrt zur Arbeit, das fettreiche hastige Mittagessen und die vielen Stunden vor dem TV sind viel tödlicher als die Schweinegrippe, selbst dann noch, wenn die Medien bereits wieder warnen: Grippeviren können sich heimtückisch wandeln. Heimtückisch? Das ist eine beim Menschen häufig anzutreffende Eigenheit, die bewusstes, gezieltes und charakterlich schwaches Handeln voraussetzt. Einem Virus spreche ich das schlicht ab. Heimtückisch ist nämlich nicht er, sondern einzig die Schlagzeile und die Art und Weise, wie sie bei uns wirkt – und unser Bild von der Realität prägt und verzerrt.
Wie sehr lassen Sie sich von Schlagzeilen beeinflussen? Oder haben Sie auch schon Aktien gekauft?
Foto: © Guerry, www.flickr.com
Kommentare
Wie steht es mit dem Moralverstaendnis der Natuerlich leben-Leser?
Die Pandemie ist längst da - aber sie heisst nicht Grippe. Die vier Apokalyptischen Reiter der Neuzeit heissen Verkehr, Tabak, Übergewicht und zügelloser Individualismus.
Was in anderen Ländern mit anderen (teilweise fehlenden) Gesundheitssystemen bezw. Hygienevorstellungen durchaus ernst zu nehmen ist, kann in der Schweiz meines Erachtens also ohne weiteres als Panikmache bezeichnet werden.
@Andreas (J...?): Um die Frage zu beantworten: Wenn Moral gewachsen und nicht aufgepfropft ist, kann sie schlechter manipuliert werden. Dazu ist aber ein wacher Geist, das Streben nach Information und die Zuhilfenahme dessen, was früher einmal «gesunder Menschenverstand» geheissen hat, nötig.
Ich meinte mit der Möglichkeit einer Pandemie die epidemische und globale Ausbreitung eines Grippevirus, unabhängig davon, wie wenig dies uns Schweizer betreffen wird. Mir will es also nicht so recht gelingen, das ironische „Hurra“, welches sich auf Ihre „apokalyptischen Reiter“ bezieht, mit dem Kontext einer Pandemie in Übereinstimmung zu bringen.
Wenn Medien empfindlich auf die Panikmache anderer reagieren und dabei nicht sachlich bleiben, reagiere ich persönlich eben empfindlich darauf. Denn ironisch-sarkastische Schlagzeilen dienen ja der Abgrenzung von den anderen und sind meiner Meinung nach nichts anderes als der Ausdruck eines „zügellosen Individualismus“, welcher sich auch in den Medien und durch die Medien zeigt.
Warum ist es so schwer, das Leben leicht zu nehmen?
Das Leben etwas leichter zu nehmen, muss nicht Abkapselung bedeuten, aber auf die Bremse stehen, bevor dieser Info-Müll einlullend wirkt. Im Hier und Jetzt liegt der Schlüssel. Was alles gewesen ist und noch sein wird - wir können es kaum verhindern. Wir können aber den Moment leben, mit allem, was er beinhaltet. Heulen, wenn geheult werden muss und lachen, wenn man andere damit anstecken kann, ohne verletzend zu sein.
Vielleicht durch einen schweren Schicksalsschlag, besserenfalls in einer Primärtherapie oder so, denn selbst in der Klapsmühle wird man heute chemisch stillgehalten.
Übrigens, das Leben selbst ist die wahrlich schlimmste Krankheit: Sie wird durch Geschlechtsverkehr übertragen und endet zu 100% tödlich! Have a nice night!
Heute in der Zeitung gelesen: Weltweit sind 46 Millionen - mehr als sechs Mal die ganze Schweizer Bevölkerung - auf der Flucht. Vertrieben aus ihren Ländern, ihren Dörfern, ihren Städten. In Kongo, in Darfur, im Iran, in Afghanistan, in Südamerika, in Asien. Und einige von ihnen stranden als Flüchtlinge auch bei uns. Unbeliebt, ungeliebt und auf keinen Fall willkommen!
Da sind ein paar Grippefälle und auch ein paar dutzend Grippetote ein Klacks dagegen. Wir fürchten uns dermassen schröcklich vor winzigen Viren, dass wir die wirklich grossen Probleme gar nicht mehr sehen, analog dem Spruch vom Wald, den man vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.
@an Malven: Ich verstehe Ihre Skepsis meinem "Hurra" gegenüber. Wo immer irgendwo auf dieser Welt ein Mensch leiden muss, gibt es keinen Grund zum Jubel, da haben Sie völlig recht. Doch mag ich angesichts der täglichen Grippemeldungen doch nicht in Sorge versinken. Im Gegenteil: Bei mir baut sich eher so etwas wie Wut auf, weil unsere auf Schlagzeilen, Reichweiten und Leser-, Hörer- und Zuschauerzahlen ausgerichtete Informationsindustrie den eigentlichen journalistischen Auftrag längst vergessen hat: Hinterfragen!
Unser physischer Koerper verfaellt, wie die Kirsche vergammelt (wenn ich sie nicht vorher genuesslich schlotze) - aus dem Kern aber, er mag leblos aussehen, erwaechst bei geeigneten Bedingungen ein neuer Baum. So ist das auch beim Menschen.
Wieso wir Menschen uns derzeit auf Krieg, Schweine- und andere Grippen etc. konzentrieren (und damit ebendiese Probleme schlimmer machen; @Jordi: ich negiere sie nicht, die Tatsache, dass es Kriege gibt und Menschen verhungern macht mich unheimlich traurig!), satt auf das Schoene zu konzentrieren und so diesem mehr Energie zu schenken, weiss der Geier.
Oder das Schwein?
Noch gefährlicher scheint mir für den Menschen aber etwas anderes zu sein, und zwar die behindernden Sicherheiten des Denkens aufzugeben, die auf dem Ur-Gefühl Angst beruhen.
In diesem Zusammenhang gefällt mir so gut, was eine amerikanische Schriftstellerin (Erica Jong) mal in einem Gedicht geschrieben hat:
"Das Leben ist nicht so gefährlich
wie Mutter sagte.
Es ist gefährlicher, grösser."
Die eigenen lassen sich manchmal ändern, die aller andern nicht.
Wir verst
Wie ich bereits geschrieben habe, heisst das nicht, all die Uebel zu ignorieren. Wir sollen Menschen in Not helfen - dort wo wir koennen. Das heisst, vor allem in unserem Wirkungskreis.
Wuerde ich mich offenen Herzens darauf konzentrieren, dass in dieser von uns geschaffenen Welt Kinder verhungern ! (konzentrieren - also hauptsaechlich daran denken), dann koennte ich nicht leben.
Wenn andere das so sehen, dann bin ich eben ein Egozentriker und Egoist. Ich schaue nicht zu fest auf "die anderen" (die es gar nicht gibt - wir alle sind Verbuendete - den meisten ist das noch nicht bewusst).
Wir koennen die Welt nur heilen, indem wir uns auf das Heile konzentrieren und so dieses staerken.
Wir schaffen das, worauf wir uns konzentrieren.
Afrika wird mit unserer Form der Hilfe nie ein wohlhabender Kontinent. Mit unserer Art der Hilfe lassen wir die Menschen beduerftig bleiben, in unserer Schuld.
Der Mensch wird auch nie heil, also ganz, gesund, solange er sich auf Krankheit statt Gesundheit konzentriert. Dazu zaehlen in hohem Masse auch unsere Worte (Krankenkasse, Krankenhaus etc.).
Gedanken und Worte haben eine grosse Wirkung auf unsere Gefuehle. Unsere Gefuehle auf unseren Zustand. Und unser Zustand auf unsere Handlungen in der Welt.
Wie ich bereits geschrieben habe, wir duerfen die Uebel nicht ignorieren. Wir muessen Menschen in Not helfen - dort wo wir koennen. Das heisst, in unserem Wirkungskreis.
Helfen heisst, sie staerken. Nicht, sie noch mehr von uns Starken abhaengig machen.
@ Malven: Wuerde ich mich offenen Herzens darauf konzentrieren, das heisst hauptsachlich daran denken, dass in dieser von uns geschaffenen Welt Kinder verhungern (waehrend ich dies hier schreibe vielleich 10, 20 Kinder die VERHUNGERN!), dann koennte ich nicht leben. Schon gar nicht gluecklich. Damit waere niemandem gedient.
Glauben Sie mir ist mein sehnlichster Wunsch, mitzuhelfen, den Hunger, die Kriege, all das Leid aus der Welt zu schaffen und unsere wunderschoene Mutter Erde endlich zu dem zu machen, wozu sie bestimmt ist: unser aller Garten Eden.
Ich meditiere immer wieder darueber, wie ich das schaffe. Die Loesung ist mir noch nicht gekommen. Um Rat und Tat bin ich dankbar.
Ich erinnere mich gerne an die Lektüre von Siddharta (von Hermann Hesse, falls das jemanden interessiert). Nur der erreicht das Nirvana, der alle Aspekte des Lebens lebt, durchlebt und loslässt.
Ich wäre schon froh, wenn mich die tägliche Hausarbeit loslassen würde...