Gott kennt mich - und Er hat ein Handy

Markus Kellenberger | Freitag, 24.04.2009

«Eine persönliche Begegnung mit Gott!» Die aussergewöhnliche Botschaft auf dem grossen Plakat am Trottoirrand spricht mich in ihrer Einfachheit an. Ja! Warum nicht? Man soll Neuem gegenüber schliesslich offen sein, pflege ich meinen Jungs regelmässig einzutrichtern. Also trete ich näher an das Plakat heran, auf dem eine adrette junge Dame seelig in ihren Laptop schaut, was mir sehr sympathisch ist. Fundamentale Islamisten erreichen diesen Gesichtsausdruck erst, wenn sie sich einen Sprengstoffgürtel umschnallen - fundamentalen Christen genügt dafür ein Blick in den Bildschirm. Das erleichtert vieles.

«Schreibe BRIEF an 5555 und Du bekommst von Gott eine Botschaft». So oder ähnlich steht es in kleinerer Schrift unter «Eine persönliche Begegnung mit Gott». Das mich milde stimmende Frühlingswetter lässt mich tatsächlich zum Handy greifen. Das will ich ausprobieren, denke ich, tippe BRIEF und schicke das Wort auch gleich an 5555. Ob sich mein Leben nun endlich zum Besseren wendet?

Nur knappe zehn Sekunden später erhalte ich tatsächlich eine Antwort. Von Gott persönlich! Gute Güte, hat der Kerl einen teuflisch schnellen Daumen!

«Stell Dir vor: Ich kenne dich», lese ich da zu meinem nicht geringen Erstaunen. Und weiter: «Deine Träume, Ängste, Freuden und Fragen sind mir vertraut. Hey, du bist kein Zufall! Ich liebe dich und möchte dich trösten, ermutigen und stärken. Ich höre dir zu. Willst du mir begegnen? Ich freue mich auf dich!

Dein Gott.»

Wow! Es ist, als hörte ich Engel singen. Alle meine Zweifel sind endlich ausgeräumt, beseitigt. Es gibt Ihn wirklich! Er hat mir geschrieben. Der Beweis für Seine Existenz ist auf meinem Handy gespeichert. Der nächste Schritt, ihn kennen zu lernen, wäre nun, seine Website zu besuchen. Mein Gott, denke ich, da hat der Himmel aber IT-mässig mächtig aufgerüstet, und das erst noch wireless, denn Glasfaserkabel in der Stratosphäre wären bestimmt aufgefallen.

Die Hölle übrigens ist noch lange nicht soweit, das kann ich Ihnen an dieser Stelle versichern. Als moderner Mensch und als kritischer Konsument (auch von göttlichen Botschaften) habe ich nämlich sofort eine Konkurrenzofferte eingeholt und BRIEF auch an 666 gesendet und festgestellt: Der Teufel geht die ihm zur Verfügung stehende Unendlichkeit viel lockerer an als Gott. Der Gehörnte hat mir sein Angebot noch nicht geschickt.

Tags (Stichworte): GottHandyReligion

Kommentare

  1. Von caramba am Freitag, 24.04.2009 Es ist ja schon bedenklich, dass die Leute nur an das glauben, was sie sehen, hören und lesen können. Sie brauchen Beweise und Studien um Neues überhaupt in Erwägung zu ziehen. Mit solchen Werbemassnahmen wird nicht der Glaube an das unfassbare, unsichtbare oder feinstoffliche gestärkt. Viermehr versuchen die Initianten das Mystische konkret zu machen. Was soll damit gestärkt werden? Der Glaube an die göttliche Führung oder die Anzahl Sektenmitglieder, beziehungsweise Gottesdienstbesucher?
  2. Von Slartybart am Freitag, 24.04.2009 Dass Werbung mittlerweile vielerorts nur noch mässig geschickt verpackte Lüge ist, ist leider Tatsache. Dass viele Leute tief in ihrem Innern auf der Suche sind, auch. Problematisch wird es dann, wenn auch die Jesusfreaks, die leider längst keine idealistischen Fraeks mehr sind, den feissen Braten gerochen haben und mit solchem Unsinn eben diese Leute abzuholen versuchen. Nebst dem solches Vorgehen seiner Anmassung wegen schon höchst verwerflich ist, gehört den Typen, die sich auf diese billige Weise in Scene zu setzen versuchen, tüchtig die Eier geschliffen. Wer durch innere Leerheit geschädigte Leute mit solch plumpen Profilügen anzufixen versucht, lässt hier erst den Summton dessen hören, worum es ihm wirklich geht. Einseifung, Verarschung und das Erzeugen schlimmer Abhängigkeiten war schon immer die Masche von Sekten, die behaupten, Gott für sich gepachtet zu haben.
  3. Von LustigeFrau am Mittwoch, 29.04.2009 Als ich die Website sah, dachte ich zuerst, es sei ein neuer Streich von Ivo Sasek. Jetzt, wo es Uriella anscheinend so schlecht geht, könnte er doch deren Schäfchen hüten.
    Was mich jedoch stark befremdet, ist, dass hier unten rechts ein Werbebanner für ebendiese Website platziert wurde. Was verschweigt uns die Natürlich-Redaktion?
  4. Von kellenberger am Mittwoch, 29.04.2009 Liebe LustigeFrau
    Wir verschweigen gar nichts. Take the money and pray!

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