Gott, Blut und die Kirche im Dorf
Markus Kellenberger | Freitag, 17.10.2008
Eine Frau sitzt allein in ihrem engen Zimmer. Ihre Seele brennt vor Sehnsucht nach dem einen einzigen Mann, für den sie alles gibt, durchs Feuer geht, dem sie ihr Leben widmet. Das schmerzende Herz pocht unerträglich, unaufhörlich. Der Mann, dem die einsame Frau so nahe sein will, ist so fern, dass nur strenge Exerzitien das heisse Verlangen wenigstens vorübergehend mildern können.
Hart und unnachgiebig, dabei wohl keuchend und stöhnend, geisselt die Frau ihr eigenes Fleisch. Mit Ruten, mit Stacheln kasteit sie es, vielleicht auch mit einem straff um den Oberschenkel gebundenen Bussgürtel straft sie ihre eigene Lust, sucht sie Nähe zum so unerreichbar scheinenden Geliebten, hofft, ihn beeindrucken und gnädig stimmen zu können. Ihr Blut tropft und besprenkelt auch die Wände ihrer Zelle, ist Beweis ihres Leidens und ihrer Herzensstärke, wie einige ihrer Mitschwestern, Zeit- und Augenzeugen ehrfürchtig bezeugen.
Keine Ahnung, was für eine Diagnose die moderne Psychiatrie heute einer solchen Person ausstellen und welche Therapie sie empfehlen würde. Ich weiss nur, dass die katholische Kirche Schwester Bernarda heilig gesprochen hat … und mich schaudert's.
Und dann schaudert's mich noch mehr, wenn ich daran denke, dass dieselbe Kirche Priester aus ihrem Kreis ausschliesst, die fleischliche Kasteiungen satt haben und eine Frau heiraten während diejenigen Kollegen, die Kinder schänden in ein anderes Dorf versetzt werden.
Sagen Sie mir: Was soll ich davon nur halten?
Bild: PD
Kommentare
Ein PAL, übrigens, ist die Abkürzung für «Problem anderer Leute» (@ Kellenberger: © Douglas Adams)
Wer führt seit 2000 Jahren die Menschheit hinters Licht? Wer liess Andersdenkende foltern und hinrichten und bezeichnet heute die Inquisition als "Fortschritt?" Wer liess ganze Völker ausrotten und rühmt dies heute als "glückliche Schuld"?..
Habe ein Superbuch gelesen, das all diese Machenschaften aufdeckt. Es heisst: "Wer sitzt auf dem Stuhl Petri" Es gibt davon 3 Bände. ISBN 978-3-89201-208-5 Ist in jeder Buchhandlung erhältlich.
Ich halte mich an den Gott der Liebe, deshalb bin ich aus der kath.Kirche ausgetreten.
Ich bin sicher: Gäbe es keine entsprechenden Gesetze - die Inquisition wäre noch so lebendig wie vor einigen hundert Jahren.
Wäre ich der Papst, respektive die Päpstin: ich hätte Anna Göldin heilig gesprochen!
Das läuft jetzt nicht so, weil eine kleine Elite besonders beflissener Schafe das Heer der anderen Schafe über Jahrhunderte überzeugt hat, doch an die Vision des irdischen vorgeschobenen Postens zu glauben. Mal mit Druck, mal mit Cleverness, mal mit Taktik, mal mit Güte, mal mit brachialer Gewalt – was halt grad so erforderlich und opportun schien. Und es hat geklappt. Gott, wenn es ihn denn gibt, dürfte das ziemlich egal sein, weil die Welt immer schon eine beträchtliche Zahl an Oberhäuptern und Anführern hervorgebracht hat. Kriegerische, politische und eben auch kirchliche – viele gleich selbsternannt, um Zeit und Umwege zu sparen. Das ist nicht göttlich, sondern einfach und nur zutiefst menschlich, also ohne Eintrag und Wertung in der göttlichen Agenda.
Grundsätzlich bin ich der Meinung meiner Vorredner, jeder soll tun und lassen wie ihm beliebt, solange andere dabei nicht zu Schaden kommen. In diesem Punkt liest sich die Bilanz der katholischen Kirche nicht eben erfreulich, bestätigt aber genau dadurch, dass der gepflegte und am Leben erhaltene Irrtum eben nicht mal einer sein kann: die Kirche hat nichts Göttliches und unterschiedet sich im Kern nicht von einer politischen Partei. Da sind Menschen am Werk, und nur Menschen, die machen, interpretieren, Macht beanspruchen und manifeste Interessen verfolgen.
Würde ich Sie, lieber Herr Kellenberger, heute heilig sprechen, hätte das keinen grösseren und auch keinen geringeren Wert, wie wenn die katholische Kirche Schwester Bernarda heilig spricht. Beides ist ein Akt von Menschen, die über andere Menschen ein Urteil abgeben und dieses Urteil in die Form einer Würdigung packen. Ein Dankeschön, ein Diplömli und ein Eintrag in die Geschichtsbücher hätte eigentlich genügt, aber die Kirche handelt eben mit Heiligkeiten. Wie auch immer, davon darf man dann halten, was man will – man sollte einfach nicht ausser Acht lassen, dass Heiligkeiten im Angebot irdischer Handelswaren keinen Platz haben.
Von unten betrachtet (irdisch, menschlich) und etwas Glauben vorausgesetzt, findet man eine päpstliche Heiligsprechung möglicherweise ganz grossartig. Von oben betrachtet (himmlisch, göttlich) und etwas Humor auf Seiten der Götter vorausgesetzt, dürfte jede Heiligsprechung mit einem Lächeln als bedeutungslos verbucht werden. Eine Amtsanmassung selbsternannter Statthalter eben, die das Gespür für ihre Möglichkeiten und Grenzen längst verloren haben, nie wirklich hatten. Zumal die abenteuerliche Geschichte der katholischen Kirche mit all ihren Auswüchsen über Jahrhunderte nun wirklich nicht geeignet ist, diese Institution in irgendeiner Weise als das Mass aller irdischen und himmlischen Dinge zu betrachten.
Übrigens: Nein, ich bin kein Atheist. Bloss ein neugierig Fragender, der seinen Deal mit übergeordneten Mächten oder mit Gott gerne selbst und direkt macht, ohne seine genaue Adresse zu kennen. Deshalb verzichte ich gerne auf Interpretationen und Übersetzungshilfen von vatikanischen Dolmetschern, die erwiesenermassen weder über die notwendigen Sprachkenntnisse noch über direktere Zugänge zu ihrem Chef verfügen. Im Gegensatz zum Papst bin ich da einfach ehrlicher, habe aber, zugegeben, auch weniger zu verlieren. Amen.
"Und genau liegt der Punkt, an dem sich die einen mit den anderen nie finden werden, weil das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat." Was die Selbstkasteiungen von Schwester Bernarda angeht, so möchte ich versuchen, nicht zu bewerten und verurteilen, was ich nicht verstehe. wie zum Beispiel auch das:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnentanz