El Zeitungsguerillero

Andres Jordi | Freitag, 04.06.2010

Als Zugreisende ärgern Sie sich sicher auch regelmässig über die allüberall herumliegenden und -flatternden flatten Blättchen Ringierscher oder TA-medialer Provenienz. Ich auf jeden Fall tue es, fühle sogar eine moralische Verpflichtung dazu, bin ich doch dieses sternen People-Journalismus mehr als überdrüssig. Oder besser gesagt: Ich tat es. Denn ich wurde aktiv. Meine Not liess mich in den Untergrund gehen.

Ich arbeite seit einiger Zeit mit subversiven Mitteln gegen die Profanisierung der Hirnwindungen meiner Zeitgenossen. Inspiriert hat mich das Guerilla Gardening. Aber ich pflanze nicht heimlich bunte Blumen in sterile Rabatten zur Verschönerung des Stadtbildes. Meine Saat ist papieren und ich ziele auf den Kopf. Ich bin jetzt Zeitungsguerillero.

Sobald ich mir von meinem Leibblatt jeweils profund die Welt erklären liess – dass ich erkenne, was sie im Innersten zusammenhält – platziere ich dieses mein Leibblatt, akkurat zusammengefaltet und sorgfältig drapiert, auf ein Fensterbänkchen jenes Eisenbahnwaggons, in dem ich gerade sitze, und vertraue hoffnungsvoll darauf, dass meine Mitmenschen eine gepflegte Lektüre dem Häppchenschund vorziehen werden und das Gute am Ende siegen wird.

Fotos: Mendhak / flickr / cc, Marco Raaphorst / flickr / cc, Gunnar Wrobel / flickr / cc


Kommentare

  1. Von rodek am Samstag, 05.06.2010 Sie werden staunen, auch ich habe schon daran gedacht (zugegeben, eher mehr als 20 Minuten und das nicht nur beim AnBlick des Abends), etwas gegen diese Zustände zu tun. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto schwieriger wurde dieses Unterfangen - denn wer, so frage ich Sie, lässt sich heute noch eines Besseren belehren? Nun scheint sich alles von selbst zu regeln. Denn wer, bitte schön, lässt schon sein iPad irgendwo auf dem Sitz oder Boden liegen?
  2. Von Hampe am Montag, 07.06.2010 Vielleicht werden Sie sich schon bald die flatternden Gratisblätter zurückwünschen. Mir graut schon vor den Horden mit einem iPad bewaffneter Pendler, die sich bald in den Waggons breitmachen werden und sich Video-Interviews mit den Miss-Schweiz-Kandidatinnen oder die Abbitte des nächsten "sexsüchtigen" Hollywoodstars zu Gemüte führen (um Eindruck zu schinden natürlich ohne Kopfhöhrer).
  3. Von LustigeFrau am Donnerstag, 10.06.2010 Im Feng-Shui heisst es sinngemäss: "Gut" und "Böse" können koexistieren, weil sie sich gegenseitig zum Ganzen addieren. Aus der alleinigen Koexistenz entsteht aber noch kein Leben, es gibt keine Bewegung. Erst wenn ein Kreislauf in Gang kommt, entstehen die Dinge unseres Lebens.

    Als wichtig erachte ich jedenfalls, dass man in diesem Sinne auch sein persönliches Gleichgewicht pflegt und - je nach Präferenz - auch mal den Cervelat-Promis zuwendet oder sich mit den grossen Zusammenhängen des Seins oder Nichtseins auseinander setzt.

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