Ein Wort und seine Wirkung

Andres Jordi | Dienstag, 28.07.2009

Heute Morgen wähnte ich mich im falschen Film respektive im falschen Zug. Dabei wollte ich doch bloss redlich und pflichtbewusst meiner Arbeit nachgehen, bin dafür sogar früher aufgestanden. Und dann so etwas. Als wäre ich im Altersheim, auf einem begleiteten Seniorenausflug. Ich mag ja nicht mehr jung und schön sein, aber zum todgeweihten Tattergreis lasse ich mich deswegen noch lange nicht machen.

Ich sass also im Zug, guten Mutes, heiterer Stimmung und mit Zuversicht, als diese Person (eine Frau, aber das macht nichts besser) ins Abteil kam und die Billette verlangte. Schon als sie einige Stationen vor meinem Sitzplatz war, kramte ich mein GA hervor, damit ich es ihr pünktlich vorweisen konnte und sie ohne unnötige Zeitverzögerung die weiteren Fahrgäste kontrollieren konnte.

Als die Frau dann vor mir stand und ich ihr meine Legitimation zur Benützung dieses Zuges schon bezeugt hatte, viel mein Blick auf ihre Brust (nicht auf ihren Busen, wie ich betonen möchte, sondern auf ihre Brust), genauer auf ihr Namensschild. Und was las ich da: Reisezugbegleiterin.

Mir wurde schwindlig ab dem Wort. Reisezugbegleiterin. Was um Himmelswillen ist das? Wo war ich? Mir kam Dignitas und dergleichen in den Sinn und ich wollte noch nicht sterben. Ich kriegte das Wort nicht zu fassen.

Die Frau waltete schon längst weiter ihres Amtes, als sich mein Delirium langsam lichtete. Ich schien im richtigen Zug zu sitzen, auf dem Weg zur Arbeit, halbwegs lebendig. Ich war weder in einem Reisezug noch auf der Fahrt ins Jenseits. Warum, Herrgott noch mal, können die SBB ihr Personal nicht normal anschreiben? Wie früher. Fräulein D' Alessio, Kondüktörin. Damit könnte ich umgehen, das könnte ich einordnen. Aber Reisezugbegleiterin, so etwas verstört mich.

Bild:  nate steiner/flickr/cc

Tags (Stichworte): AlterÖVDignitasSBBSchweizZugsbegleiterin

Kommentare

  1. Von Slartybart am Mittwoch, 29.07.2009 Willkommen im Heim! Die Hundstage scheinen pünktlich und wohlbegleitet eingefahren zu sein. Hauptsache, die Amigrippe bleibt draussen. Dann also schon noch lieber ein kleiner Provokateur mit Frölein-Flashback. Sein wir doch froh, können wir das Personal überhaupt noch an deutschsprachigen Namen erkennen. Oder wäre Ihnen Traincrewmanagerin lieber? Namensgebung war noch nie der SBB Röscho. Erinnern Sie sich an die «Einnehmerei»? So hiess bis vor ein paar Jahren das, was man heute gleichen Geistes «Kompetenzzentrum für Abzocke» nennen würde. Dann werde ich schon noch lieber begleitet als eingenommen. Weiss der Geier, wo ich dann wieder rauskommen würde...
  2. Von Jordi am Mittwoch, 29.07.2009 Hier etwas zum Thema: http://www.beobachter.ch/justiz-behoerde/auslaender/artikel/schlusspunkt_ueli-der-agrarpraktiker/
  3. Von LustigeFrau am Mittwoch, 29.07.2009 Diesen Gesichtsausdruck hatte ich drauf, als mir eine Bibliothekarin sagte, wie man ihren Beruf tatsächlich nennt: "Informations- und Dokumentationsassistentin". (Etwa eine halbe Stunde hat es gedauert, bis ich es selber aussprechen konnte.) Aber jetzt, nach der Lektüre Ihrer Geschichte, wundere ich mich ernsthaft, dass die "Wissens- und Sozialkompetenzmanager" noch Lehrer genannt werden dürfen und dass Mami und Papi noch keine "Zeugungs-, Ernährungs-, Pflege- und Ordnungsverantwortliche" geworden sind.
  4. Von rodek am Donnerstag, 30.07.2009 Eigentlich geht es mir so wie Ihnen. Auch ich bin viel mit der SBB unterwegs. Ich komme eigentlich gar nicht dazu, die Namen zu lesen - geschweige denn Ihre Funktion zu entziffern. Erst wenn es irgendwelche Schwierigkeiten gibt, merke ich mir den entsprechenden Namen und die ergänzende Bezeichnung. Aber ehrlich gesagt, einen Schreck habe ich dabei noch nicht gehabt - mittlerweilen scheine ich bei der Bundesbahn an vieles gewohnt zu sein.
  5. Von Jordi am Donnerstag, 30.07.2009 Jetzt weiss ich wenigstens aus welcher Ecke die ganze Misere kommt: http://www.weltwoche.ch/no_cache/ausgaben/2009-12/artikel-2009-12-essay-tausend-boese-mails.html?mode=print
  6. Von LustigeFrau am Donnerstag, 30.07.2009 @Jordi: Mit Feminismus haben zumindest die IDAs (mein erstes Beispiel) nicht viel zu tun. Aber was spricht dann für solch unsägliche Bezeichnungen? Ich jedenfalls komme beim besten Willen nicht dahinter.
  7. Von caramba am Montag, 17.08.2009 Machen wir uns nicht oft zu viele Gedanken über die Namensgebung? Darüber, was alles darin enthalten sein sollte, damit sich niemand betupft, ausgeschlossen oder diskriminiert fühlt? Was dabei herauskommt sind Unwörter die nichts aussagen. Doch Namensschild hin oder her: Wie viel wertvoller wäre die Begegnung gewesen, wenn Sie der Reisezugbegleiterin einfach in die Augen geblickt und ins Gesicht gelacht hätten? Dann hätten Sie nicht über Dignitas nachgedacht sondern sich einfach über die nette Begegnung gefreut und wären beschwingt in den Tag gefahren.

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