Ein M scheinheiliger

Andres Jordi | Dienstag, 06.10.2009

Ich rede mir immer wieder ein, dass ich gegen Werbung immun sei und meine Kaufentscheidungen aus absolut freiem Willen treffe. Doch schon beim freien Willen fängt der Zweifel an, berauben einem die Hirnforscher doch der Illusion einen solchen zu haben. Aber da ich glauben kann, was ich will, halte ich mich hier lieber an die Philosophen, die das Ganze naturgemäss ein bisschen anders sehen (hier für jene, die etwas wirklich Gehaltvolles lesen möchten).

Trotz der Gewissheit eigener Entscheidungsfreiheit beschleicht mich doch gelegentlich das Gefühl ein bisschen manipuliert zu werden und nicht zu kaufen, was ich wirklich will, sondern für was die Werber werben. Schöne Verpackungen kanalisieren beispielsweise meine Aufmerksamkeit im CD-Geschäft und führen zu einer Vorselektion jener Musik, die ich mir überhaupt anhöre. Dem Duftmarketing erliege ich wahrscheinlich komplett. Was erklären würde, dass ich jeweils mit fünf CDs statt mit einer aus meinem Leibladen (ein bisschen Werbung darf sein) komme.

Manchmal ist Werbung aber auch so plump, dass sogar ich sie durchschaue. Haben Sie die neue Plakataktion der Migros schon gesehen? Der Detailhändler senkt bei 500 Artikeln dauerhaft den Preis. Nicht etwa aus Konkurrenzdruck, sondern weil er etwas Gutes tun und unser Budget entlasten will: wegen der hohen Kinderhorttarife etwa oder der hohen Krankenkassenprämien, wie es gross auf den Plakaten heisst. Wenn der Staat nicht hilft, greift uns die liebe Migros unter die Arme. Dutti würde das bestimmt freuen. Und mich rührt so viel Nächstenliebe.

Fotos: dongga BS/flickr/cc,Torley/flickr/cc

Tags (Stichworte): DetailhandelMarketingMigrosWerbung

Kommentare

  1. Von Hampe am Donnerstag, 08.10.2009 Preissenkungen lassen sich als alles mögliche verkaufen, wenn man aber genauer hinsieht, so sind gemäss Migros "Kosteneinsparungen" und "tiefere Beschaffungspreise" dafür verantwortlich. Was darunter zu verstehen ist, kann sich jeder selbst zusammenreimen. Die Konkurrenz wird ohne Zweifel reagieren und ihrerseits zum Wohle des geliebten Kunden die Preise senken. Wohin diese Preisspirale führen kann, lässt sich zur Zeit in Deutschland beobachten, wo gemäss BILD.de eine "Wahnsinns Preis-Schlacht" [sic!] im Gange ist. Wer für die konkurrenzlosen Tiefstpreise jedoch die Zeche zahlen muss, zeigt dieser lesenswerte Spiegel-Artikel über den Textildiscounter kik!, der unter anderem Jeans für 2.99 EURO verscherbelt:
    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,651460,00.html
  2. Von LustigeFrau am Freitag, 09.10.2009 "Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt", sagt ein Sprichwort. (Und zweifelsfrei herrscht Krieg zwischen den Detailhändlern.) Aber wer schweres Geschütz auffährt, sollte sich vor Kollateralschaden hüten bzw. aufpassen, nicht seine eigene Kundschaft abzuschiessen.
  3. Von rodek am Freitag, 09.10.2009 Werbung, die nicht auffällt, ist vergebene Liebesmüh. Über die Aufregungen des M-Plakates habe ich deshalb als Werber eigentlich nur ein müdes Lächeln über. Uns wird von Unternehmen immer wieder die Aufgabe gestellt, mit möglichst kreativen Lösungen eine Information an die Frau bzw. an die Frau zu bringen. Wer die Kampagne ein wenig studiert hat, hat sicherlich gemerkt, dass jeweils verschiedene Heads (Titel) das Layout (Bildteil) zieren. Meist sind es, so emfinde ich es zumindest, Aussagen zum Schmunzeln - in England, dem Mutterland der witzigen und manchmal ganz frechen Werbung, denke ich, wäre wohl nicht nur die Queen ab so viel Kreativität ganz schön amused.
  4. Von Hampe am Samstag, 10.10.2009 Mir geht es überhaupt nicht um die Werbekampagne, sondern um das Discount-Prinzip, dass den Handel mehr und mehr dominiert. Vor wenigen Monaten hat zum Beispiel in meiner Nähe ein neues Einfaufszentrum eröffnet. Neben Coop finden sich darin fast ausschliesslich Discounter und Billigketten. Das Verkaufspersonal ist unqualifziert, wahrschienlich schlecht bezahlt und verkauft billige Massenware, produziert von noch viel schlechter bezahlten Arbeitern in allen Herren Ländern. Die Besitzer dieser Ketten tauchen hingegen in ihren Heimatländern regelmässig in der Liste der reichsten Menschen auf. Da läuft der Hase doch irgendwie falsch...

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