Ein Blog ein Blog ein Blog und noch ein Blog
Markus Kellenberger | Montag, 25.10.2010
Ein Blog muss her. Sofort! Am besten mit einem durchschlagenden Thema. Der Frankophonie-Gipfel? Die Frisur unserer Aussenministerin? Eventuell etwas über die tiefen Hypozinsen, über kriminelle Ausländer, Raser, Abzocker, Umweltsünder, Picasso-Ausstellung, Afghanistan, Israel, Appenzell, Bugatti Veyron, CZ, Steuergerechtigkeit? Nö! Hängt mir alles zum Halse raus. Wissen Sie eigentlich, wie schwer es ist, einen Blogbeitrag zu schreiben, der
a) tief schürfend,
b) augenzwinkernd,
c) mehrheitsfähig,
d) intelligent,
e) für alle verständlich,
f) relevant,
g) fehlerfrei,
h) kurz und bündig,
i) unglaublich gut
sein soll? Und das vor dem oben skizzierten Hintergrund, dass mich die allgemeine Aktualität heute eigentlich gar nicht interessiert, denn viel wichtiger als alles andere auf der Welt ist für mich im Moment, dass mein Jüngster die Mandeln schneiden musste und jetzt zu Hause liegt und Halsschmerzen hat; dass unser Geschirrspüler den Geist aufgegeben hat und ich einen neuen beschaffen muss; dass die Winterpneus noch nicht montiert sind; dass unsere Topfpflanzen noch nicht winterfest gemacht sind; dass das Rücklicht am Fahrrad meines Ältesten kaputt und noch nicht repariert ist; dass ich meine Mutter schon lange nicht mehr zum Essen eingeladen habe; und dass meine Geliebte und ich schon ewig kein Wochenende zu zweit mehr hatten.Also. Schreiben Sie mir doch bitte einen Blogbeitrag, der die Punkte a) bis i) erfüllt. Ich bin Ihnen dankbar.
Fotos: Wesley Fryer / flickr / cc
Kommentare
Nach unserem Bundesminister für Gesundheit Rösler ist das deutsche Gesundheits System "das beste der Welt." Dies scheint allerdings nicht für den Markt Lappersdorf bei Regensburg zuzutreffen, wie die folgende Realsatire recht anschaulich aufzeigen dürfte.
Unsere Geschichte beginnt in einer kleinen Wohnanlage in Lappersdorf und dazu - wie häufig bei medizinischen Notfällen - ausgerechnet an einem Freitag nachmittag. Die fast 85jährige Frau H.* lebt ganz alleine in ihrer Wohnung und wird seit erst 2 Tagen morgens und abends kurz vom ambulanten Pflegedienst besucht - sie benötigt Hilfe beim An- und Ausziehen von Strümpfen. Dazu ist Frau H. herzkrank und erhält entsprechende Medikamente, die der Pflegedienst in 3 tägliche Dosen einteilen muss.
An diesem Freitag nachmittag begegnet Frau H. im Treppenhaus einer Nachbarin, die feststellt, dass die alte Frau sehr blass ist und sich in einer sehr schlechten körperlichen Verfassung befindet. Eine kurze Überprüfung von Puls und Blutdruck bestätigt diesen ersten Eindruck und so macht die Nachbarin, Frau W.* genau das, was üblicherweise in derartigen Fällen einleuchtend erscheint: Sie versucht, den Hausarzt von Frau H. telefonisch zu erreichen und um Hilfe zu bitten, dieser hatte dazu tags zuvor die Medikation seiner Patientin verändert.
Was nun beginnt, erinnert in fataler Weise an Karl Valentins berühmten "Buchbinder Wanninger" mit dem Unterschied allerdings, dass es sich bei den Akteuren am anderen Ende der Leitung ausschliesslich um Anruf-Beantworter-Maschinen anstelle echter Menschen handelt:
Beim Anruf in der Praxis des Hausarztes Dr. med. H.* um etwa 15:30 Uhr erklärt uns dessen Maschine, dass ihr Besitzer bereits im Wochenende sei und sein Kollege Dr. med. S.* am Freitag nachmittag die Vertretung übernehme. Flugs dort angerufen, teilt uns leider erneut eine synthetische Stimme mit, dass auch Dr. med. S. bereits sein sicher verdientes Wochenende geniesse und an diesem Freitag nachmittag von der Praxis des Dr. med. L.* vertreten werde. Bereits etwas entnervt im Angesicht einer nicht mehr sonderlich robust wirkenden Patientin, die dringend Hilfe benötigt rufen wir in der Praxis des Dr. med. L. an, wo wir uns - welch Wunder - erneut mit einer sprechenden Maschine konfrontiert sehen. Diese wiederum verweist uns zurück an ihren Kollegen in der Praxis des Dr. S., der uns kurz zuvor hierher geschickt hatte ... !?! Endlosschleife?
Zwischenzeitlich geht es Frau H. nicht unbedingt besser, weshalb wir uns gegen 16:00 entschliessen, beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst um Hilfe nachzusuchen. Dort wird uns mitgeteilt, dass der diensthabende Arzt erst um 18:00 Uhr seinen Dienst antreten wird, da bis zu dieser Zeit die vor Ort ansässigen Hausärzte die Versorgung bereitstellen. Ah ja!
Das Ende der Geschichte lautet so: Der Arzt des Bereitschaftsdienstes erscheint - nach einem erneuten Anruf - um 18:30 und kassiert als Erstes 10 EUR Praxisgebühr für seine Anforderung - Frau H. hatte schliesslich keine Überweisung von ihrem bereits im Wochenende befindlichen Hausarzt! Natürlich beginnt er seine Untersuchung auch erst nach Vorlage von Frau H.'s Versichertenkarte, hätte sie diese nicht vorgelegt - was in ihrem Zustand nicht unbedingt als Selbstverständlichkeit zu sehen ist - wäre der Arzt wohl unverrichteter Dinge wieder seines Wegs gegangen ...
Fazit: Frau H.'s Zustand hatte sich bereits vor 18:00 Uhr wohl wegen der persönlichen Zuwendung wieder verbessert, danach hat der Bereitschaftdienst noch die offensichtlich nicht angemessene Medikation seines Hausarzt-Kollegen korrigiert. Dass Frau H. die Situation überlebt hat, liegt sicherlich nicht an der Qualität des Lappersdorfer (Regensburger?) Notfall-Bereitschaftssystems. Denn ob Frau H. aus eigener Kraft auch nur über die erste der offenbar wildgewordenen Anruf-Beantworter-Maschinen hinweg gekommen wäre, erscheint uns mehr als fraglich.
Das beste Gesundheitssystem der Welt? Die Geschichte erinnert mehr an die Zustände in einem Entwicklungsland - auch wenn dort die meisten Arztpraxen wahrscheinlich über keine Anrufbeantworter verfügen dürften. Doch ob dies Fluch oder Segen ist, muss wohl jeder für sich selbst beurteilen ...
* Die Namen der Betroffenen sind von uns geändert worden.
Lieber Herr Kellenberger,
auch wenn es ein Thema aus Bayern ist, dürfte es in der Schweiz ganz ähnlich sein.
Mit besten Grüssen
Jürgen und Annette Weinzierl
Nein, lautet meine knappe erste Antwort. Nein, in der Schweiz habe ich solches noch nie erlebt, und mir sind auch keine derartig haarsträubende Fälle aus dem Reich der Medizin bekannt. Bayern und Schweizer mögen vieles Gemeinsam haben, aber hier trennen sich die Gemeinsamkeiten. Bei unserem Gesundheitswesen liegt vieles im Argen. Doch die Betreuung funktioniert (noch) einigermassen - auch unsere Hausärzte müssen am Ende des Monats ihre Hypotheken und Leasingraten zahlen. Und sie wissen: ein abgewimmelter Patient ist unter Umständen auch gleich ein verlorener.
Vielleicht bin ich einfach zu wenig beim Arzt, um schlechte Erfahrungen zu machen. Oder blind?