Die Welt den Träumern!
Markus Kellenberger | Freitag, 25.04.2008
Madonna gibt eine neue CD heraus. Chartträchtiger Titel: «Hot Candy!». Inhalt: Bewährtes in flottem R’n’B-Pop, musikalisch herunter gebrochen auf den Geschmack der breiten Masse, die Millionenverkäufe des Al-bums sind prognostizierbar. Ich freue mich ein bisschen auf den Titelsong, immerhin hätte Madonna eine Klasse über mir in die Schule gehen können – doch die CD werde ich mir deswegen trotzdem nicht kaufen.
Überhaupt habe ich seit Jahren keine CD mehr gekauft. Die Menge an Musik, die mir aus Radios, Ladenlautsprechern, Telefon-warteschlaufen, Klingeltönen, Restaurant-toiletten, MP3-Playern, Autos, Ghettoblastern und überhaupt aus allen Löchern und Ritzen dieser Welt entgegenbrandet, verstopft mir die Ohren zur Genüge.
Das nicht zuletzt aber auch darum, weil ich in der grossen Mehrheit dieses orga-nisierten Lärms keine wirkliche Botschaft mehr erkenne. Madonna singt am lieb-sten über sich, Rapper über mir fremde Welten aus Amerika, und der allgemeine Rest der Popwelt begnügt sich mit vergnüglichen Reimen, respektive melodiösen Hymnen an die Oberflächlichkeit eines auf Sun und Fun ausgerichteten Lebens.
Vor einigen Tagen aber horchte ich beim schnellen Einkauf im örtlichen Super-markt dennoch überrascht auf. Leise, schier übertönt vom Quitschen eines etwas schwergängigen Rades an meinem Einkaufswagen, vernahm ich Klänge aus der Vergangenheit. John Lennon. Imagine. Und das zwischen all den Sonderangebo-ten. Glauben Sie mir, irgendwie war ich den Tränen nahe. Die Hymne meiner Jugend hier im Grossverteiler.
Und damit den jüngeren Leserinnen und Lesern unter Ihnen klar ist, warum mich das so unendlich traurig stimmte, hier nochmals der Text meines Lieblings-liedes, der es angesichts von Tibet, der neuen Hungerkrise der Menschheit und des weltweit erstarkenden Nationalismus sicher nicht verdient hat, zum konsum-ankurbelnden Hintergrundgedudel degradiert zu werden:
Imagine there’s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people
Living for today
Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Imagine nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace
You may say I am a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will live as one
Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world
You may say I am a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will live as one

Stell dir vor, es gibt kein Himmelreich
Versuchs, es ist leicht
Keine Hölle unter uns
Über uns nur der Himmel
Stell dir vor, alle Menschen
Leben nur im Jetzt
Stell dir vor, es gibt keine Länder
Es ist nicht schwer
Nichts, wofür man töten oder sterben müsste
Und auch keine Religion
Stell dir vor, alle Menschen
Leben ihr Leben in Frieden
Vielleicht sagst du nun, ich sei ein Träumer
Aber ich bin nicht der einzige
Ich hoffe, du schliesst dich uns eines Tages an
Und die Welt wird eins sein
Stell dir vor, es gibt keinen Besitz
Ich frage mich, ob du das kannst
Keinen Grund für Gier oder Hunger
Alle Menschen wären Brüder
Stell dir vor, alle Menschen
Teilen sich die Welt
Vielleicht sagst du nun, ich sei ein Träumer
Aber ich bin nicht der einzige
Ich hoffe, du schliesst dich uns eines Tages an
Und die Welt wird eins sein
Bilder: PD / WIKIMEDIA
Kommentare
Auch ich habe mir «Imagine» schon im Supermarkt anhören müssen. Und das Lied, beziehungsweise die Tatsache, es an diesem Ort zu hören, hat mich sehr traurig gestimmt. Aber im Gegensatz zu Ihnen bin ich mir eher als Sau vorgekommen, der Perlen verfuttert werden. Nicht das auch noch! Die letzten traurigen Überreste aus einer Zeit, in der ich noch Hoffnung hatte, unter «ferner liefen» von Werbefuzzis zwischen Joghurt und Tampons um die Fritte geschmiert zu bekommen, war wirklich ein starkes Stück. Wäre ich auf der Restaurant-Toilette gewesen, ich hätte mich übergeben!
Es ist nicht mein erigierter Zeigefinger, der hier Schaum zu schlagen versucht. Aber wenn alles recht ist, um ein aufgewärmtes Editorial zu reanimieren, geht mir das Verständnis schon ein bisschen ab. Es ist leider so, dass der schönste und stimmigste Text unnütz ist, wenn er wegen Reizüberflutung nicht wahrgenommen wird. Und wenn dies schon zum Heulen ist, dann bitte nicht nochmals ein mediales Brechmittel dazu. Wenn ich Madonna auf der «Natürlich» Website sehe, geht\'s mit ähnlich wie dazumal im Supermarkt. Nur dass diesmal die Toilette näher liegt.