Der Kuss

Andres Jordi | Montag, 13.07.2009

Wie Sie wissen, bin ich kein Freund der Tauben. Und neulich sah ich mich einmal mehr bestätigt in meiner Antipathie. Nach der inneren Ruhe ringend suchte ich die äussere und setzte mich auf eine Parkbank. Noch bevor sich Erstere auch nur ansatzweise hätte einstellen können, wurde Letztere aufs Gröbste gestört: Unter Pauken und Trompeten flog ein Schwarm Tauben ein.

Ruhig Blut, sagte ich mir. Doch das hätte ich mir sparen können. Denn schon fühlte ich mich wie in Hitchcocks «Die Vögel». Das Taubenpack machte mir fest entschlossen meinen Ruheplatz streitig und schien bereit zum Äussersten. Mit Händen und Füssen und unter zensurwürdigem Gefluche versuchte ich zunehmend verzweifelt meine territoriale Integrität zu verteidigen. Irgendwann besannen sich die Viecher auf die wahre Intention ihrer Zusammenkunft und liessen von mir ab.

Damit bin beim eigentlichen Thema: Schamlos, bis zur Lächerlichkeit aufgeplustert, irr herumtorkelnd und ohne geringstes Gespür für auch nur ein bisschen erotische Sinnlichkeit wurde nun – und hier scheint mir Vulgarität nun wirklich angebracht – wild drauflos gevögelt. Eine Sexorgie der üblen Art. Ich fand es abstossend.

Warum eigentlich, fragte ich mich, das ist doch die Natur. Vielleicht erinnerte es mich einfach allzu zu sehr an die Natur des Menschen.

Als sich die besinnungslose Popperei allmählich an einen anderen Schauplatz verlagert hatte, fiel mir ein Taubenpärchen auf, das im Getöse völlig untergegangen war. Selbstvergessen turtelten die beiden, rieben zärtlich ihre Köpfe aneinander und flüsterten sich Sonette von Shakespeare ins Ohr. Dann schauten sie sich tief in die Augen – und küssten sich innig.

Mir kam mein teurer Freund Don Quijote von der Mancha in den Sinn, wie er sagt: «Ich lieb dich nicht nur so zum Spass, ich werbe ehrlich, voller Anstand, denn ohne ihn wollt ich nicht sein, mein Wunsch trägt reineres Gewand.»

So stelle ich mir das vor – auch bei Tauben. Ich war versöhnt.

(Bild: fotolia.de)

Tags (Stichworte): KüssenSexTauben

Kommentare

  1. Von caramba am Dienstag, 14.07.2009 Ich bin ja auch kein grosser Freund dieser gurrenden Viechern. Aber ich muss schon sagen, dass Sie mich manchmal ein bisschen dauern. Jeder Sims, jedes noch so schmale Vorsprüngchen ist mit langen Nadeln versehen damit die Tierchen sich nicht niederlassen. Wo sollen sie sich denn sonst paaren, wenn nicht im öffentlichen Park! Das erinnert mich schon fast an Zeiten der offenen Drogenszene. Kaum wurde ein Platz geräumt, verlagerte sich die Szene an einen anderen Ort...Gespritzt wird nur noch in den dafür vorgesehenen Institutionen. Wo kämen wir denn hin, wenn es auch bei den Tauben so weit käme!
  2. Von Stettler am Mittwoch, 15.07.2009 Das waren noch Zeiten, als einem die "gebratenen Tauben" einfach so in den Mund flogen. Es lebe das Schlaraffenland! Meines Wissens ist dort der Begriff der Taubenplage unbekannt.
  3. Von LustigeFrau am Mittwoch, 15.07.2009 Sie schreiben: "Vielleicht erinnerte es mich einfach allzu zu sehr an die Natur des Menschen." -- Wieso sollten Tauben die besseren Menschen sein?
  4. Von Malven am Mittwoch, 15.07.2009 Ich mag eigentlich Tauben. Vor allem Turteltauben und Türkentauben. Stadttauben haben mich bis jetzt nur dann gestört, wenn sie ihren Dreck in mein Haar fallen liessen. Es dürfte nicht mehr als zwei mal gewesen sein. Und einmal, ich gebe es zu, als eine Tote vor meinem Dachfenster liegenblieb.

    Ob sie nun turteln, poppen, gurren, auffliegen, tieffliegen, scheissen, sterben oder einfach nur glotzen, sie scheinen es darauf abgesehen zu haben, unser empfindliches inneres Gleichgewicht zu stören.
    Schon wieder kommt mir halt Patrick Süskinds "Die Taube" in den Sinn, die Wiederholungen des Lebens machen auch vor dem Bloggen nicht Halt. Vermutlich haben Sie es ja auch noch nicht gelesen, Herr Jordi.
  5. Von Jordi am Donnerstag, 16.07.2009 @LustigeFrau: Eben weil sie es nicht sind, haben sie mich vielleicht an den Menschen erinnert. Wobei ich ja fürs Differenzieren bin: So wie es Tauben mit Stil und der nötigen Empfindsamkeit gibt, gibt es wohl auch solche Menschen.

    @Malven: Aufgrund meiner Aversion gegen den Taubenschlag steht Süskinds "Taube" nicht eben hoch im Kurs bei mir. Verpasse ich da etwas? Die Natur des Menschen lässt sich bei einem anderen Werk von Süskind studieren: "Das Parfum". Das habe ich atemlos gelesen - um nicht zu sagen gierig verschlungen.
  6. Von Jordi am Donnerstag, 16.07.2009 @caramba: Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen sich paarende Tauben - wie könnte ich auch. Von mir aus können sich die Tauben paaren, wo sie wollen. Es geht mir viel mehr um den Stil. Als Kulturfolger erwarte ich auch von Tauben ein gewisses Mass an Kultiviertheit.

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