Das 1,3 Liter-Wunder und für wie doof hält mich die Autoindustrie!

Markus Kellenberger | Freitag, 21.11.2008

Bevor ich mich ärgere, erst mal ein bitteres Geständnis. Mein ökologischer Fussabdruck ist ein wenig grösser als der meines Kollegen Jordi. Aber, tröste ich mich, ich bin auch ein bisschen älter und schwerer. Als Kompensation für unseren industrialisiert überdimensionierten ökologischen Fussabdruck schlage ich, quasi in Anlehnung an den so beliebten Emissionshandel vor, dass die Menschen in der 3. Welt Schuhe ab sofort und generell eine Nummer kleiner kaufen.

Zwei schlagende Argumente sprechen für diese klimafreundliche Lösung:
1. Wir können weiter machen wie bisher, und
2. die Menschen in der 3. Welt auch, denn viele von ihnen können sich sowieso keine neuen Schuhe leisten.

So! Verlassen wir das Kapitel Zynismus und kommen wir zur nackten Ironie. Audi wirbt für seinen Monsterwagen Q7 neuerdings mit dem Loha-Argument, er brauche nur 1,3 Liter Treibstoff pro Sitzplatz. Wow! So wenig?

Audi geht bei dieser Werbung grundsätzlich davon aus, dass potenzielle Kunden nicht rechnen können. Der Q7 hat - darum heisst er wohl so - sieben Sitzplätze, und das bedeutet: Die Karre säuft stolze 9,1 Liter. Das aber nur, wenn man das Gaspedal kaum berührt und die schwächste Motorisierung wählt. Aber gerade letzteres ist nicht des Schweizers Ding, denn in der Regel gönnt man sich ja ein bisschen mehr statt weniger, wie Autoverkäufer nur zu gut wissen.

Und: Haben Sie schon mal einen Q7 gesehen, in dem sieben Personen sassen? Ich nicht. In der Regel sitzt darin nur der Fahrer, meist mit weissem Hemd und Krawatte. Ich will aber nicht unfair sein - es soll auch schon eine Mutter vom Zürichberg gesichtet worden sein, die im Q7 ihr gepflegtes Wunsch- und Einzelkind ins Ballett und zurück chauffierte - das eigene Kind zu Fuss durch die Stadt zu schicken, ist wegen des dichten Verkehrs ja nun wirklich zu gefährlich.

An diesem Tag fuhr der Herr im weissen Hemd und Krawatte übrigens mit dem Zweitwagen, seinem vom Mund abgesparten Porsche Cayenne ins Büro. Aber deswegen - so die aktuelle Porsche-Reklame - braucht er sich nun wirklich nichts vorwerfen zu lassen. Im Gegenteil: Dass er sich für ein Auto entschieden hat, das laut Werbung "Sportwagen, Familienkutsche und Zugmaschine" in einem ist, beweist nur, wie bewusst er sich aufs nötige Minimum eingeschränkt hat. Und: Die Multifunktionalität des Wagens verzeiht auch dessen Verbrauch von Durchschnittlich 12,9 Liter (aber auch nur in der PS-lahmsten Variante, die niemand wirklich will!)

Seien wir ehrlich: Der Klimaschock - der ist heute nur noch für Realsatire gut. Oder sehen Sie das anders?

Bilder: © manwalk / PIXELIO

Tags (Stichworte): ÖkologieAutoEmmissionshandelKlimawandelQ7SUVUmweltschutzWerbung

Kommentare

  1. Von Stettler am Samstag, 29.11.2008 Wenn das Auto will - steht der Verstand still. Alles klar?
  2. Von AmeiPoensgen am Sonntag, 30.11.2008 Manches kommt einem tatsächlich vor wie Realsatire, vor allem dann, wenn es ums Auto geht. Dazu gehört für mich auch die 20 Minuten-Umfrage vom 24.11.08:
    Datum: 24.11.2008

    Zebrastreifen (13624 votes)
    Soll das Vortrittsrecht auf dem Zebrastreifen abgeschafft werden?
    Story

    Ja
    52 %

    Nein
    48 %

    Sind wir eigentlich noch zu retten? Werden wir erst zum Menschen, wenn wir uns mit Tonnen von Stahl umhüllen und ordentlich laut und stinkend durch die Strassen rollen? Gestern die Situation passte dazu: Ich im Auto ( ;-) ) halte an, weil ältere Dame vor mir über die Strasse geht. Nein, sie geht nicht, sie rennt quasi, denn ich, die Stärkere im Auto muss ja ihretwegen warten. Offensichtlich hat sie einen Hüftschaden, so richtig schnell wird sie nicht und ich habe Mitleid, will gar nicht, dass sie sich so eilt, warte gerne...
    Ein bisschen weiter parke ich mein Auto und komme zu Fuss zurück an die gleiche Stelle. Inzwischen sitzt besagte Dame im Auto und die junge Mutter mit Kinderwagen, die eben über den Zebrastreifen gehen will, kann nur noch einen Sprung zurück machen und den Kinderwagen von der Strasse ziehen, denn nun ist ja die ältere Dame mit ihrem Auto die Stärkere....

    Manchmal freue ich mich auf den Tag an dem unsere Ölreserven so weit zur Neige gegangen sind, dass wir alle wohl oder übel uns nur noch mit Bus, Bahn, Fahrrad oder zu Fuss fortbewegen können....
  3. Von Slartybart am Sonntag, 30.11.2008 @ Stettler: Nicht ganz so schwarz-weiss, bitte. Was für 70% der Stadtmenschen zutrifft, könnte vielleicht in ländlichen Gebieten ein bisschen anders aussehen. Ich bin aber auch ein Stadtmensch und frage mich schon, warum es 2 Tonnen Blech braucht, um 2 Gramm Hirni zu transportieren.

    Etwas vom perversesten in diesem Themenkreis sind aber wohl schon die handelbaren Zertifikate: Es ist ja toll, wenn in Costa Rica mit Solarenergie warmes Wasser erzeugt wird oder wenn in Südafrika eine Kläranlage Biostrom erzeugt. Aber dass ich, um dies zu ermöglichen, zuerst unsere Luft verdrecken muss, will mir irgendwie nicht ganz einleuchten. Dass uns mit Myclimate ausgerechnet Umweltwissenschaftler mit solch hirnrissigen Ideen einzulullen versuchen, ist schon ein unglaublich starkes Stück. Myclimate betreibt mit Rechnungsmodellen Selbstbefriedigung, derweil wir im eigenen Dreck nach Luft ringen. Hierzulande reicht es ja, in kritischen Zeiten mit grossem Tamtam Geschwindigkeitsbeschränkungen oder Wurstbratverbote zu erlassen und zusammen mit den Gletschern gleich noch unsere Hirne mit Folie luftdicht einzupacken, damit dieser Blödsinn nicht auch noch zu stinken beginnt.

    Es ist ja rührend, wenn sich Businesskunden ein Klimaschutzangebot wünschen, damit sie unbesorgt in der Welt herumflitzen können. Ich wünsche mir lediglich, dass endlich eingehalten wird, was wir uns selbst auferlegt haben: die Grenzwerte der Luftreinhalteverordnung nämlich. Dazu braucht es nicht noch mehr Rechnungsmodelle, dazu brauchts weniger Verkehr und mehr Verstand. Und die Ehrlichkeit, wenigstens ein Minimum dessen zu tun, was wir deklarieren. Wenn ein grosser Industriebetrieb in Winterthur seit Jahren in penetranter Weise freiwilligen CO2-Verzicht plakatiert und gleichzeitig Mitarbeitern, die von Winterthur nach Winterthur mit dem Auto zur Arbeit fahren, einen Gratisparkplatz zur Verfügung stellt, steht diese Firma Myclimate in nichts nach. Ich warte nur noch darauf, dass sich die beiden gegenseitig Zertifikate mit seitenfüllenden Unterschriften ausstellen und sich die Aufwendungen dafür vom Bundesamt für Umwelt vergüten lassen. Das wäre dann sozusagen aktiver Umweltschutz für Sesselfurzer.
  4. Von kellenberger am Sonntag, 30.11.2008 Die Story mit dem Zebrastreifen treibt mir die (Wutes)Röte ins Gesicht. Fast jeden Tag erlebe ich ähnliche Situationen - und dann noch diese überaus bekloppte Umfrage in "20 Minuten" mit dem superbekloppten, aber überhaupt nicht erstaunlichen Resultat.
    Gopfertammisiech! Ist es denn für Autofahrer so verdammt schwer, einen Fussgängerstreifen von weitem a) zu erkennen, b) Bremsbereitschaft zu erstellen und c) falls nötig auch einfach anzuhalten?
    Geht das Auto kaputt, wenn man einmal unnötigerweise anhält? Schadet es dem Getriebe, wenn man runter schalten muss? Oder schrumpft der Penis?
    Bis heute habe ich diese Diskussion rund um den Zebrastreifen nicht verstanden, denn es gibt keine einfachere Regel. Steht ein Mensch an einem Zebrasteifen, ist davon auszugehen, dass er über die Strasse will. Basta! Und will er dann doch nicht - so what?
    Vielleicht findet Slartybart eine Möglichkeit, CO2-Abgaben mit einem Bremsbonus am Zebrastreifen zu verbinden. Das wäre dann eine weitere tolle Möglichkeit, unser Umweltgewissen mit Fussgängersicherheit zu kombinieren.
  5. Von Slartybart am Sonntag, 30.11.2008 Ja, Herr Kellenberger, das ist verdammt schwer. Versuchen sie's doch mal selbst: Zeitung lesen, Geschäftsakten ordnen, Börsenkurse abhören, SMS schreiben, RülpsiCola in den Schacht kippen, das Lenkrad bedienen und mit beiden Füssen auch noch irgendwo draufdrücken... und dann kommt noch so ein komisches Signal: gelber Streifen zu einem Haus: Muss Werbung sein - keine Zeit dafür, jetzt gibt's wichtigeres! Geben Sie doch zu, dass Sie kein Supermann sind; Sie könnten das bestimmt auch nicht alles auf einmal.

    Dann: stellen Sie sich vor, was das Bremsen und wieder beschleunigen für Energie kostet! Da reden sie alle grün, und dann verlangen sie solches Zeugs. Schliesslich muss die Versicherung auch amortisiert sein und die Rettungskräfte würden sonst eh bloss Däumchen drehen... Für's Anhalten noch einen Bonus? En bas! Freie Fahrt für freie Bürger. Übrigens: Der Herr Haider war auch ein freier Bürger, immerhin bleibt uns dieser Trost.
  6. Von RetoStauss am Montag, 01.12.2008 Jetzt ist es also passiert: zum Glück waren die anderen Arbeitsplätze gerade unbesetzt, als ich rausprusten musste.

    Ich finde es unerträglich, dass eine eher biedere Zeitschrift einen tatsächlich lesenswerten Blog betreibt, der die ach-so-hippen grünen Themen locker und ironisch angeht. Und auch noch über eine kleine, feine Kommentatorenschaft verfügt, die ins gleiche Horn bläst ...

    Wirklich unerträglich. Dafür <a href="http://nachhaltigbeobachtet.ch/blog/archive/2008/12/01/oekos-sind-nicht-alle-unlustig.html">das</a>.
  7. Von walnuss am Donnerstag, 18.12.2008 Vielleicht sollte man anstatt der Fussgängerstreifen einfach
    Fussübergänge bauen, mit 2er-Parkbanken drauf, kleinen Kiosken mit Zeitschriften und an allen 10m eine Sauerstoffflaschen-Bar für allzu bleiche Schadstoff-Geschädigte. Und um der Natur einen kleinen Gefallen zu tun, vielleicht mit vielen tollen Blumentöpfen, gefüllt mit Busch und Sträuchern. Das wiederum schafft einen neuen Arbeits-Platz. Den Fussgänger-Übergang-Gärtner mit Besen und Abfall-Sack. Oder vielleicht lässt sich diese Arbeit auch im sozialen Bereich unterbringen...Und für eine fröhliche Gestaltung lassen wir Kinder und Alte zu Worte kommen. EinzelkünstlerInnen, Freiwillige.
    Ich bin grundsätzlich für ganz neue Lösungsansätze.

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