Burkhalters "Ja aber" zur Komplementärmedizin

Markus Kellenberger | Donnerstag, 13.01.2011

Warum nur hat es die Komplementärmedizin so schwer? Das Volk will sie in der Grundversicherung. Die Eidgenössische Leistungskommission will sie nicht in der Grundversicherung. Bundesrat Didier Burkhalter will sie in der Grundversicherung. Die Grundversicherer wollen sie eher nicht in der Grundversicherung. Ein elendes Hin und Her, das jetzt mit einem vorläufigen Machtwort des Gesundheitsministers ein zeitlich begrenztes Ende gefunden hat. Ab 2012 werden Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie, Phytotherapie und die TCM wieder in die Grundversicherung aufgenommen. Aber nur bis 2017, denn in diesen sechs Jahren müssen die Vertreter der Komplementärmedizin deren Wirksamkeit beweisen. Das wird hart.

Hart darum, weil vieles, was die Stärke der Naturheilkunde ausmacht, im Labor nicht messbar ist. So zum Beispiel die Stärkung der Selbstheilungskräfte, die bei Methoden wie der Homöopathie, der Spagyrik oder bei Bach-Blüten eine wichtige Rolle spielen. Wurde der Patient gesund, weil die Globuli wirkten - oder weil er an deren Wirkung glaubte? Den Labortest möchte ich sehen, der diese Frage zweifelsfrei beantwortet.

Aber genau diese Frageund noch ein paar dazu werden entscheidend sein, ob nach 2017 alle fünf Methoden der Komplementärmedizin weiter in der Grundversicherung bleiben dürfen - oder ob einige wieder rausfliegen. Entscheiden wird das unter anderem die Eidgenössische Leistungskommission ELGK), die sich bisher auf den Standpunkt stellt, dass die Komplementärmedizin die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit, welche das Krankenversicherungsgesetz verlangt, nicht erfüllen.

Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit, kurz WZW, sind also das Mass aller Dinge. Schulmedizin und Pharma erfüllen diese Kriterien, behauptet die ELGK, und stützt sich dabei bequem auf allerlei Studien. Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit - so, so! Wenn diese drei Kriterien auf Schulmedizin und Pharma zutreffen, dann stellen sich mir einige Gegenfragen. Zum Beispiel:

• Warum gibt es dann jedes Jahr mehr Patienten, die in die Arztpraxen strömen?

• Warum werden unsere Spitäler immer voller statt leerer?

• Warum verkauft die Pharma Jahr für Jahr mehr Pillen (ohne dass es deswegen mehr Gesunde gibt)?

• Warum braucht es immer mehr Ärzte und Pflegepersonal?

• Warum gibt es immer mehr Kaiserschnitte statt natürliche Geburten?

Der Gerechtigkeit halber müssen dieselben Fragen auch der Komplementärmedizin gestellt werden. Denn in den letzten Jahren sind unzählige Therapeuten und neue Produkte auf dem Markt aufgetaucht. Würde die Komplementärmedizin so ganzheitlich betrieben, wie  deren Vertreter nicht müde werden zu behaupten, müsste zumindest in diesem Bereich eine deutliche Verbesserung der Volksgesundheit zu beobachten sein - und die Umsätze in der Naturheilkundebranche müssten eigentlich sinken, doch wie bei der Schulmedizin und der Pharmaindustrie ist auch hier das Gegenteil der Fall.

Weil das so ist, komme ich zur abschliessenden und hoffnungslosen Diagnose: Unser ganzes Gesundheitswesen ist krank - und macht uns krank!

Fotos: Wonderlane / flickr / cc, AmxSelleck / flickr / cc


Kommentare

  1. Von Holliger am Mittwoch, 26.01.2011 Gerne wüsste ich von Herrn Kellenberger, wann und wo die ELGK behauptet haben soll, dass die Schulmedizin und Pharma dieses offensichtliche Mass aller Dinge - die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit - erfüllen. Dies ist ja keineswegs der Fall, sonst hätte ja der – inzwischen leider bereits verstorbene - ehemalige Präsident der FMH-Ärztevereinigung und für kurze Zeit Vizedirektor im Bundesamt für Gesundheit, Hans-Heinrich Brunner, nicht angeordnet, dass auch die schulmedizinischen Leistungen in der Grundversicherung regelmässig auf diese drei Kriterien hin überprüft werden müssen. (Kurz darauf war er übrigens nicht mehr beim BAG!)
    Das meiste davon hat sich doch wie bei der Komplementärmedizin schlicht und einfach in der Praxis mehr oder weniger gut bewährt und ist - im Gegensatz zur Komplementärmedizin - diskussionslos in die Grundversicherung aufgenommen worden. Da wird nun also von der Komplementärmedizin etwas verlangt, das die Schulmedizin nicht flächendeckend erbringen musste und dies, obwohl sämtliche staatliche Forschungsgelder in diese Schulmedizin fliessen! Und als alt Bundesrätin Ruth Dreifuss ausnahmsweise sechs Millionen Franken in das Forschungsprojekt Evaluation Komplementärmedizin PEK investierte, hat ihr Nachfolger Pascal Couchepin die Studien abgewürgt und die Publikation verhindert, weil die Resultate äusserst positiv ausgefallen sind.
    Mit der von Herrn Kellenberger gezogenen Schlussfolgerung bin ich überhaupt nicht einverstanden. Nicht «unser ganzes Gesundheitswesen ist krank - und macht uns krank!», sondern dieses kann doch gar nicht gesund sein und werden, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse absolut krank sind. Hier müsste der Hebel an der Wurzel angesetzt werden, denn wenn im Konkurrenzkampf des Wirtschaftslebens die Menschen bis zum Letzten ausgepresst und in einer zunehmend belasteten Umwelt geschädigt werden, können doch diese Menschen nur immer kränker und das Gesundheitswesen immer teurer werden! In Anbetracht dessen die fehlende Verbesserung der Volksgesundheit nun auch der Komplementärmedizin vorzuwerfen, wie es Herr Kellenberger tut, finde ich deshalb nicht nur völlig falsch, sondern bösartig.
    Dass in den letzten Jahren «unzählige Therapeuten und neue Produkte auf dem Markt aufgetaucht» sind, würde ich jedoch nicht bestreiten. Die Alternativmedizin ist natürlich auch ein Wachstumsmarkt, der von vielen schamlos ausgenützt wird. Aber mit seriöser, von Ärztinnen und Ärzten mit FHM-Fähigkeitsausweis ausgeübter Komplementärmedizin hat dies wenig zu tun. Und nur darum geht es bei der Wiederaufnahme der fünf Methoden in die Grundversicherung!
  2. Von Slartybart am Donnerstag, 27.01.2011 Zweifellos ist unser Gesundheitswesen krank, allerdings nicht kränker als wir selbst. Der jüngste Entscheid des Bundesrats ist zwar löblich, löst aber gar kein Problem. Abgesehen von Gehässigkeiten, die Politik und Medien wieder vermehrt beschäftigen werden, wird nicht viel in Richtung Heilung passieren. Heilung fängt im Kopf an, hat mit Selbstverantwortung und Verzicht zu tun, nicht mit Konsum. Solange wir eine Leistung nur dann in Anspruch nehmen, wenn sie von jemand anderem bezahlt wird, unterstützen wir bloss das kranke System. Dem kranken Körper täte Zuwendung besser - oder ein Kamillentee, angewandte Phytologie, die ohne Aspirinheiland und Krankenkassenbonzen auskommt.

    @Holliger: Mit Ihrem letzten Satz schneiden Sie ein Thema an, das altgediente Therapeuten in Rage bringt. Ich hoffe sehr, dass Sie das «seriös» nicht mit dem FMH-Fähigkeitsausweis verknüpfen. Es darf nämlich nicht sein, dass ein Arzt, nur weil er einen wissenschaftlichen Hintergrund hat, sich nach einer Wochenend-Schnellbleiche zu Praktiken befähigt fühlt, die zwingend jahrelange Erfahrung erfordert. Erfahrungsmedizin beinhaltet ganz zentral eine Zeitkomponente, die nichts mit intellektueller Leistungsfähigkeit oder einem Titel zu tun hat.

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