autoemocion

Andres Jordi | Donnerstag, 19.03.2009

Für mich ist ein Auto ein Auto ein Auto. Ein nicht besonders intelligentes Fortbewegungskonzept aus Zeiten der Industrialisierung, eigentlich bloss eine weiterentwickelte Dampfmaschine. Kohlezeitalter. Nun, das könnte man von der Eisenbahn auch sagen, aber darum geht es jetzt nicht. Für mich ist ein Auto im besten Fall ein Fortbewegungsmittel, ein bisschen viel Blech um Nichts, auf keinen Fall aber eine Angelegenheit des Herzens, die dieses höher schlagen lässt. So habe ich das beschlossen.

Nun scheint es Menschen zu geben, für die das Mobilitätsfossil offensichtlich mehr darstellt: ein Gefühlsobjekt (vielmehr -subjekt), ein Lebewesen. Diese autoemoción macht auch nicht vor meinen Freunden halt. So hat mein lieber Freund M. kürzlich einen Landrover, Modell Defender, erstanden – aus echter Liebe. Immerhin auch einer, der die Liebe lebt. Man muss vielleicht noch anfügen, dass M. nicht etwa als Förster Baumstämme aus dem Wald schleppen muss, er ist Bürolist. Oder meine Freundin B.: Beim Anblick einer antiquierten Corvette (irgendetwas in dieser Art muss es sein) kriegt sie weiche Knie und verliebte Augen.

In solchen Momenten fühle mich jeweils sehr alleine mit meinem GA im Sack. Mir fehlt das Autogen oder das autogene Training. Oder meinen Freunden das Ökogen.

Wobei: Glaubt man dem Lohasheftli SI Grün, lässt sich auch mit viel Hubraum grüner leben. Mit geschwellter Brust präsentiert der Präventivmediziner der Nation, Felix Gutzwiller, dort seine ökologische Heldentat: sein riesiges Saabmonster, das er mit Bioethanol füttert. Noch besser der Architekt von Minergiehäusern, der einen noch riesigeren Hummer fährt und ihn – mir wird warm ums Herz bei so viel Umweltbewusstsein – klimakompensiert. Ich dachte, Grün sei die Farbe der Hoffnung, nicht der Scheinheiligkeit. Da bleibt mir nur noch diese Hoffnung: http://www.menschenfreundlicher.ch/d/initiative/. Und bei meinen Freunden – es sind ja meine Freunde – versuche ich mich währenddessen in Toleranz zu üben, schwärme über das Privileg des Zugfahrens und erwähne bisweilen diese Liste. In der Hoffnung, dass die Hoffnung doch grün ist.

Bild: magicpen / PIXELIO

Tags (Stichworte): AutoLOHASMarketingMobilitätWerbung

Kommentare

  1. Von LustigeFrau am Montag, 23.03.2009 Schöne Autos und schöne Menschen haben etwas gemeinsam: sie sind irrelevant. Sie könnten genauso gut hässlich sein und würden ihren Zweck trotzdem erfüllen. Welchen Zweck? Für die Welt sind beide nicht von Bedeutung.
    Wenn jetzt aber jemand kommt und Freude hat an einem schönen Ding - egal ob an einem Auto oder an einem Mensch - dann ist das für die Welt von Bedeutung. Denn nur eine freudvolle Existenz ist wirklich ein Leben, alles andere ist Vegetation.
  2. Von caramba am Dienstag, 24.03.2009 Objektophil nennt man die innige Liebe zu einem Gegenstand. Das habe ich am Sonntag gelernt. Ganz so intim wird die Liebe zu den fahrenden Leidenschaften Ihrer beiden Kollegen M. und B. vermutlich nicht sein. Wie stark identifizieren wir uns doch mit belanglosen Gegenständen, während uns Zwischenmenschlichkeiten schnell mal peinlich werden. Betrachte ich ein Auto, einen Baum oder eine Kaffeetasse, dann fallen mir alle möglichen Würdigungen ein. Ich finde den Gegenstand vielleicht schön, kraftvoll oder elegant. Ich strecke die Hand aus, weil ich mit dem Finger einer Linie folgen möchte, die mir besonders gut gefällt. Wenn ich aber einem Menschen ein ehrliches Kompliment über sein Wesen machen möchte, gerate ich ins Stocken. Wann habe ich meiner Freundin N. das letzte Mal gesagt, dass ihr Lachen sie einzigartig macht? Oder meiner Kollegin A. dass Sie ein ausserordentliches Flair für Farben und Formen hat, und ich sie deshalb gerne um Rat frage? Dass ich immer wieder verblüfft bin, wie klar G. seine Gedanken in Worte fassen kann? Wenn ich trotzdem mal ein Kompliment platziere, wird jeder verlegen. Eine Bemerkung über das Auto ist diesbezüglich sicherer- das triebt keine Schamröte ins Gesicht. Es nährt vielmehr den Besitzerstolz.
  3. Von LustigeFrau am Dienstag, 24.03.2009 @caramba: Polygamie ist der Schlüssel! Wäre nämlich mein Auto eifersüchtig auf mein Halbtax, hielte sich die Objektophilie rasch in engen Grenzen.
  4. Von Jordi am Mittwoch, 25.03.2009 @LustigeFrau: Ich würde die Vegetation auch zum Leben zählen - was sonst ist Leben, wenn nicht die Vegetation. Wer also vor sich hin vegetiert, lebt erst richtig, wäre dann die konsequente Schlussfolgerung - ein Grund allen Autophilen ihr Spielzeug wegzunehmen, damit sie ein bisschen vegetieren dürfen. Und Vegetarier sind wohl der Inbegriff des Lebendigen.

    @caramba: Ich glaube, Sie unterschätzen die Objektophilie von M. und B.! Ich finde zudem, dass gewissen Autonarren ein Kompliment für Ihre Dreckschleuder durchaus die Schamröte ins Gesicht treiben müsste. Als stolzer Besitzer eines GAs habe ich übrigens dafür noch von keiner schönen Frau (abgesehen von der SBB tatsächlich noch von gar niemandem) ein Kompliment erhalten. Dabei liesse sich doch auf der Basis der GA-Philie wunderbar Kontakt knüpfen.
  5. Von caramba am Mittwoch, 25.03.2009 @LustigeFrau: Irgendwo hat die objektophile Polygamie aber auch ihre Grenzen. Nämlich dort, wo die Zwischenmenschlichkeit beginnt. Mal angenommen Ihr Partner verbringt den ganzen Samstag mit Autowaschen und Polieren- aus reiner Liebe. Und Sie würden lieber mit ihrem Halbtax, inklusive dem Halbtax ihres Mannes, einen Ausflug machen. Vielleicht um sich der freudvollen Existenz einer schönen Stadt zu erfreuen. Vielleicht um mit Ihrem Mann zusammen zu sein. Da beginnt doch bereits wieder die Menschlichkeit. Diese steht immer vor (oder zwischen?) der Gegenständlichkeit.

    @Jordi: Schamröte müsste meines Erachtens nur schon der alleinige Besitz einer Dreckschleuder ins Gesicht treiben. Doch solange das Auto Co2-kompensiert ist, bleibt die Weste ja weiss... Stellen Sie sich mal vor, all die Autophilen würden mit roten Köpfen dastehen. Da würden Sie gleichgesinnte GA-phile Schönheiten an der edlen Blässe erkennen und können sich von Ihrer allerbesten Seite präsentieren, damit ihr vielleicht ein Kompliment über die Lippen perlt.
  6. Von Jordi am Mittwoch, 25.03.2009 Wie es der Zufall wollte, ist mir vorhin mein lieber Freund M. über den Weg gelaufen (nicht gefahren, was ja schon einmal löblich ist) - mit hochrotem Kopf. Nein, nicht aus Scham, sondern weil er sich über all die Ökofundis aufregt, die seinen Landrover pauschal als Dreckschleuder bezeichnen. Dabei erfülle er zum Beispiel die Abgasnorm Euro 4. Usw.
  7. Von LustigeFrau am Mittwoch, 25.03.2009 Mit dem Rennvelo bin ich oft auf der Strasse unterwegs, die Nase auf Auspuffhöhe. Das lässt sich leider nicht vermeiden, weil die ausgeschilderten Radwege plötzlich zu Kieswegen werden - aber das ist eine andere Geschichte. Also, da fahre ich mit dem Velo, und möchte mich abreagieren vom Alltag. Stattdessen ärgere ich mich von neuem, insbesondere über Dieselautos. Und natürlich über Lastwagen und Tranktoren, aber die sind anscheinend nicht soo böse wie die Autos, denn sie sind nützlich und Autos nicht. So jedenfalls interpretiere ich die Darstellung von einigen Öko-Fundis. Aber ich möchte nicht (allzu) polemisch werden, darum erzähle ich lieber weiter vom Rennvelo. Ich pedale also auf der Strasse und höre von hinten ein Geräusch. Wenn es langsam lauter wird, ist es entweder ein "düdelüü" aus einem effektlackierten Subaru mit Spoilern (der übrigens extra Gas gibt, wenn er einen Velofahrer sieht, aber das ist nochmal eine andere Geschichte) oder ein "tschtschtsch" von einem Oldtimer. -- Was mir lieber wohl lieber ist?
  8. Von Malven am Donnerstag, 26.03.2009 Wie ich sehe, gehts hier nicht nur um Autos, sondern auch um Besitzerstolz, Schamröte und Vegetation.
    Und das ist es, was mich gerade bewegt, Herr Jordi: Mich hats heute morgen fast aus den Socken gehauen, noch bevor ich sie anhatte. Ich habe eine Bromelie zum Blühen gebracht!
    Es war ein Ableger, seit Jahrezehnten einfach nur grün und nochmals grün! Seit einem Jahr bekommt sie allerdings Regenwasser und das nicht in die Erde sondern in den Kelch der Blätter hinein! Weil im Urwald ist das schliesslich auch so. Jetzt habe ich eine zauberhafte rosarote Blüte entdeckt! Heute morgen erst. Ich bin sicher, dass die Pflanze jetzt blüht, ist mein Verdienst!
  9. Von Jordi am Donnerstag, 26.03.2009 @Malven: Gratuliere! Ich freue mich mit Ihnen. Wenn man Autos dereinst mit Regenwasser betanken könnte und sie sogar zum Blühen bringen würde, könnte ich mich vielleicht doch noch für einen Landrover oder eine Corvette erwärmen. Bis dahin erwärmen diese weiter unser Klima und Sie, liebe Malven, betreiben mit Ihrem Regenwald CO2-Kompensation. Sie sind ein guter Mensch!
  10. Von Jordi am Donnerstag, 26.03.2009 Übrigens, für all jene, die autofrei glücklicher leben: Unter http://www.clubderautofreien.ch/ finden Sie ein Zuhause ohne Doppelgarage, dafür mit Umschwung für Hühner - und Eier aus artgerechter Haltung.
  11. Von kellenberger am Donnerstag, 26.03.2009 Auf die Gefahr hin, gesteinigt zu werden: Ich liebe Autos! Und ich bin stolz auf meins!
    Ich liebe aber auch meine Wanderschuh! Und ich bin stolz auf sie!
    Und Hühnereier mag ich nicht.
  12. Von LustigeFrau am Freitag, 27.03.2009 Ich werde Ihnen dafür höchstens einen Stein in den Garten werfen.
    Obwohl... stolz sein auf ein Auto, das ist nun sogar mir etwas zu viel Gefühlsdusel-Ei!
  13. Von Jordi am Freitag, 27.03.2009 @kellenberger: Da wir weder im Mittelalter noch bei den Taliban leben, werden wir Sie nicht steinigen und nicht mal mit faulen Eiern bewerfen. Und wir wissen ja nicht einmal, was für ein Auto Sie fahren. Vielleicht gehören Sie diesbezüglich ja zur Ökoelite und sind drum stolz.
  14. Von kellenberger am Freitag, 27.03.2009 ...heisse Röné - säge nüt!

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