«Zur Hölle mit Fakten! Wir brauchen Geschichten!»

Rita Torcasso | Ausgabe_12/2016

Nonstop werden uns News um die Ohren gehauen; die Informationsflut ist gigantisch. Das Erzählen von persönlichen Geschichten hingegen ist seltener und darum kostbar geworden. Erzählcafés stillen unseren Durst nach wahren Geschichten. Das kann heilsam sein.

@ Lina Hodel

Mit seinem gemütlichen Wohnzimmer-Charme der 50er-Jahre ist das Kulturcafé in Baden der passende Ort für die Rückschau in die Vergangenheit. Elf Frauen und zwei Männer hören zu und erzählen. Heimweh- und Fernwehgeschichten sind an diesem Montag Thema. Es fallen Sätze wie «Ich habe gelitten wie ein Hund» oder «Erst jetzt im Alter weiss ich, wie sich Heimweh anfühlt». Einer erzählt, wie er aus Fernweh mit 23 Jahren auf einem Hochseefrachter anheuerte. «Wenn wir auf See waren, hatten wir Heimweh nach dem Hafen und den Frauen. Nach zwei Wochen auf dem Festland trieb uns die Sehnsucht nach Weite wieder aufs Meer hinaus.» «Längi Zyt» treffe besser, wonach man sich sehne, meint eine Frau und schildert, wie sie mit 25 Jahren vorübergehend nach Kanada auswanderte. «Schon im Flugzeug fand ich eine wunderbare Gastfamilie. Heute habe ich ‹längi Zyt› nach ihnen.»

Es sind bewegende, komische, tiefsinnige und immer sehr persönliche Geschichten, die an diesem Nachmittag die Runde machen.

Erzählen macht gesund. Organisator des Erzählcafés ist der Seniorenrat Baden; die Idee kam von Karin Wrulich, einer der beiden ehrenamtlichen Leiterinnen. «Unsere Themen führen wie ein roter Faden durch die eigene Biografie.», erklärt sie. Gestartet wurde vor zwei Jahren mit dem Thema «Das erste Mal». Es folgten «Wie sich ein Wunsch erfüllte», «Von welchem Beruf ich träumte und was ich wurde» oder «Mein Ritual».

Solch persönliche, ja geradezu intime Themen wecken mannigfache Erinnerungen. Deshalb gelten im Erzählcafé klare Regeln: Erzählen ist freiwillig; wer erzählt, wird nicht unterbrochen, ausser man schweift vom Thema ab; es werden keine Bewertungen oder Kommentare abgegeben; alle Geschichten sind vertraulich.

Selbstbewusstsein stärken. Forschungsergebnisse zeigen tatsächlich, dass Erzählcafés Wohlbefinden und Gesundheit fördern können: zum einen bilden sie ein soziales Gruppenbewusstsein, zum andern bieten sie die Gelegenheit, Erlebtes zu verarbeiten, sich zu öffnen und zeigen – und wahrgenommen zu werden. Altenpflegerinnen berichten, dass nach einer Erzählrunde der Bedarf an Beruhigungs- und Schlafmitteln geringer sei.

Auch die Basler Professorin für Gerontopsychiatrie Gabriela Stoppe ist sicher, dass das Erzählen im Alter eine «enorme seelenstärkende Wirkung» hat. Ebenso ist der Hausarzt Michael Deppeler überzeugt von der Heilsamkeit der Erzählcafés. Seit zwölf Jahren veranstaltet er unter dem Label «dialog-gesundheit Schweiz» grosse Erzählrunden, an denen Patienten, aber auch Fachpersonen aus Medizin und Politik teilnehmen. «Erlebte Geschichten wirken wie ein Band, das Zuhörende einbindet und auch verpflichtet», erklärt Deppeler. Das Thema für die fünf Foren in diesem Jahr lautete «Das Fremde in und um uns». Die protokollierten Lebenserzählungen will Deppeler ab 2017 in Jahresbüchern anonymisiert veröffentlichen. Seit fünf Jahren bietet auch die Rheumaliga Zürich Erzählcafés an. Leiter Dominique Schwank erklärt: «Die Patienten vergessen im Erzählcafé ihre Krankheit. Dabei ist das Zuhören ebenso wichtig wie das Erzählen.» Selber Erlebtes mit andern zu teilen stärke das Selbstbewusstsein und vermittle ein wertvolles Gemeinschaftsgefühl. Das gilt über Generationen hinweg: Die Teilnehmerinnen sind zwischen 50 und 85 Jahre alt.

«Erzählcafés, vor allem mit alten Menschen, sind lebendige Archive des Lebens», sagt Johanna Kohn, Gründerin des Netzwerks Erzählcafé Schweiz. «Es wird Wissen überliefert, das sonst verloren ginge – Alltagswissen, Überlebensstrategien, Rezepte, Wissen über Berufe oder Orte, die es nicht mehr gibt ausser in der Erinnerung.» Das Führen eines Erzählcafés sowie die Biografiearbeit mit alten oder kranken Menschen seien sehr anspruchsvoll, so Kohn. Die Universität Fribourg bietet den Nachdiplomstudiengang «Lebenserzählungen und Lebensgeschichten» an. «Im Zentrum des Lehrgangs steht die Lebenserzählung als Weg der Erkenntnis, des Erschaffens von Sinn, Wissen und Möglichkeiten auf individueller und gesellschaftlicher Ebene», heisst es in der Ausschreibung.

Kulturgut Geschichten erzählen
. Ganz auf das Erzählen konzentriert sich die Kulturplattform «Wahre Geschichten – live erzählt». Mit den Geschichten sollen persönliche Erfahrungen weitergegeben werden. «Jeder ist eingeladen, das Publikum mit einem bewegenden Erlebnis zu fesseln», lockt Felix Kaiser. Am 13. November fand der Kulturevent mit fünf Erzählern zum Thema «Zufall» statt. Bisher traten an die hundert Geschichtenerzähler auf die Bühne – meist vor ausverkauften Reihen.

Erzählen war früher ein wichtiges Kulturgut. Im 18. Jahrhundert öffneten Adlige ihre Salons, damit Menschen Geschichten austauschen konnten. Heute wird diese Tradition wieder belebt. Einer der zahlreichen Initiativen ist der Kultursalon «That’s Attitude» in Zumikon. Er will mit persönlichen Geschichten Mut und Zivilcourage im Alltag fördern. «Mir geht es darum, dass die Besucher eine eigene Haltung finden und für diese einstehen können», erklärt die Initiantin Cornelia Faist. Üben kann man das an Themenabenden wie «Biografie versus Autobiografie: Über das Leben lügen?» mit Inputs aus Literatur, Theater und Musik. 70 bis 100 Menschen strömten an die bisher fünf Salons, die meistens in privaten Wohnräumen der Siedlung stattfinden, in der Cornelia Faist lebt.

Veranstaltung
Werkstattgespräch 3
Das Erzählcafé auf dem Prüfstand. Macht erzählen gesund? 8. Februar 2017 in Zürich, www.erzähl-cafe.ch

Illustrationen: Lina Hodel

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