Zum Wohl!

Remo Vetter | Ausgabe_06/2017

Das Beste für die Gesundheit? Gärtnern! Davon ist Remo Vetter überzeugt. Sein grösster Luxus: Frisches aus dem Garten zubereiten und mit Freunden geniessen.

@ istockphoto.com, zvg

Als wir vor 35 Jahren den Garten des Naturheilkunde-Pioniers Alfred Vogel übernommen haben, hat unser alter Nachbar nur den Kopf geschüttelt, als ich ihm auf seine Frage, was wir anzubauen gedenken, erwidert habe: Artischocken, Tomaten, Auberginen, alte Kartoffelsorten, Spargeln, Kürbisse, Apfelbäume, alte Rosensorten, Basilikum, Rosmarin, Zitronenstrauch und viele andere. Das kommt hier alles nicht, meinte er (Appenzeller sind keine Gärtner, hier wächst Milch!), worauf ich antwortete: «Wenn du glaubst, dass es nicht geht, dann geht es auch nicht.» Aber wir glauben nun einmal, dass es geht. Natürlich gibt es auch bei uns im Garten, wie im Leben, Rückschläge. Doch wir Gärtner sind Optimisten. Wir erfinden uns immer wieder neu.

Wir wussten schon damals, dass das, was wir im Garten ernten, besser sein muss als das Herkömmliche aus dem Laden. Wir waren aber keine Aussteiger. Aussteiger steigen aus, aber nirgendwo wieder ein. Unser Gemüse zu produzieren, Quark, Joghurt und Käse zu machen, eine Kuh, Ziege oder ein Milchschaf zu melken und zu scheren, die Wolle zu karden, weben und verstricken und damit unsere Kleidung zu produzieren, das war seinerzeit unser Ziel – und ist heute vielleicht wieder aktueller denn je.

Wer kann melken? Wir stellen bei Besuchern unseres Gartens oftmals fest, dass sie nicht wissen, wie eine Kartoffel wächst. Am Busch? Und woher kommt die Milch? Aus dem Supermarkt! Manche Stadtkinder haben noch nie eine Kuh, einen Kartoffelacker oder ein Erdbeerfeld gesehen. Und Hand aufs Herz – wer von Ihnen kann melken?

Ich glaube, dass in vielen Menschen ein Verlangen nach Schönem und ein leidenschaftlicher Gestalterwille stecken. Dieses Verlangen kann in der Arbeitswelt oft nicht befriedigt werden – im Garten hingegen schon. Ein Garten ist ein Raum zur Selbstverwirklichung, die nicht auf Kosten der Mitmenschen geht. Gärtner haben etwas nie verloren oder im Umgang mit den Pflanzen wiedergefunden, was den meisten Menschen am Ende ihrer Kindheit abhandenkommt: die ungetrübte, ungekünstelte, unbefangene Freude, die so ansteckend wirkt.

Gärten bieten vielen Menschen einen Ausgleich zum hektischen Alltag. Für sie gilt der Spruch: Ein Tag im Garten ist wie eine Woche Ferien. Der Garten wird zum Ruheort, zum «safe space», und manch ein gestresster Manager kann hier seine Batterien wieder aufladen. Ich wage die Aussage, dass Menschen, die Zeit in der Natur oder im Garten verbringen, glücklicher und zufriedener sind als andere. Denn nichts ist so heilend wie ein Garten.

Ausfugstipp
Tag des offenen A. Vogel-Heilpflanzen-Schaugartens Samstag, 17. Juni 2017, 10 bis 16 Uhr in Teufen AR Kommen Sie vorbei und geniessen Sie einen herrlichen Tag mitten in der Natur mit Panorama des Alpsteins. Wir freuen uns auf Ihren Besuch! Infos: www.avogel.ch

Gärtnern schützt vor Burn-Out. Gärtnern erspart mir viel Zeit und hält mich gleichzeitig fit. Ich muss nicht erst ins Auto steigen und zu irgendeinem Supermarkt fahren. Das Gärtnern erspart mir auch das Fitnesszentrum. Und es strapaziert unser Haushaltbudget wesentlich weniger, als wenn wir auf «Shoppingtour» gehen.

Banker und Manager müssten eigentlich Gärtner sein – oder zumindest ein Gartenseminar bei uns besuchen. Denn beim Gärtnern geht es nicht um den schnellen Gewinn. Ein Baum braucht Zeit, bis er Früchte trägt (ich spreche hier nicht von Spalierbäumchen, die ihre Last kaum tragen können und nach wenigen Jahren erschöpft sind). So sollten auch Banker und Manager längerfristige Szenarios verfolgen. Lernen könnten sie das im Garten, wo nicht nur die Baumfrüchte, sondern auch das Gemüse Zeit braucht, um zu gedeihen. Im Garten können wir nur bedingt manipulieren; und wir sind der Natur und den Jahreszeiten ausgesetzt.

Im Garten gibt es keine faulen Kredite, höchstens hin und wieder ein paar faule Früchte. Und als Gärtner stehe ich unmittelbar in der Verantwortung: Habe ich die Natur nicht genug beobachtet, die Pflanzen nicht gepflegt, werde ich eine schlechte Ernte einfahren. Doch die Natur gibt uns jedes Jahr die Chance, von neuem anzufangen – und es stets ein bisschen besser zu machen.

Jede gute Beziehung, die wir leben, sei es zu anderen Menschen, Tieren oder Pflanzen, erfüllt uns mit Sinn. Sinn vermittelt Kraft; Sinnlosigkeit entzieht Kraft. Das ist mit ein Grund für das Ausbrennen, das «Burn-out», unter dem so viele Menschen leiden.

Tipps für die Garten-Hochsaison
Kompostbeschleuniger: Brennnessel und Beinwell enthalten viel Stickstoff. Die Brennnessel liefert zudem Kieselsäure und Vitamin C, Beinwell liefert vor allem auch Kali.
• Monokulturen sind viel anfälliger als Mischkulturen. Pflanzen Sie deshalb Blumen, Kräuter und Gemüse in Mischkultur an.
• In einem gesunden Garten machen Schädlinge kaum Probleme. Züchten Sie starke, robuste Pflanzen. Wählen Sie widerstandsfähige einheimische Sorten und treiben Sie diese nicht unnatürlich schnell zum Wachstum an.
• Pflegen Sie den Gartenboden (das erste Immunsystem) «proaktiv» mit Brennnessel- und Beinwellauszügen. Auf einem gesunden Boden wachsen gesunde Pflanzen – und die produzieren gesunde Früchte für gesunde Menschen.
Arbeiten Sie mit biologischem unbehandeltem Saatgut und einheimisch angebauten Jungpflanzen, denn diese sind viel robuster als importierte Gewächse.
• Bieten Sie Nützlingen und Insekten wie Wildbienen, Igeln, Marienkäfern oder Fledermäusen Nist- und Unterschlupfmöglichkeiten an. Die Natur reguliert sich in einem einigermassen intakten Umfeld von selbst. Fatal auf dieses Gleichgewicht wirkt sich der Einsatz von chemischen Vernichtungsmitteln aus: Viele Schädlinge sind gegen Pestizide und Insektizide resistenter als unsere natürlichen Helfer.
• Pflanzen Sie nicht zu dicht, damit Luft und Licht zwischen den Pflanzen zirkulieren kann. Damit fördern Sie ein gesundes Wachstum.
• Regenerieren Sie Brachflächen und ungenutzte Beete permanent mit Gründüngungseinsaaten wie z. B. Phacelia (Bienenweide)
• Gegen Läuse: 1 l Wasser mit 20 ml Spiritus und 20 ml Gallseife mischen. Direkt auf die Läuse spritzen.
• Gegen Schnecken: Karton flach in einer dunklen Ecke des Gartens auf den Boden legen. Den Karton feucht machen. Wenn mit Eiern besetzt, Karton wegwerfen und einen frischen feuchten Karton hinlegen.
• Gegen Ameisen: Bei trockenem Wetter eine Prise Backpulver vermischt mit einer Prise Zimt auf die Laufwege der Ameisen streuen.
• Gegen Grauschimmel im Erdbeerbeet: Zwischen die Erdbeeren Zwiebeln oder Lauch pflanzen.
• Jeder Gärtner sollte gutes Werkzeug besitzen und dieses liebevoll behandeln, so wie ein Küchenchef seine Messer pflegt oder ein Musiker sein Instrument, denn mit gutem Werkzeug macht das Arbeiten viel mehr Freude.
• Gärtnern soll Freude machen! Legen sie den Garten deshalb nur so gross an, dass sie nicht dauernd der Arbeit hinterherhetzen müssen.

In Dankbarkeit üben. Was uns im Umgang mit Bäumen, Insekten und Pflanzen so beglückt, ist, dass diese nicht über uns urteilen. Sie haben keine wertende Meinung über uns. In der Naturerfahrung trete ich mit offenen Sinnen und wachem Geist mit einer Pflanze oder einem Tier in Beziehung. Es ist eine Beziehung, in der mich der Baum oder das Tier so sein lässt, wie ich bin – und das ist ein gutes Gefühl.

Im Garten gehe ich mit den Pflanzen eine Art Verhältnis ein; spätestens bis zur Ernte ist daraus Respekt geworden. Ich bin dankbar für die Energie und die Kraft der Erde, des Wassers und der Sonne, die die Pflanze so schön haben wachsen lassen.

Doch konventionelle Gärtner sind oft im Kampf. Sie fahren schwere Geschütze auf gegen Pflanzenkrankheiten oder Schädlinge. Wenn sich aber ein Ungleichgewicht im Garten einstellt, sollten wir stattdessen der Sache auf den Grund gehen und nicht nur Symptombekämpfung machen. Das erreichen wir, indem wir den Boden und die Pflanzen mit biologischen Hilfsmitteln «pro-aktiv» pflegen, etwa mit Kompost, Bokashi, Effektiven Mikroorganismen oder Brennnesselauszügen.

Wenn mich meine Erfahrung als mit der Natur arbeitender Gärtner etwas gelehrt hat, dann der Umstand, dass alles miteinander verbunden ist. Von der Gesundheit des Bodens, zur Gesundheit der Pflanzen und Tiere, welche wir verspeisen, über die Esskultur, in der wir uns «heimisch» fühlen, bis zur eigenen Gesundheit – alles hängt zusammen. Um uns gut zu ernähren, müssen wir also wieder mehr Zeit investieren, um den Boden und die Pflanzen zu pflegen, um gemeinsam zu kochen und die Mahlzeiten auch gemeinsam zu geniessen. Eine Stunde vor dem Essen in den Garten gehen, Frisches ernten und daraus etwas Feines zubereiten – das ist für mich wahrer Luxus.

Zur Person
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im A. Vogel Besucherzentrum in Teufen Appenzell Ausserrhoden tätig.

Foto: istockphoto.com, zvg

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